Omri Böhm - Israel. Eine Utopie

Buchcover: Omri Böhm "Israel. Eine Utopie"

Omri Böhm - Israel. Eine Utopie

Von Ingo Zander

Auf bestem Wege in den Apartheidsstaat? Eine Streitschrift plädiert für eine neues staatspolitisches Selbstverständnis in Israel.

Omri Boehm: Israel. Eine Utopie
Propyläen Verlag,  220 Seiten, 20 Euro

Böhm plädiert für ein binationales Israel

Der Holocaust bildet den Identitätskern des israelischen Staates und bindet damit Israel immer wieder von Generation zu Generation an eine fatale Sackgasse. Das ist Ausgangsbasis für die Streitschrift von Omri Böhms Plädoyer für ein neues binationales Israel.

Die Gründung des Staates Israel war von den zionistischen Ideengebern - etwa Theodor Herzl - noch vage als binationales Staatsprojekt gedacht.  Doch wurde nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem systematischen Massenmord an den Juden mitten in Europa die historische Erfahrung instrumentalisiert. Die Shoah mutierte, so Böhm zu einer alles überschattenden Legitimierung des neuen Staates Israel. Das sei zwar historisch naheliegend gewesen, habe aber zu einer fatalen und rational nicht begründbaren Umdeutung der Bedrohungslage für die Juden im Nahen Osten geführt.

"Als die Israelis lernten, den Holocaust zur Grundlage ihres Nationalbewusstseins zu machen, bot es sich an, die Palästinenser in eine Reihe mit den Tätern zu stellen. Angeblich bekämpfen sie den Zionismus nicht aus politischen Gründen – im Ringen um Land, Menschenrechte, Grenzen, Selbstbestimmung, religiöse Stätten  usw.–,  sondern aus dem metaphysischen, antisemitischen Wunsch heraus, die Juden zu vernichten."

Fundament für einen Versöhnungsprozess

Omri Boehm: "Israel - eine Utopie"

WDR 3 Buchkritik 18.09.2020 05:38 Min. Verfügbar bis 18.09.2021 WDR 3

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Damit Juden in Israel auf die neue Herausforderung angemessen reagieren können, müssen sie sich vom angstbasierten mythischen "Holocaust-Messianismus" befreien, schreibt der Autor. Im ersten Kapitel des Buches analysiert er diese Ideologie kritisch – nicht ohne der Opfer zu gedenken, zu denen auch seine Großeltern gehörten. Eine staatspolitische Doktrin habe aus ihnen Aufgeopferte in einem zielgerichteten Prozess gemacht, an deren Ende die Schaffung eines jüdischen Staates stehe.

Das Bild von Israel als "dem ewigen Opfer" fungiere als eine machtpolitisch nützliche Legende, die davon ablenke, das Israel bei der Staatsgründung massiv Gewalt gegen Palästinenser – auch die Zivilbevölkerung – ausübte.

Diese Tatsache aber müsse ohne Scheu öffentlich bewusst gemacht werden, damit ein Versöhnungsprozess mit den Palästinensern ein Fundament bekommen könne und auch die Palästinenser den Holocaust als Trauma der Juden annehmen können. Böhm kritisiert das identitäre Staatsverständnis in Israel.

"Es mag einnehmend sein, vom Staat Israel als einem 'Heim' der Juden zu sprechen. Ein Heim ist privat und gemütlich und beruht auf Verwandtschafts-und Liebesbeziehungen. Liberale Demokratien aber sind in Wirklichkeit alles andere als ein solches Heim. Der Liberalismus besteht in der Idee, dass Staaten öffentlich sein sollen und nicht privat."

Fokus auf ethnischer Säuberungspolitik

Ein Schwerpunkt des Buches widmet sich der ethnischen Säuberungspolitik gegenüber den Palästinensern, die mit der Staatsgründung stattfand. Böhm spannt den Bogen bis zur Gegenwart und erinnert daran,  dass ab den 1970er Jahren die israelische Siedlungspolitik immer neue Tatsachen geschaffen hat, die einen Rückzug aus den besetzten Gebieten als bloße Schimäre erscheinen lasse.

Dennoch aber - kritisiert Böhm - wiederholten linksliberale Zionisten wie der Schriftsteller Amos Oz gebetsmühlenartig die Idee einer Zweistaatenlösung, die eng mit einem Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten verbunden sei.

Omri Böhm sieht nur einen Ausweg, um Israel von einem Kurs auf eine Politik der Apartheid gegenüber den Palästinensern abzubringen: den Aufbau eines binationalen Staates – er spricht von der "Republik Haifa" mit Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit für Palästinenser und Juden, mit zwei Parlamentskammern und einer Art Föderationsrat. Den verwaltungstechnischen Rahmen des neuen binationalen Staates deutet Böhm nur an. Seine Leistung liegt darin, die getrennte und teils verdrängte Geschichte von Juden und Palästinensern zusammenzudenken: als notwendige Grundlage für einen neuen binationalen Staat.

Etwas missverständlich für den Leser spricht Boehm von der notwendigen "Kunst des Vergessens". Der Autor meint damit keineswegs, das historische Fakten ignoriert werden sollten, sondern nur kollektiv neu als etwas Verbindendes bewertet werden sollen. Das Gedenken an den Holocaust und die Politik der ethnischen Säuberung nach 1948 sollten in einer gemeinsamen Erinnerungskultur eingebunden werden.

Realpolitisch aber nicht explizit        

"Israel. Eine Utopie" ist ein philosophisch tiefgründiges Buch über das kollektive Selbstverständnis des jüdischen Staates. Aber es ist darüber hinaus noch mehr. Der Autor, der vor rund zwanzig Jahren noch mit Stolz seinen Militärdienst beim israelischen Geheimdienst Shin Bet ableistete, liefert mit seiner Analyse einen realpolitischen Beitrag zur Existenzsicherung Israels im 21.Jahrhundert.

Allerdings überzieht Böhm seine Kritik zuweilen, etwa wenn er sich an einer Art Vatermord an Amos Oz versucht und dem Nestor der israelischen Friedensbewegung mangelnde Bereitschaft zur Wahrheitssuche plus Zensurverhalten vorwirft. Doch was schwerer wiegt: es hätte dem Buch gut getan, wenn Omri Böhm sich expliziter mit den irrationalen Vernichtungswünschen der Araber gegenüber Israel auseinandergesetzt hätte. Er wollte aber erst mal vor der eigenen Haustüre kehren, sagte er mir. Durchaus ein ehrenhaftes Motiv.

Stand: 16.09.2020, 23:44