Gernot Böhme/Rebecca Böhme - Über das Unbehagen im Wohlstand

Buchcover: Gernot Böhme/Rebecca Böhme - Über das Unbehagen im Wohlstand

Gernot Böhme/Rebecca Böhme - Über das Unbehagen im Wohlstand

Von Oliver Pfohlmann

Lockdown als Befreiung? Zusammen mit seiner Tochter, einer Neurowissenschaftlerin, untersucht der Philosoph Gernot Böhme, warum uns das Leben im Wohlstand nicht glücklich macht. Eine Rezension von Oliver Pfohlmann.

Gernot Böhme/Rebecca Böhme: Über das Unbehagen im Wohlstand
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
222 Seiten, 16 Euro.

Gernot Böhme/Rebecca Böhme: Über das Unbehagen im Wohlstand

WDR 3 Buchkritik 14.05.2021 05:26 Min. Verfügbar bis 14.05.2022 WDR 3


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Alles hat sein Gutes, heißt es. Also muss die Frage erlaubt sein: Gilt das auch für Corona? Gibt es so etwas wie eine „heilsame Lehre“ aus der Pandemie? Ist zum Beispiel eine Rückkehr zur vorherigen Normalität wirklich in jeder Hinsicht wünschenswert? Immerhin haben viele Menschen den Lockdown zumindest zu Beginn als eine Art Befreiung erlebt, nämlich vom ständigen Leistungsdruck und Terminstress ihres Alltags.

An diesen Nebeneffekt des Virus erinnern Gernot und Rebecca Böhme im Vorwort ihres gegenwartskritischen Essays „Über das Unbehagen im Wohlstand“. Der Titel bezieht sich auf jenen seltsamen Widerspruch, den der emeritierte Philosoph und seine Tochter, eine Neurowissenschaftlerin, in unserer Gesellschaft feststellen: Denn einerseits erleben wir einen ständig wachsenden Wohlstand und jahrzehntelangen Frieden. Andererseits scheint uns das aber nicht unbedingt glücklicher zu machen. Stattdessen hat der Stress längst so überhandgenommen, dass er uns sogar bis in die Freizeit oder den Urlaub verfolgt. Warum das so ist und was man dagegen tun kann, davon handelt das Buch des Autorenduos.

"Unsere Grundfrage: Wie kann der einzelne Mensch sein Leben so einrichten, dass er von den gesellschaftlichen Zwängen ein Stück weit unabhängig wird und ein nicht eindimensionales, sondern ein humaneres Leben führt?"

Die „gesellschaftlichen Zwänge“, das sind die Rahmenbedingungen, denen die Autoren eine ebenso umfassende wie deprimierende Analyse widmen. Gemeint ist all das, was unsere spätkapitalistische Gesellschaft kennzeichnet: die zunehmende Technisierung zum Beispiel oder das allgegenwärtige Leistungsdenken. Und vor allem die im Grunde bizarre Vorstellung, durch Konsum könnten wir Glück, ja sogar Selbstverwirklichung erlangen. Diese Lebensform haben wir alle längst so sehr verinnerlicht, dass sie uns normal vorkommt, betonen die Autoren – dabei sei das Suchtpotenzial enorm. Nicht nur bei diesem Thema erweist sich die Zusammenarbeit von Philosophie und Neurowissenschaft als ausgesprochen produktiv. Denn fast immer gehe es beim Shoppen nicht etwa um das Stillen von Bedürfnissen wie Hunger oder Durst. Sondern um diffuse „Begehrnisse“, wie die Autoren es nennen, die unser neuronales Belohnungssystem nach immer neuen Kicks suchen lassen.

"Tatsächlich ist der Großteil unseres Konsumverhaltens ein Stimulieren von Begehrnissen. Mode ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Man kauft sich ja kaum einen Pullover, weil man friert. Meistens kauft man einen Pullover, weil er schön aussieht und dem neusten Trend entspricht."

Dabei ist ein solches Shoppingglück selten von Dauer. Bei vielen endet es schon beim Blick in den Spiegel, wenn man erkennt, dass man eben doch nicht so perfekt ist wie die schönen Menschen auf den Seiten von Instagram. Und falls wir inzwischen zu kritischen Konsumenten geworden sind, werde das Unbehagen im Wohlstand nur noch größer, konstatieren die Autoren erbarmungslos. Denn nun lauert hinter jedem Kauf auch noch das schlechte Gewissen, und wer unbedingt moralisch einkaufen wolle, fühlt sich schnell überfordert angesichts undurchschaubarer Lieferketten oder immer neuer Nachhaltigkeitssiegel.

Egal, ob es um den Leistungswahn am Arbeitsplatz, die Auswüchse der Freizeitindustrie oder die Tricks der Lebensmittelkonzerne geht: Die von Gernot und Rebecca Böhme zusammengetragenen Einsichten sind durch die Bank weg ernüchternd. Freilich hat man ihre – übrigens verständlich geschriebene – Gegenwartskritik in ähnlicher Form schon anderswo lesen können, bei Harald Welzer etwa, Hartmut Rosa oder Gerhard Schulze. Aber das macht die Diagnose ja nicht falsch: Vieles müsste eigentlich ganz anders sein, aber fast nichts können wir ändern. Jedenfalls nicht im „Großen und Ganzen“. Aber im Kleinen, davon sind Vater und Tochter überzeugt, lässt sich eben doch ein halbwegs „richtiges Leben im falschen“ gestalten.

"Uns bleibt nichts anderes übrig, als 'das Beste draus zu machen'. Dafür benötigen wir Strategien, die uns unabhängig von den Bedingungen der Zeit, in die wir hineingeboren wurden, Glück erfahren lassen."

Was nun diese Strategien angeht, so liegen die Autoren mit ihnen ganz auf der Höhe der Zeit. Anstelle exotischer Reiseziele empfehlen sie zum Beispiel, sozusagen ganz Corona-konform, im Urlaub lieber die Region zu entdecken. Und wer sich unbedingt einen neuen Pullover zulegen will, könne sich ja mal in einem Second-Hand-Laden umschauen. Empfehlungen also, wie man sie ebenso bei Instagram finden kann, Hashtag Nachhaltigkeit.

Oder Hashtag Achtsamkeit. Denn wer meditiert, so Gernot und Rebecca Böhme, wer einfach nur seinen Atem beobachtet, erfahre das sich vollziehende Leben selbst. Und damit ein – Zitat – „Glück ohne Glücksgüter“. Da passt es ganz gut, dass Meditation in Lockdownzeiten zur Lieblingsbeschäftigung der Generation Woke geworden ist. Nicht nur das macht „Über das Unbehagen im Wohlstand“ zur passenden Lektüre, auch und gerade für die Zeit nach Corona. 

Stand: 11.05.2021, 16:26