Szilárd Borbély - Berlin Hamlet. Gedichte

Szilárd Borbély - Berlin Hamlet. Gedichte

Szilárd Borbély - Berlin Hamlet. Gedichte

Von Dirk Hohnsträter

Ein Lyriker von europäischem Rang: Szilárd Borbélys herausfordernde Gedichtzyklen liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor.

Szilárd Borbély
Berlin Hamlet. Gedichte.

Herausgegeben und aus dem Ungarischen übersetzt von Heike Flemming
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
201 Seiten
24 Euro

Ein literarisches Konstrukt

"Reiste ich Ostern nach Berlin, hättest Du irgend eine Stunde für mich, wenn ich komme? Es könnte eine beliebige Stunde sein, ich würde in Berlin nichts tun als auf sie warten. Ich habe kaum einen Anzug, in dem ich mich vor Dir sehen lassen kann. Das ist wahrhaftig nebensächlich. Es lockt einen nur so.[...] Wenn ich fahre, werde ich im Ascanischen Hof, Königgrätzerstraße wohnen."

Wenn Ihnen diese Sätze irgendwie vertraut vorkommen, sind Sie schon auf der richtigen Spur. Zwar handelt es sich um ein Zitat aus Szilárd Borbélys Gedichtband "Berlin Hamlet", doch verweist der Ausschnitt auf Franz Kafka, der sich am Ostersonntag 1913 im Hotel Askanischer Hof mit seiner Freundin Felice Bauer getroffen hat. Das Hotel in der Königgrätzer Straße existierte freilich nur bis 1923, das lyrische Ich vertritt also gleichsam den Prager Autor, auf dessen Spuren der ungarische Dichter durch Berlin streift. Ein komplexes literarisches Konstrukt, zu dem weitere Ebenen hinzutreten, beispielsweise Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“. Man merkt dem jetzt endlich auf Deutsch erschienenen Band den literaturwissenschaftlichen Hintergrund seines Verfassers an; es handelt sich um ein bildungssattes Buch, das zugleich ein poetisches Experiment darstellt.

"Ich glaube nicht an Dichtung. [...] Meine Poetik ist, falls ich eine habe, die Gereiztheit; Geister und Taugenichtse im Gespräch. Ein wirres Gemisch aus Rätsel und Stumpfsinn. Das wird mein Verhängnis. Ohne sie könnte ich nicht einmal mehr lügen."

Ein äußerst eigensinniges Textgebilde

"Berlin Hamlet", 2003 entstanden, setzt sich aus unterschiedlichsten Schreibweisen zusammen, die Borbély mit Überschriften wie "Allegorie", "Brief" oder "Fragment" versieht. Zusammen bilden sie ein äußerst eigensinniges Textgebilde, das Gattungsgrenzen hinter sich lässt. Andere Passagen tragen lediglich lakonische Ortsnamen wie "Naturhistorisches Museum", "Kurfürstendamm" oder "Wannsee":

"Fünfzehn Männer unterhielten sich am zwanzigsten Januar neunzehnhundertzweiundvierzig in einer der Villen am Großen Wannsee im Dunst von bitterem Zigarettenrauch und starkem Cognac. Der herbe Geruch erinnerte gar nicht an Blut.

Und bald gehen bei der Erfurter Firma Topf & Söhne unerwartete Bestellungen ein. Da aber fragte schon keiner mehr, wo ist der verrückte preußische Beamte? Und wohin verschwand das Blau aus Henriette Vogels Augen?"

Szilárd Borbély: "Berlin Hamlet - Gedichte"

WDR 3 Buchkritik 11.12.2019 05:14 Min. Verfügbar bis 10.12.2020 WDR 3

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Geschichte und Gewalt sind thematische Konstanten in Borbélys Schaffen.

Szilárd Borbély

Szilárd Borbély

Dies gilt nicht zuletzt für den zweiten Teil des von Heike Flemming übersetzten und mit einem hilfreichen Nachwort versehenen Buches. Es trägt den Titel "Leichenprunk". 2006 bis 2008 entstanden, bildet nicht das Berlin des 20. Jahrhunderts den Ausgangspunkt, sondern ein brutaler Raubmord, dem Borbélys Eltern am Heiligabend des Jahres 2000 zum Opfer fielen und deren Täter nach schlampigen Ermittlungen aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurden.

"Die Welt der Götter ist stumm, nur die Taten
gibt es: die rohe Gewalt und zügellose Gnaden-
losigkeit. Und auch Wörter gibt es keine
für die Gnade. Nach menschlichen

Begriffen krepiert das unschuldige Opfer
quiekend. Seine Schreie sind ohne Zeit und
hallen nach ohne Mitleid. Nach seinem Tod
vielleicht machen es die Götter zu einem Gott."

Eine Form für ein grausames Geschehen

Er habe den Eltern ein Denkmal setzen wollen und jahrelang nach einer Form für das grausame Geschehen gesucht, sagte Borbély. Am Ende standen drei Zyklen mit jeweils 40 Gedichten, von denen das vorliegende Buch eine Auswahl übersetzt. Die Texte greifen auf biblische, mittelalterliche und barocke Traditionen zurück, ein im Buch ebenfalls abgedruckter Begleittext mit dem Titel "Nebenstränge eines Verbrechens" trägt zum Verständnis bei. Es ist eine Herausforderung, diese Texte zu lesen: wegen ihrer literarischen Komplexität ebenso wie wegen ihrer verstörenden Thematik. Das jetzt in der Bibliothek Suhrkamp erschienene Buch eröffnet dem deutschsprachigen Publikum einen Dichter von europäischem Rang.

"Den langgezogenen Schrei
zu erzählen erfordert Entsagung.
Was eigentlich bringt die Zusammen-
hänge durcheinander? fragst du.
Der Schrei, der den Wald durchrollt,
ist, wenn er das Tal erreicht, schon
dumpfes Rauschen. Die Nachricht
von weit her wird zum Echo ihrer eigenen
sich verzögernden Ankunft. Ein Prolog,
dem Leiden folgt."

Stand: 09.12.2019, 15:12