Nico Bleutge - Drei Fliegen. Über Gedichte

Nico Bleutge - Drei Fliegen. Über Gedichte

Von Insa Wilke

Nach Durs Grünbein legt jetzt ein weiterer Protagonist der Lyrik-Szene ein anrührendes Kindheitsbuch vor. Nico Bleutges Erinnerungen an Mainzer Kindheitstage sind zugleich eine Einführung in Sinn und Zweck von Lyriklektüren.

Nico Bleutge: Drei Fliegen. Über Gedichte.
C. H. Beck, München 2020.
327 Seiten, 24 Euro.

Über das Lesen von Gedichten

Vor Jahren sagte eine renommierte Lyrik-Kritikerin, wenn ein Dichter in seinem Leben ein einziges gutes Gedicht schreibe, sei das ein Ereignis. Wenn man als Leserin ein solches Gedicht dann in einem Buch finde, adele dies den gesamten Band.

Nico Bleutge: "Drei Fliegen"

WDR 3 Mosaik 30.12.2020 05:23 Min. Verfügbar bis 30.12.2021 WDR 3


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"Drei Fliegen", das neue Buch des Dichters Nico Bleutge versammelt keine Gedichte, sondern erzählt vom Lesen und Schreiben von Gedichten, verbunden mit Erinnerungsszenen aus Bleutges Kindheit. Es gibt darin ein Kapitel, das wie dieses eine einmalig gelungene Gedicht wirkt: Es strahlt auf den gesamten Band ab. "Nicht hinauslehnen" heißt es und gehört zu den Erstveröffentlichungen, die ungefähr ein Drittel des Buches ausmachen, das ansonsten schon publizierte Essays, Dankes- und Lobesreden versammelt.

Texte, die von Dichtenden wie Elizabeth Bishop, Elke Erb und Ernst Jandl handeln, die Gedichte von Marcel Beyer, Barbara Köhler und Thomas Kling analysieren und poetische Denk- und Wahrnehmungsweisen beschreiben.

Erinnerungen an einen Tag mit den Großeltern

"Nicht hinauslehnen" unterschiedet sich von diesen Texten, auch wenn Nico Bleutge hier ebenfalls Lektüre, Reflexion und Erinnerung assoziativ verwebt. Im Zentrum steht eine Erinnerung an einen Tag bei den Großeltern. Bleutge ist zwölf Jahre alt und begleitet den Großvater ins Büro. Dort überlässt der ihm einen Füller, mit dem er während der Wartezeit gespielt hat, bevor die beiden in die Stadt gehen, wo sich der Junge auch noch ein Buch aussuchen darf. Glücklich und in der Freude die Pflicht des Dankens verdrängend, vertieft sich das Kind Zuhause in das neue Buch.

"Zum Mittagessen, etwa eine Stunde später, gingen wir zum Italiener. Doch etwas stimmte nicht. Es wurde kaum geredet, und die Großeltern, bildete ich mir ein, sahen mich nicht an. Auch während wir bestellten und später beim Essen wurde nur das Nötigste gesprochen, es kam mir vor, als machten die Sätze einen Bogen um mich."

Das Gefühl, das nach den Vorwürfen bleibt

Der Enkel hat sich nicht bedankt. Er wird gestutzt und gerichtet durch einen der perfidesten "Mechanismen der Unterdrückung", wie Bleutge es nennt. Auf den Vorwurf, der irgendwann viel später geäußert wird – "wir sind alle so enttäuscht von dir" – reagiert der Junge mit einem "Schockgefühl aus Kälte und Angst und Scham".

Diese Szene ist eine der ganz wenigen, die Bleutge nicht wie in den anderen Kapiteln völlig in eine gute Bewegung bzw. Schreibbewegung auflöst. Von ihr bleibt ein übler, unaufgeklärter und nicht sublimierter Rest. Und sie ist so bemerkenswert erzählt, dass sie das gesamte Buch auflädt, das eigentlich ganz harmonisch beginnt.

"Mainz, die Uferstraße, wo meine Großeltern Ende der siebziger Jahre wohnten. Was mich am Rhein interessierte, waren nicht die Fischer, sondern die künstlichen Wasserwesen: die Schiffe. Die Rheinfrachter schienen immer da zu sein. Tagsüber staunte ich über die Wellen, die sich an den Bugseiten bildeten, nachts begleitet mich das Stampfen der Motoren in den Schlaf."

Bleutge verknüpft Erinnerung und Wahrnehmung mit Gedichten

Eine Kindheit in den Siebziger Jahren im Westen Deutschlands. Leitmotivisch leuchten die Positionslichter der Rheinfrachter durch den Band, der tatsächlich mehr ist als die Summe seiner Teile, mehr auch als eine Poetik Vorlesung. "Drei Fliegen" erinnert an Durs Grünbeins Kindheitskaleidoskop "Die Jahre im Zoo". Nur, dass Nico Bleutge die Fragen des Erinnerns, Wahrnehmens und der Prägungen viel direkter in einen Zusammenhang stellt mit dem Lesen und Schreiben von Gedichten.

"Es geht nicht darum, Träume zu entziffern, wie es etwa die Psychoanalyse versucht, sie mit den Mitteln der zweckgerichteten Rationalität deuten zu wollen. Vielmehr umgekehrt die Optik des Halbschlafs auf die Wachwelt, die sogenannte empirische Wirklichkeit zu richten und das Zusammenspiel zur Sprache zu bringen. Wie könnte eine solche Sprache aussehen? Eine Sprache, die stillstellende und bestimmende Kraft des Begriffs zu unterlaufen?"

Die Welt als das wahrzunehmen, was sie im Inneren sei: ein Schwanken. Und die Signaturen der Zeit als "Gewebe von Versträhnungen und Verknotungen" ins Gedicht übersetzen. Solche grundlegenden Gedanken machen "Drei Fliegen" zu einer klugen Schule des Lyriklesens.

Die Vielschichtigkeit eines Dichterlebens eingefangen

Nico Bleutge führt durch seine eigenen Lektüren vor, wie Erkenntnis im Gedicht und wie das Gedicht selbst entsteht, weil ein Gedanke, eine Alltagsbeobachtung, eine Erinnerung wie zufällig assoziativ zusammentreffen und in eine Klangfolge transponiert werden. Man kann Möglichkeiten von Bleutge lernen, ein Reimschema zu lesen, und staunt über die fraglose Überzeugung, dass ein Dichter tiefer als andere ins "Schall- und Bildarchiv" der Menschheitsgeschichte blickt, in die Schichten der Zeit und der Sprache.

Nico Bleutge bleibt nicht dabei stehen, Christensens Verfahren der Fibonacci-Reihe nachzuvollziehen. Er fragt wie bei jeder seiner Lektüren nach den letzten Dingen, hier nach den euphorischen und katastrophischen Momenten des doppelgesichtigen Listen-Gedichts.

Bleutges Geduld und Genauigkeit sind enorm beeindruckend. Wenn diese Ernsthaftigkeit bisweilen etwas gesetzt wirkt, reißt einen ebenjenes Kapitel "Nicht hinauslehnen" aus dem Missverständnis heraus. "Drei Fliege"“ zeigt sich von hier aus gelesen als ein zutiefst offenes Bekenntnis, so dass Nico Bleutges Buch zum bewegenden Entwicklungsroman eines Dichterlebens wird.

Stand: 29.12.2020, 20:56