Arno Schmidt - Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger

Arno Schmidt - Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger

Arno Schmidt - Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger

Von Kurt Darsow

Zwei große Geister ringen um den richtigen Ton – der Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger demonstriert, wie feinfühlig Menschen miteinander umgingen, als das Kommunizieren noch auf dem Postweg erfolgte.

Arno Schmidt
Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger

Herausgegeben von Siegbert Damaschke
Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
1035 Seiten
68,00 Euro

Darauf hat die Arno-Schmidt-Gemeinde lange gewartet. Vierzig Jahre nach dem Tod ihres Idols legt der Suhrkamp Verlag endlich dessen Briefwechsel mit dem zwanzig Jahre jüngeren Hans Wollschläger vor. Zwar waren hin und wieder Bruchstücke aus der sagenumwobenen Korrespondenz zu lesen, aber erst der mustergültig edierte Schlussstein der Bargfelder Ausgabe macht den ganzen Umfang und die Tiefendimension ihres postalischen Zwiegesprächs deutlich. Warum Arno Schmidts gelehrigster Schüler das Geistergespräch mit seinem misanthropischen Mentor der Nachwelt nicht selbst unterbreitet hat, liegt nach der Lektüre dieses Dokuments einer unglücklichen Liebe auf der Hand.

Arno Schmidt - Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger

WDR 3 Mosaik 13.02.2019 05:35 Min. WDR 3

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Aufschneider und Erzbetrüger

"16 Uhr 30 bis 22 Uhr 30 Wollschläger: 1 Meter 73, dürr, 23, sehr hinfällig und überzüchtet; junger Mensch mit vielen Plänen; nicht unsympathisch (aber sympathisch eben auch nicht). Ich schenke ihm eine Anzahl meiner Bücher; er verspricht intime May-Materialien dafür."

 Profilbild in Schwarzweiß von Arno Schmidt

Arno Schmidt

Diesmal hatte der grimmige Arno Schmidt die Brille aufbehalten, die er bei weniger wichtigen Besuchern abzunehmen pflegte, um sie im Nebel der Kurzsichtigkeit verschwinden zu lassen. Hans Wollschläger war nicht irgendwer. Als Mitarbeiter des Karl May Verlags kam er an geheim gehaltene Materialien heran, die den Aufschneider und Erzbetrüger aus Radebeul auch als Schriftsteller entlarvten und seinen Editoren das Geschäft verderben konnten. Da Arno Schmidt sich in den Kopf gesetzt hatte, den tieferen Grund für Mays literarischen Erfolg herauszufinden, wurde der "begabte junge Mann" für ihn schon bald zu einem unverzichtbaren Mitstreiter:

In ihrem von 1957 bis 1972 währenden Briefwechsel überboten sich die beiden Literaturdetektive darin, dem Verfasser buntscheckiger Abenteuerromane auf die psychopathologische Schliche zu kommen. Für Arno Schmidt zumindest war Karl May danach als unterschwelliger Pornograph, der seine Romane zwanghaft mit auflagenträchtigen "Organabbildungen" würzte. "Sitara und der Weg dorthin" heißt das 1963 erschienene Werk, das diesen abstrusen Verdacht mit freudianischem Aberwitz untermauert. Ohne Wollschlägers Mitwirkung wäre es wahrscheinlich nie geschrieben worden. Jahre später hielt der May-Experte dem zunächst als „urkomisch“ bejubelten Buch eine "mörderische Schwulenhatz" vor: Es sollte nicht der einzige literarische Irrweg Arno Schmidts sein, an dem er mitgewirkt hat.

Der trauriger Ikarus

"Sie wissen, daß ich mich im allgemeinen wenig mit Rezensionen und fast nie mit jungen Autoren befasse. Ich habe bisher nur 2 Ausnahmen gemacht; einmal, in der Lyrik, mit Peter Rühmkorf; und nun hier mit Wollschläger, den ich, Fleiß & Glück vorausgesetzt, für einen guten kommenden Prosaschreiber halte."

Hans Wollschläger

Hans Wollschläger

Fast händeringend hat sich Arno Schmidt in den 60er Jahren für den Newcomer eingesetzt. Er hat ihm Schreibaufträge beim Rundfunk und bei Zeitungen besorgt, hat ihn im Umgang mit Verlegern und Redakteuren beraten und seinen in Arbeit befindlichen Roman "Herzgewächse oder Der Fall Adams" befördert.
Hans Wollschläger war dem menschenscheuen Schmidt ans Herz gewachsen. Doch während der zur Kultfigur aufsteigende Zampano seine literarische Agenda generalstabsmäßig abwickelte, blieb Wollschläger mit seinem Ehrgeiz auf der Strecke.

Seine faustischen "Herzgewächse" fanden keinen Verleger. Für Suhrkamp-Chef Unseld waren sie nicht zur Veröffentlichung geeignet, sondern nur zur Selbstfindung des Autors. Der erfolglose Romancier musste sich fortan mit Übersetzungen aus dem Englischen durchschlagen, aus denen nur der "Ulysses" von James Joyce herausragt. Er unterzog sich einer Psychoanalyse und verdiente seinen Lebensunterhalt als Musiklehrer an einem Gymnasium. Von Krankheiten zermürbt, kehrte er am Ende seines Lebens als Herausgeber der Historisch-Kritischen Ausgabe zu seiner alten Liebe Karl May zurück. Ein trauriger Ikarus, für den der Literaturhimmel zu hoch war.

Eine verhängnisvolle Beziehung

"Ich hatte beim Lesen von ‚Zettel’s Traum‘ das Gefühl, daß Sie in einem fürchterlichen Zustand sein müßten – und daß ich den kleinen Zugang, den Sie für mich einmal zustande kommen ließen, mit allen Kräften ausnützen müßte, um Ihnen etwas zu sagen, was Ihnen sonst keiner sagt: – ich muß nicht beschreiben, warum ich’s nicht fertigbrachte."

Als "kalkulierten Stich tief ins Herz" hat Gustav Seibt in der "Süddeutschen Zeitung" Wollschlägers letzten Brief an Arno Schmidt vom 22. November 1972 bezeichnet. Das ist er mit Sicherheit nicht, sondern höchstens ein unglücklich formulierter Ausdruck des Mitgefühls. Mit "geballten Fäusten und knirschenden Zähnen" hatte Wollschläger schon auf den ersten Seiten von "Zettel’s Traum" das künstlerische Fiasko geahnt, das Arno Schmidts mit seinem in jahrelanger Schwerstarbeit entstandenen Hauptwerk eingegangen war. Man werde das 25 Pfund schwere Buchmonster mit Tragriemen versehen und den größten Teil der Auflage der Bundeswehr für Gepäckmärsche offerieren müssen, hatte der Verfasser in lichten Momenten über sein Herzensbuch noch gewitzelt. Umso bitterer empfand er deshalb Wollschlägers Unverständnis gegenüber dem bis zur Unlesbarkeit mit Fußnoten und Anspielungen überwucherten Großprojekt. Ein happy end war der verhängnisvollen Beziehung zweier Geisterfahrer somit nicht beschieden. Gemeinsam hatten sie in geistlosen Zeiten mit literarischen Spitzenleistungen auftrumpfen wollen und waren dabei zum Opfer ihrer eigenen Hybris geworden. Wie es dazu kommen konnte und was dabei falsch gelaufen ist, lässt sich dem mehr als tausendseitigen Briefband entnehmen. Aber er bietet viel mehr als ein erhellendes Psychogramm der Selbstüberforderung: als Werkstattbericht, Ideenschmiede, Tiefenbohrung, Kummerkasten und Geisterbahn führt er einer mit elektronischen Kurzmitteilungen fuchtelnden Nachwelt vor Augen, wie feinfühlig Menschen miteinander umgingen, als das Kommunizieren noch auf dem Postweg erfolgte.

Hinweis zur Sendung:
Lesung am Mittwoch, 13.02.2019, 20:00 Uhr


Joachim Kersten und Bernd Rauschenbach lesen aus dem vierten Band der Bargfelder Ausgabe "Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger".

Begrüßung: Norbert Wehr (Schreibheft)
Einführender Vortrag: Giesbert Damaschke

Buchhandlung Proust
Am Handelshof 1 
45127 Essen 

Stand: 13.02.2019, 09:05