Alexander Boschwitz - Der Reisende

Alexander Boschwitz - Der Reisende

Alexander Boschwitz - Der Reisende

Von Oliver Pfohlmann

Ein bedrückender Zeitroman, dessen Typoskript unmittelbar nach der "Reichskristallnacht" verfasst wurde: Ulrich Alexander Boschwitz schildert, wie ein jüdischer Kaufmann Hab und Gut sowie den Verstand verliert: eine literarische Wiederentdeckung.

Alexander Boschwitz
Der Reisende
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2018
304 Seiten
20 Euro.

November 1938

Überall im Deutschen Reich brennen die Synagogen; jüdische Geschäfte werden geplündert, zigtausende jüdische Mitbürger willkürlich verprügelt, verhaftet oder ermordet. Wem es gelingt, der flieht, versucht unterzutauchen, das Land zu verlassen. Wie Otto Silbermann, die Hauptfigur in dem endlich wiederentdeckten Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz. Eigentlich ist Silbermann ein angesehener Berliner Geschäftsmann und ein hochdekorierter Weltkriegsveteran dazu. Aber seit Hitlers Machtübernahme kommt auch er sich nur noch wie ein „Schimpfwort auf zwei Beinen“ vor, wie er sich eingestehen muss. Und wer ihm auch jetzt noch Respekt entgegenbringt, wie seine Nachbarin, ist doch schon zu sehr vom Hitler-Wahn infiziert, als dass für Silbermanns Not Platz wäre.

"Es sind wohl schwere Zeiten für Sie, meinte sie bedauernd, schreckliche Zeiten … Silbermann begnügte sich mit einem aufmerksamen kleinen Lächeln, das ebenso vorsichtig wie nachdenklich, weder zustimmend noch ablehnend war. Man hat uns eine sonderbare Rolle zugewiesen, grundsätzlich…, sagte er endlich. Aber es sind doch auch große Zeiten, tröstete sie ihn. Man tut Ihnen wohl Unrecht, aber deswegen müssen Sie trotzdem gerecht denken und verständnisvoll. Ist das nicht ein wenig viel verlangt, gnädige Frau?, fragte Silbermann."

Die Flucht des Otto Silbermann

Keine Stunde nach diesem absurden Gespräch im Treppenhaus klingeln auch bei Silbermanns die Häscher. Doch Boschwitz‘ Hauptfigur gelingt die Flucht. Verwirrt und verängstigt sitzt der Geschäftsmann kurz darauf im Zug, in Gedanken bei seiner nichtjüdischen Frau, die er zurücklassen muss. Hilfe erhofft er sich zunächst von seinem "arischen" Teilhaber in Hamburg, einem Parteimitglied. Und wird prompt enttäuscht: Sein ehemaliger Kriegskamerad sieht nur die willkommene Gelegenheit, das – Zitat – "Jüdchen" endlich auszubooten. Das ist nur eine von vielen bitteren Erfahrungen, die Silbermann auf seiner Odyssee erleben wird. Der Autor lässt seinen Protagonisten mit dem Zug kreuz und quer durch Deutschland irren, immer auf der Suche nach einem Ausweg aus dem zu einer einzigen großen Falle gewordenen Land. Wie viele deutsche Juden in jener Zeit hat auch Otto Silbermann zu lange mit dem Gang ins Exil gezögert.

Alexander Boschwitz

Alexander Boschwitz

Das unterscheidet den Protagonisten von seinem Autor, der bereits 1935 emigrierte; Ulrich Alexander Boschwitz war damals gerade einmal 20 Jahre alt. Der junge Romancier stammte aus einer Familie assimilierter Berliner Juden und schrieb erst in Paris, später in London gegen die wachsende NS-Gefahr an. Doch obwohl bereits 1939 Übersetzungen des Romans in England und den USA erschienen, geriet das Werk, zusammen mit seinem Autor, bald in Vergessenheit. Heute, in Zeiten von AfD und abnehmender Empathiebereitschaft, wirkt „Der Reisende“ geradezu gespenstisch aktuell: Etwa wenn belgische Grenzer den verzweifelten Flüchtling zurückschicken mit den Worten „Es können nicht alle nach Belgien kommen“. Oder wenn ein nichtjüdischer Geschäftspartner Silbermanns erklärt, wie wenig ihn das Leid der Juden kümmere:

"Ich habe meine Frau lieb und mein Töchterchen. Mit der übrigen Menschheit stehe ich im Geschäftsverkehr. Da haben Sie mein ganzes Verhältnis zur Umwelt. Ich liebe die Juden nicht, ich hasse die Juden nicht. Sie sind mir gleichgültig, und als tüchtige Kaufleute bewundere ich sie. Wenn ihnen Unrecht angetan wird, so bedaure ich das, aber es wundert mich auch nicht. Das ist der Lauf der Welt. Die einen, die gerade dran sind, fallieren und die andern reüssieren. Wenn Sie nun aber ein Jude wären? Ich bin aber keiner! Ich habe mir abgewöhnt, mir den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die sein könnten. Mir genügt schon das, was ist."

Eine literarische Wiederentdeckung

Dass dieser atmosphärisch dichte, genau beobachtete Roman heute, 80 Jahre nach seiner Entstehung, endlich in einem deutschen Verlag erscheint, ist Peter Graf zu verdanken. Der Herausgeber ist ein ausgewiesener Spezialist für literarische Wiederentdeckungen. Wie das Nachwort verrät, hat Graf das Originaltyposkript behutsam lektoriert. Nur schade, dass der Leser nicht wenigstens exemplarisch erfährt, was genau dabei geändert wurde.

Erstaunlich ist der Erzählsog, den Boschwitz‘ Roman entfaltet. Das liegt am atemlosen, prägnanten Stil, aber auch an der eigensinnigen Erzählweise: Der Leser sieht fast alles nur aus Silbermanns Froschperspektive. Besonders beklemmend sind dabei jene Momente, in denen der Protagonist in seiner Verzweiflung selbst seine Leidensgenossen verachtet, also durchaus kein reiner Sympathieträger ist. Nimmt man noch seine ausgelieferte Situation hinzu, liegt die Parallele zu Kafkas "Prozess"-Roman praktisch auf der Hand. Ob sich Boschwitz‘ Held vor den Nazis retten kann? Sein Autor jedenfalls konnte es nicht: England deportierte Ulrich Alexander Boschwitz als „feindlichen Ausländer“ 1939 nach Australien; auf der Rückfahrt drei Jahre später ertrank der Romancier mit 27 Jahren im Atlantik, nach einem Torpedotreffer durch ein deutsches U-Boot.

Stand: 24.02.2018, 13:14