Günther Birkenfeld - Wolke - Orkan - und Staub

Günther Birkenfeld - Wolke - Orkan - und Staub

Günther Birkenfeld - Wolke - Orkan - und Staub

Von Ulrich Rüdenauer

Günther Birkenfeld kennen heute nur noch Experten der Nachkriegsliteratur, obwohl er seinerzeit eine wichtige Rolle spielte. Ein neu aufgelegter Roman von 1955, ist keine literarische Offenbarung, aber ein spannendes Dokument seiner Zeit.

Günther Birkenfeld
Wolke - Orkan - und Staub

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf
Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2018
438 Seiten
25 Euro

Verschiedene Perspektiven

1955 erschien der Roman "Wolke – Orkan – und Staub" des heute fast vergessenen Autors Günter Birkenfeld. Er spielt vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg, in unterschiedlichen Milieus, die miteinander verquickt sind, versucht die Zeit aus verschiedenen Perspektiven in den Blick zu nehmen und die unterschiedlichen Formen von Opportunismus und Widerstand, Fanatismus und Schicksalsergebenheit anhand einzelner Figuren erkennbar werden zu lassen. Die zentrale Figur, um die sich alle anderen gruppieren, heißt Anna Elisabeth Jurchow, Sekretärin in einem Anwaltsbüro am Kurfürstendamm in Berlin, liiert mit einem soliden Historiker, befreundet mit einem jüdischen Arzt, verliebt in einen Widerstandskämpfer, protegiert von einem preußischen Baron, der die Nazis hasst, aber einträgliche Geschäfte mit ihnen macht. Anna erwartet ein Kind von ihrem Geliebten, dessen Aktivitäten auffliegen und der von den Hitler-Schergen ermordet wird:

"In der Erwartung auf das Kind verloren die Gedanken an Klaus Schilling ihre vergiftende Bitternis. Die Trauer war nicht mehr ohne Trost und alles Sinnen und Trachten richtete sich auf die Mutterschaft. Oft neigte Anna das Ohr ihrem Leibe entgegen, mit jener ihr so eigenen Gebärde, und lauschte und lauschte. Rührte es sich noch nicht? Aber sei doch nicht so kindisch, Lubka, wir sind doch erst im Ende des September."

Das Schlimmste steht noch bevor

Es ist das Jahr 1938, das Schlimmste steht Anna und ihren Freunden noch bevor. Der Orkan kündigt sich aber schon an. Bald geht es ums Überleben und darum, sich im Kampf Menschlichkeit zu bewahren – inmitten eines unmenschlichen Systems. Dabei ist einigen von Birkenfelds Figuren durchaus Klarsicht gegeben, einmal sinniert der Dichter und Obergefreite Jürgen Hechta, ein Freund Annas, über den Abgrund nach, in den sich Deutschland selbst gestürzt hat. Er macht sich weder Illusionen noch findet er mitten im Krieg Entschuldigungen für sein Land:

"Soviel verbrecherische Ordnung und frömmelnde Selbstgerechtigkeit, soviel Herzensträgheit und Mordgehorsam kann nur in einem totalen Chaos umgeschmolzen werden zu menschenwürdiger Haltung und Gesittung. Wir haben die apokalyptischen Reiter herbeigerufen auf die Städte der anderen, auf Warschau und Rotterdam und Coventry, nun kommen sie über die unseren mit den dröhnenden Hufen ihrer Rosse, mit Schwert und Sense, Waage und Sanduhr! In einem hat dieser Hitler recht: dieses Zeitalter strebt zum Totalen, allerdings nicht im Zeichen des Hakenkreuzes, sondern in dem des Grabkreuzes."

Prägende Ereignisse

Der Orkan hinterlässt eine Trümmerlandschaft. Niemand tritt daraus heil hervor, jede der Figuren hat seine eigene Unheilsgeschichte zu tragen, moralische Schuld auf sich geladen oder aus Verzweiflung einen Weg eingeschlagen, der das Leben in der Nachkriegszeit bestimmt und verschattet.

"In rötlichen Schwaden wehte der Staub heran von den lotrecht aufgebauten Ziegelsärgen, in gelblichen Schwaden trieb er herzu vom Schloss Bellevue und in lavagrauen aus den zertrümmerten Bürgerhäusern und den zermahlenen Schutthügeln. Staub, Staub, Staub, rötlicher, gelblicher, lavagrauer Staub."

Ein leidenschaftliches, aber nicht ganz kritikloses Denkmal

Die Konflikte und die Linie, die sich von der unterdrückerischen Naziherrschaft über den Luftkrieg bis zu den Psychosen des Nachkriegs ziehen – das schildert Günther Birkenfeld sehr hellsichtig. Spannend ist das Buch, auf dem durchaus eine gewisse sprachliche Patina liegt, als literarisches Zeugnis der fünfziger Jahre.

Peter Graf

Peter Graf

Der Verleger Peter Graf, der in den letzten Jahren immer wieder aufsehenerregende literarische Funde vorstellte, hat mit Birkenfelds Roman aber nicht nur ein interessantes Dokument über die Zerstörung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg und die daraus folgenden Traumatisierungen ausgegraben. Er hat eine bisher übersehene andere Fährte offengelegt: Graf weist in seinem Nachwort darauf hin, dass Birkenfeld einige Figuren seines Buches nach realen Vorbildern gezeichnet hat. Vor allem eine Entdeckung ist literaturhistorisch bemerkenswert: Hinter dem Dichter Jürgen Hechta vermutet Graf den Lyriker Peter Huchel, der mit Günther Birkenfeld während des Kriegs in einer Einheit am Berliner Flughafen Dienst tat. Die beiden verband eine Freundschaft.

Mehrere Indizien führt Graf in seinem Nachwort für die These auf, dass Birkenfeld Huchel ein "leidenschaftliches, aber nicht ganz kritikloses Denkmal" gesetzt hat. Hechta, der in der inneren Emigration die Kriegszeit übersteht, spielt nach 1945 zunächst keine allzu rühmliche Rolle. Der Roman zeigt allerdings auch, dass die Zeiten nicht dazu angetan waren, stets auf der richtigen Seite zu stehen – die Zerstörungen nämlich gingen quer durch die Menschen selbst.

Günther Birkenfeld: "Wolke - Orkan - und Staub"

WDR 3 Buchrezension 29.01.2019 05:02 Min. WDR 3

Download

Stand: 28.01.2019, 14:06