Borcherts - Draußen vor der Tür

Borcherts - Draußen vor der Tür

Borcherts - Draußen vor der Tür

Von Christoph Vratz

Borcherts bahnbrechendes Nachkriegs-Drama wurde 1947 als Hörspiel für den NDR produziert und kam erst ein halbes Jahr später auf die Bühne. 1952 entstand eine weitere Hörspiel-Version, die nun erstmals auf CD vorliegt.

Wolfgang Borchert
Draußen vor der Tür

Hörspiel von 1952
Hans Paetsch, Sprecher
Maianne Kehlau, Mädchen
Hans Quest, Beckmann
Herbert Steinmetz, Einbeiniger
Fritz Wagner, Oberst
Erna Nitter, Frau von Oberst
Inge Stollen, Tochter
Hans-Günter Martens, Schwiegersohn
Kurt Meister, Kabarettdirektor
Inge Meysel, Frau Kramer
Wolfgang Wahl, Der Andere
Regie: Ludwig Cremer
GoyaLiT
CD
ISBN 978-3-8337-4007-7

Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will.

So äußerte sich Autor Wolfgang Borchert über sein autobiografisches Antikriegsdrama „Draußen vor der Tür“. Mit diesem provozierenden Untertitel lag Borchert natürlich falsch. Mehrere hundert Inszenierungen auf Theater-Bühnen, Übersetzungen in 40 Sprachen und dazu mehrere Hörspiel-Fassungen zeugen von der Bedeutung seines Dramas. Es wurde 1947 in Hamburg uraufgeführt – ein Tag nach dem Tod des Autors. Nun ist eine Hörspiel-Fassung von 1952 auf CD erschienen.

Er kommt ganz anders wieder, als er wegging

"Hier kommt ein Mann nach Deutschland. Er war lange weg, der Mann. Sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder, als er wegging."

Dieser Mann heißt Beckmann. Er war im Krieg, als Soldat, dann als Kriegsgefangener. Nun kehrt er heim, seelisch und körperlich verletzt.

"Er hat tausend Tage draußen in der Kälte gewartet. Und als Eintrittsgeld musste er mit seiner Kniescheibe bezahlen. Und nachdem er nun tausend Nächte draußen in der Kälte gewartet hat, kommt er endlich doch noch nach Hause."

Es ist die Geschichte des Heimkehrers Beckmann

Mit diesem Prolog eröffnet Wolfgang Borchert sein Drama "Draußen vor der Tür", geschrieben innerhalb weniger Tage im Januar 1947. Es ist die Geschichte des Heimkehrers Beckmann, der nach Kriegsende in der Trümmerlandschaft von Hamburg herumirrt. In skizzenhaften Szenen durchlebt er die Qualen eines Ausgestoßenen und Heimatlosen, er stellt Fragen, erhält aber kaum Antworten – ein Antiheld, gesichtslos und grau, und zugleich Stellvertreter für Hunderttausende andere.

Wolfgang Borchert

Wolfgang Borchert

Wolfgang Borchert war bei Kriegsende 24 Jahre alt.
ls Schauspiel-Schüler konnte er nur selten auftreten, seine Regie-Assistenz musste er aufgeben, denn er war bereits schwerkrank.

Trost fand Borchert beim Schreiben.

Er verfasste Gedichte, Erzählungen und eben "Draußen vor der Tür". Noch vor der Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen im November 1947 strahlte der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk bereits im Februar eine Hörspiel-Fassung aus. Regie führte Ludwig Cremer. Die Rolle des Beckmann hatte Borchert dem Schauspieler Hans Quest wie auf den Leib geschrieben. Für Quest, damals Anfang Dreißig und Schauspieler an den Kammerspielen und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, bedeutete diese Rolle den künstlerischen Durchbruch.

Nach einer Hörspiel-Adaption 1948 für den Bayerischen Rundfunk entstand 1952 schließlich eine weitere Rundfunk-Fassung für den NDR, wiederum mit Hans Quest als Beckmann.

"Ich war nämlich drei Jahre lang weg. In Russland. Und gestern kam ich wieder nach Hause. Das war das Unglück. Drei Jahre sind viel, weißt du. Beckmann – sagte meine Frau zu mir. Einfach nur Beckmann. Und dabei war man drei Jahre weg. Beckmann sagte sie, wie man zu einem Tisch Tisch sagt. Möbelstück Beckmann. Stell es weg, das Möbelstück Beckmann. Siehst du, deswegen habe ich keinen Vornamen mehr, verstehst du."

Die Hörspiele von 1947 und 52

Nahaufnahme: Hans Quest, Schauspieler; Protagonist "Draußen vor der Tür"

Hans Quest

Auf den ersten Blick ähneln sich die beiden Hörspiele von 1947 und 52. Denn beide Male führte Ludwig Cremer Regie, beide Male ist Hans Quest in der Rolle des Beckmann zu erleben.

Doch die übrige Besetzung weicht ab. In der nun als CD veröffentlichten Fassung von 1952 hören wir u.a. Hans Paetsch als Erzähler und Inge Meysel als Frau Kramer. Es folgt ein Ausschnitt aus jener Szene, als Beckmann Frau Kramer nach seinen Eltern befragt. Im Gegensatz zu der ursprünglichen Fassung, in der die Judenfeindlichkeit des Vaters herausgehoben wird, spielt dieses Thema nun keine Rolle:

"- Ihr Alter, das war ein tätiger Mensch, das wissen sie ja. Er brauchte seine Arbeit wie das liebe Brot. Na, und als das nun plötzlich vorbei war, da wurde er ganz krank, der alte Beckmann. Er hatte nichts mehr zu tun, und das konnte er eben nicht ab. Er musste faulenzen, und da wurde er faul bei – innerlich, wissen Sie, ganz morsch wurde er hier im Haus.
- Aber er hatte doch seine Werft.
- Ja, das wars‘ ja: Hatte, Junge, hatte! Dreißig Jahre lang war er um fünfe hoch und um sechse auf der Werft. Aber das war ja mit einem Mal alles vorbei."

Frau Kramer "schwatzhaft" und "schnoddrig"

Inge Meysel,

Inge Meysel,

Borchert nennt in der Regieangabe Frau Kramer "schwatzhaft" und "schnoddrig". Diesen Tonfall trifft Inge Meysel sehr genau. Und diese Schnoddrigkeit ist es schließlich, die Beckmann wütend aufschreien lässt:

"Ja, die alten Herrschaften von Ihnen hatten nicht mehr die rechte Lust. Einen Morgen lagen sie steif und blau in der Küche. So was Dummes, sagte mein Alter, von dem Gas hätten wir einen ganzen Monat kochen können.
- Ich glaube, es ist gut, wenn Sie die Tür zumachen, ganz schnell. Ganz schnell! Und schließen Sie ab. Machen Sie ganz schnell Ihre Tür zu, sag ich Ihnen! Machen Sie!"

Beckmann und "Der Andere"

Besonders eindringlich sind die Dialoge zwischen Beckmann und "Dem Anderen", seinem Alter Ego, einer Figur ohne Namen und Gesicht. Es sind zwei Figuren, die sich missverstehen und trotzdem eine Einheit bilden. Sie streiten, hadern und debattieren über den Sinn des Lebens und – noch mehr – über den Unsinn des Todes. Wolfgang Wahl ist in der Rolle des "Anderen" zu hören.

"- Und die Menschen seufzen nicht einmal auf, sie schlafen ruhig und tief weiter. Sie werden mit Zahlen gefüttert, die sie kaum aussprechen können, weil sie so lang sind. Und die Zahlen bedeuten…
- Hör nicht hin, Beckmann.
- Hör hin! Die Zahlen bedeuten: Tote, Halbtote, Granatentote, Splittertote, Hungertote, Bombentote, Eissturmtote, Ozeantote, Verzweiflungstote, Verlorene, Verlaufene, Verschollene."

Die ursprüngliche Konzeption Borcherts

In einer Rezension von 1952 heißt es treffenderweise: "Die Neuinszenierung von Ludwig Cremer zeigte klar, dass die ursprüngliche Konzeption Borcherts, eben das Hörspiel, seine Absicht am reinsten zur Geltung bringt."
Natürlich hat die erste Hörspiel-Fassung von "Draußen vor der Tür" aus dem Jahr 47 bis heute den historisch höheren Stellenwert. Dennoch schließt die fünf Jahre später entstandene Produktion, die nun als CD vorliegt, eine wichtige Lücke in der Rezeption, zumal sie technisch von besserer Qualität ist.

Stand: 05.03.2019, 15:15