Stefan Bollmann - Der Atem der Welt

Stefan Bollmann - Der Atem der Welt

Von Christoph Vratz

Johann Wolfang von Goethe war nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein glühender Naturforscher. Autor Stefan Bollmann ist dieser Fährte in seinem Buch nachgegangen, Bernt Hahn liest die gekürzte Hörbuch-Fassung.

Stefan Bollmann: Der Atem der Welt. Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur
Gekürzte Lesung mit Bernt Hahn.
Der Audio Verlag, 2021.
2 mp3-CDs, 13 Stunden und 39 Minuten Laufzeit, 25 Euro.

Stefan Bollmann. Der Atem der Welt. Goethe und die Natur (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 15.04.2021 06:03 Min. Verfügbar bis 15.04.2022 WDR 3


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Goethes naturgemäße Art der Fortbewegung

"Wer Mitte der 1790er Jahre in Weimar weilte, dem konnte es passieren – so wird erzählt –, dass sie oder er einem Mann im fortgeschrittenen Alter und mit deutlich hervortretendem Bauchansatz begegnete, der beim Spazierengehen wild mit den Armen ruderte."

Dieser seltsam rudernde Mann heißt Johann Wolfgang von Goethe.

"Darauf angesprochen, was er damit bezwecke, erklärte er, dass diese Art der Fortbewegung an die der Tiere erinnere und mithin naturgemäßer sei. Nie um alles in der Welt würde er sich etwa unterstehen, mit einem Stock zu gehen."

Sein weitreichendes Interesse an Naturwissenschaften

Vertieft man sich in Goethes Briefe und Tagebücher, in seine Schriften und Entwürfe oder besucht man sein Wohnhaus in Weimar mit all den Sammlungen zu naturwissenschaftlichen Objekten, so wird schnell klar, dass Goethe sich brennend für Naturbetrachtungen und Naturstudien interessiert hat.

Ob Zoologie oder Botanik, Mineralogie oder Meteorologie – es gab kaum ein Teilgebiet der Naturwissenschaften, das Goethe nicht genauer unter die Lupe genommen hätte. Kein Wunder, dass er auch die wagemutigen Versuche eines jungen Oberbergrates im nahegelegenen Jena genau verfolgte:

"Da wurden etwa präparierte Froschschenkel auf eine Glasplatte gelegt und deren Nerven- und Muskelenden mit verschiedenen metallischen Leitern verbunden. Beugte man sich mit dem Gesicht und dem Mund darüber, kam es zum Erstaunen aller zu so heftigen Zuckungen, dass der Froschschenkel von der Platte herabflog. Mit dem Hauch des eigenen Atems schien man das Froschbein in Bewegung versetzen zu können."

Wie die Natur Goethes Alltags-Denken beeinflusst hat

Der junge Bergrat ist der später berühmte Naturforscher Alexander von Humboldt. Für ihn sind solche Experimente einem "Zauber ähnlich".

"Und auch Goethe zeigte sich beeindruckt: 'Wie merkwürdig ist, was ein bloßer Hauch … thun kann!'"

Autor Stefan Bollmann erzählt in seinem Buch "Der Atem der Welt" Goethes Leben anhand all seiner naturkundlichen Interessen und Erfahrungen. Dabei sind Goethes Texte, etwa der "Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären", seine Äußerungen zur Urpflanze, zum Zwischenkieferknochen oder seine Beiträge zur Farbenlehre nur die Spitze des Eisberges. Bollmann versucht zu zeigen, wie die Natur Goethes Alltags-Denken beherrscht hat, weit über einzelne Schriften hinaus:

"Als er Bücher, Zirkel und Bleistift aus der Hand legt und seine Studierstube verlässt, um frische Luft zu schöpfen, könnte Goethe jedenfalls eine Ahnung davon bekommen haben, dass es darum gehen muss, mit der Natur gegen die Natur zu denken und zu handeln. War nicht auch das Mittel, das ihn geheilt hatte, Teil der Natur, destilliert aus Elementen, die ihr angehören. Und war nicht auch die Schöpferkraft, die er in sich spürte, Teil der gewaltigen Schöpferkraft der Natur, wie sie sich in ihren Kreisläufen manifestiere?"

Eine behutsame Reise in Goethes Natur-Kosmus

Rund 650 Seiten umfasst Bollmanns Buchausgabe über "Johann Wolfgang von Goethe und die Erfahrung der Natur", wie der Untertitel lautet. Die vorliegende Hörbuchausgabe ist auf eine Lesezeit von rund 13 Stunden gekürzt worden. Sprecher ist Bernt Hahn, der durch seine Kölner Lesungen von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ab Ende der 1990er Jahre einem breiteren Literatur-Publikum bekannt geworden ist. Behutsam führt Hahn den Hörer durch den Goethe-Natur-Kosmos und nimmt ihn mit auf Goethes Italien-Reise.

"Während die Kunst menschlichen Zwecken folgt, tut die Natur das gerade nicht. Daraus ergibt sich die für Goethe wichtige Gewissheit, dass in dem Ausschnitt, den der Naturbetrachter wahrnimmt, eine 'ganze wahre Existenz beschlossen ist', wie er sich ausdrückt. 'Was ist doch ein Lebendiges für ein köstlich herrliches Ding', notiert er, nachdem er am Lido von Venedig Seeschnecken und Taschenkrebse beobachtet hatte. 'Wie abgemeßen zu seinem Zustande, wie wahr! wie seyend! Und wieviel hilft mir mein bischen Studium und wie freu ich mich es fortzusetzen!“ Genau diese Wahrheit kann Goethe im Bereich der Kunst bislang nicht entdecken."

Bei schlechtem Wetter auf den Vesuv

Kein Wunder, dass Goethe Venedig bald wieder verlässt und es ihn nach Neapel zieht. Dort sieht er mit Spannung einem besonderen Naturphänomen entgegen: dem Vesuv-Vulkan, den Goethe zunächst jedoch bei schlechtem Wetter erklimmt. Er bahnt sich seinen Weg durch Wolken und über erkaltete Lava.

"Wir stiegen über sie an einem erst aufgeworfenen vulkanischen Hügel hinauf, er dampfte aus allen Ecken. Der Rauch zog von uns weg, und ich wollte nach dem Krater gehen. Wir waren ungefähr fünfzig Schritte in den Dampf hinein, als er so stark wurde, dass ich kaum meine Schuhe sehen konnte. Das Schnupftuch vorgehalten half nichts, der Führer war mir auch verschwunden, die Tritte auf den ausgeworfenen Lavabröckchen unsicher, ich fand für gut, umzukehren und mir den gewünschten Anblick auf einen heitern Tag und verminderten Rauch zu sparen."

Komplexe Zusammenhänge in sachlicher Klarheit

Bernt Hahn liest mit wohltuender Sachlichkeit, selbst bei solch unmittelbaren Erlebnis-Berichten. Sein Rhythmus, seine Klarheit lenken die Aufmerksamkeit des Hörers immer in die richtigen Bahnen. Seine Ruhe und sein gemessenes Grundtempo (in Verbindung mit seiner warmtönenden Stimme) helfen, auch komplexe Zusammenhänge mühelos nachvollziehen zu können. Wer den Naturkundler Goethe entdecken möchte, findet in Bernt Hahn einen sehr umsichtigen Stimmführer.

Stand: 14.04.2021, 13:50