"Leben bei windigem Wetter" von Andrej Bitow

Buchcover: "Leben bei windigem Wetter" von Andrej Bitow

"Leben bei windigem Wetter" von Andrej Bitow

Ein Schriftsteller zieht mit Frau und Kind aufs Land. In der Ruhe will er produktiv sein – und leidet stattdessen unter einer Schreibblockade. Bis er genau das zu seinem literarischen Thema macht. Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Andrej Bitow: Leben bei windigem Wetter
Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze.
Suhrkamp Verlag, 2021.
152 Seiten, 20 Euro

"Leben bei windigem Wetter" von Andrej Bitow

Lesestoff – neue Bücher 26.11.2021 05:13 Min. Verfügbar bis 26.11.2022 WDR Online Von Thilo Jahn


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Im Arbeitszimmer unter dem Dach

Zum ersten Mal bemerkt Sergej den Wind in seinem neuen Arbeitszimmer, oben unter dem Dach der Datscha, in die er mit Frau und Sohn gezogen ist.

"Der Wind brauste mit Macht gegen sein Stockwerk, alles knackte und knarrte, es war, als stäche gleich ein Segelschiff in See. (...) Das Stockwerk dröhnte unter den Windstößen, und mit ihm vereint konnte man seine Beanspruchung spüren, die Spannung all dieser Sparren, Pfosten, Pfähle."

Gefangen in der Schreibblockade

Dieser Wind, mal stürmisch wie hier, mal leise sirrend oder spielerisch fordernd, wird Sergej in der nächsten Zeit begleiten bei allem was er tut. Und das ist vieles – nur leider nicht Schreiben. Dabei hat er genau das Gegenteil erhofft: raus aus der Stadt, aufs Land, in die Ruhe - und dann die kreative Explosion.

Stattdessen eine völlige Schreibblockade. Jeder Abend endet voller Hoffnung auf den nächsten Morgen, jeder nächste Morgen wird wieder vertrödelt und vertan. Dabei macht er unerwartete Erfahrungen:

"Bei seinem Geplantsche im Meer der Zeit saß er meistens zu Hause und sah ständig neben sich seinen Sohn, ein Geschöpf, so vollkommen lebendig, dass er sich für alles Unlebendige in sich schämte, besonders für etwas derart Unlebendiges, wie darauf fixiert zu sein und es in sich zu durchleben."

Die Inspiration kommt nicht

Während der Spaziergänge mit dem Kleinen, der mit seinen ersten Schritten das Leben entdeckt, empfindet Sergej zwar ein unfassbares, glucksendes Glücksgefühl – doch zum Schreiben bringt es ihn nicht. Auch nicht die Ausflüge in die Stadt, mit den angeblich dringenden Besorgungen, von denen er müde und ausgelaugt zurückkommt. Keine Idee, kein Durchbruch, kein Kuss irgendeiner mitleidigen Muse.

"Später aber, schlimme Vorstellung, werde ich herumlaufen und – worüber könnte ich schreiben? Worüber? Geht mich das was an? Darüber? Aber warum gerade darüber? Oder über das dort? Bringt auch nichts...."

Schreiben über das Schreiben

Und doch baut sich etwas in ihm auf. Urplötzlich löst sich die Blockade – indem er thematisiert, was da mit ihm passiert. Eine autobiographische  Erfahrung: Das Schreiben über das Schreiben, das Zentrum seiner Welt in sich selbst zu entdecken, wurde Andrej Bitows ureigenstes Thema.

Seine Erzählungen und größeren Romane – darunter sein bekanntester, "Das Puschkinhaus" – haben zwar eine Geschichte als roten Faden, aber viel wichtiger ist das assoziative Gemisch, das den Rest füllt: literarische Anspielungen, subjektive Befindlichkeiten, politische Tiefenwirkungen, psychologische Fremdgängerei. Alles überlagert sich, wird variiert, taucht in verschiedenen Texten in leicht veränderter Form wieder auf: das ganze Werk von Andrej Bitow ist "work in progress", ein nie abreißender Strom.

"Meine Abhandlung entzieht sich meiner Aufsicht und Reichweite. Was ich insgesamt darin widerspiegle, weiß ich nicht, aber Veränderungen von Intonation und Stimmung habe ich in der Zeit, die auf die erste Seite folgte, schon mehrfach erlebt."

Zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit

Beispielhaft dafür stehen auch die beiden Texte, die hier zum ersten Mal auf Deutsch zusammen in einem Band erscheinen: "Leben bei windigem Wetter" von 1963 und "Um die Ecke". Beides besonders persönliche, zum Teil tagebuchartige "Aufzeichnungen eines Einzelkämpfers", wie ein Untertitel heißt, politische und sprach- bzw. schreibphilosophische Reflexionen, sehr klug, sehr poetisch – und sehr erhellend durch die zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit oszillierenden Beobachtungen des Autors.

So viele Möglichkeiten – von Leben, von Sprache, von Erscheinungen. Vielfältig wie der ständig wehende Wind:

"Im Übrigen war es kalt, ein solcher Wind, vielleicht waren deshalb keine Leute da, und diejenigen, die da waren, froren irgendwie regungslos im Wind, und es war, als würden gerade sie den Eindruck von Menschenleere schaffen, und wäre sie nicht da."

Stand: 17.11.2021, 14:45