"Der Junge, der sein Herz wiederfand" von Elana Bregin

Buchcover: "Der Junge, der sein Herz wiederfand" von Elana Bregin

"Der Junge, der sein Herz wiederfand" von Elana Bregin

Ein junger Mann, der aus dem Kongo nach Südafrika flieht, wird durch die Kraft der Freundschaft gerettet. Elana Bregins Roman zeigt die seelischen Verwüstungen durch die Gewalt in Teilen Afrikas. Eine Rezension von Dirk Fuhrig.

Elana Bregin: Der Junge, der sein Herz wiederfand
Aus dem Englischen von Regina Jooß.
Limes, 2021.
240 Seiten, 18 Euro.

"Der Junge, der sein Herz wiederfand" von Elana Bregin

Lesestoff – neue Bücher 30.11.2021 05:09 Min. Verfügbar bis 30.11.2022 WDR Online Von Drik Fuhrig


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Leben auf der Straße

Emanuel ist minderjährig, er stammt aus dem Kongo und ist vor kriegerischen Auseinandersetzungen nach Südafrika geflüchtet. Sein Vater wurde ermordet, seine Mutter verschleppt:

"Und so endete er allein auf den von Bedürftigkeit vollen Straßen der großen Stadt namens Durban. Am Anfang war es sehr hart. Er kannte die Gesetze der Straße noch nicht, wusste nicht, dass sie in Wirklichkeit statt mit dem versprochenen Gold (…) mit Abfall und menschlichem Elend gepflastert waren. Das einzige Gold blitzte in den Zähnen der Tsotsi-Gangsterbosse, die Neulingen wie ihm das Leben schwer machten."

In den Drakensbergen

Eine Schriftstellerin in einem klapprigen alten Auto wird auf ihn aufmerksam. Der Junge erscheint ihr außergewöhnlich, er ordnet die bescheidenen Güter, die er anpreist, akribisch, lässt nichts verwahrlosen. Sie fühlt sich an ihren eigenen Sohn erinnert, der spurlos verschwunden ist. Esther nimmt den Jungen mit in die Drakensberge, eine der markantesten Landschaften Südafrikas, westlich von Durban. 

"Er stieg langsam aus und starrte auf die herrlichen Berge, die sich rund um ihn auftürmten, ihre Präsenz überwältigte ihn. (…) Die Bergspitzen hier sahen aus, als wären sie wie aus einem einzigen Riesenfels gehauen, so eng lagen sie beieinander. Ihre steinerne Macht schmerzte sein Herz, ebenso wie die Geier mit ihren weit ausgebreiteten Schwingen, die er weit darüber ihre Kreise ziehen sah. Das Blau des Himmels war von einer anderen Intensität als irgendwo sonst."

Die Heilsamkeit der Natur

Die spektakuläre Natur rund um diese "Drachenberge" heilt die seelischen Verwundungen des Jungen und bringt ihn zum Sprechen über die Gewalt, die er in seiner Heimat erfahren hat.

"'Der Kongo ist mit zu vielen Reichtümern gesegnet, das ist das Problem-.', hatte sein Vater ihm einmal erklärt. 'Darum geht es bei allen Kämpfen in Wirklichkeit. Um die Bodenschätze. Direkt hier in Kivo. Gold, Diamanten, Kobalt, das seltene Coltan, das sie im Westen für ihre Mobiltelefone brauchen. Sogar Öl gibt es hier. Alle wollen die Bodenschätze. Das ist die wahre Ursache der Kriege und Kämpfe, die schon toben, seit die Belgier unser Land damals besetzt, unser Volk versklavt und in die Minen geschickt haben.'"

Gewalt gehört zum Alltag

Die politische Situation im Kongo wird in dem Roman immer wieder schlaglichtartig beleuchtet: Rücksichtslose Milizen, die beim Kampf um die Reichtümer der Erde in unbeschreiblich brutaler Weise vorgehen. Massenvergewaltigungen sind in dem Land nahezu an der Tagesordnung, aber die Gewalt  - nicht nur gegen Frauen und Kinder im Kongo - findet in der Weltöffentlichkeit kaum Beachtung.

Auch dass innerhalb des afrikanischen Kontinents zahllose Flüchtlinge umherirren, taucht in Berichten hierzulande nur selten auf, ebenso wenig die latente Fremdenfeindlichkeit innerhalb der südafrikanischen Bevölkerung:

"Einer der Kongolesen hatte einen Einheimischen erstochen. Die Übrigen hatten, um ihr Leben zu schützen, aus der Gegend fortlaufen müssen, bis sich die Dinge wieder beruhigten. Die Erinnerung an die ausländerfeindlichen Gewaltausbrüche vor ein paar Jahren war bei allen noch frisch. Damals hatten Einheimische gegen die ungewollten 'Fremden' randaliert, hatten getötet, vergewaltigt und geplündert. Allen war bewusst, dass dieser Konflikt unter der Oberfläche noch schwelte und jederzeit wieder aufflammen konnte."

Durch gemeinsame Trauer verbunden

Diese Einblicke in den von Gewalt geprägten Alltag in einigen Ländern Afrikas sind allerdings in die etwas schlichte Rahmenhandlung einfügt, die die ungewöhnliche Freundschaft zwischen der alternden Schriftstellerin und dem minderjährigen Jungen betont: Zwei Menschen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Position finden in der gemeinsamen Trauer zueinander.

Esther trägt sich mit Suizidgedanken, weil ihr die Existenz nach dem Verschwinden ihres Sohnes sinnlos erscheint. Sie gewinnt wieder Lebensmut, indem sie Emanuel dazu bringt, sein Schweigen über die Grausamkeiten, die er in seinem Heimatland miterlebt  hat, zu brechen und sich damit selbst aus der Depression zu befreien. Das Ganze wird befördert durch die fast magische Wirkung, die Esther der Naturerfahrung in den Drakensbergen zuschreibt.

Menschenrechts-Aktivistin und Jugendbuch-Autorin

Elana Bregin, Jahrgang 1954, ist in ihrer Heimat als Menschenrechts-Aktivistin und Jugendbuch-Autorin bekannt geworden. Das macht sich in der etwas vordergründigen, lehrbuchhaften Konstruktion dieses Romans bemerkbar.

Jenseits der küchenpsychologischen Elemente und der Mystifizierung der Natur gelingt es ihr jedoch, den Blick auf die politische Situation und das Leid der Menschen im südlichen Afrika zu richten - und das ist die Stärke dieses Roman.

Stand: 28.11.2021, 16:46