Bertolt Brecht - 100 Gedichte

Bertolt Brecht - 100 Gedichte

Bertolt Brecht - 100 Gedichte

Von Christoph Vratz

Nicht nur auf dem Theater war er Vordenker und Neuerer: Bertolt Brecht war auch einer der großen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Eine Auswahl mit hundert Gedichten liegt nun in einer Edition mit Katharina Thalbach und Sylvester Groth auf drei CDs vor.

Bertolt Brecht
100 Gedichte
Ausgewählt von Siegfried Unseld
Ungekürzte Fassung mit Katharina Thalbach, Sylvester Groth
Audio Verlag
3 CDs
9783742404077

Rund 2300 Gedichte enthält die große kommentierte Ausgabe mit sämtlichen Werken von Bertolt Brecht (der übermorgen 120 Jahre alt geworden wäre). Anders gesagt: Seine Lyrik füllt fünf dicke Bände und deckt alle Facetten des Genres ab: Ballade, Elegie, Hymne, Psalm, Sonett – und noch viel mehr. Brechts Gedichte sind wie ein Spiegel seines ganzen dichterischen Schaffens aus allen Lebensphasen.

Aus diesen 2300 Gedichten hat der Verleger Siegfried Unseld zu Lebzeiten eine Auswahl von 100 Texten ausgewählt. Jetzt liegen diese Gedichte in einer Hör-Edition mit drei CDs vor – ungekürzt! Die Sprecher sind Katharina Thalbach und Sylvester Groth.

Es ist das Jahr 1913

Einige Schüler des Realgymnasiums in Augsburg gründen eine Zeitung, „Die Ernte“. Einer von ihnen ist Bertolt Brecht. Seine ersten Publikationen unterzeichnet er noch mit dem Pseudonym Berthold Eugen. Niemand kann ahnen, dass dieser Schüler später mit Sammlungen wie der „Hauspostille“ Literaturgeschichte schreiben wird. Sie erschien erstmals 1926 und wurde von Brecht über fast drei Jahrzehnte immer wieder überarbeitet. Darin befindet sich auch der autobiographische Text „Vom armen B.B.“ von 1922.

"Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern.
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein
Als ich in ihrem Leibe lag. Und die Kälte der Wälder
Wird in mir bis zu meinem Absterben sein."

"Mit diesem Gedicht", so schreibt Brecht einmal, "ist der Liedcharakter der Balladen aufgegeben." Anders gesagt: Brecht steht bereits 1922 an einem Wendepunkt in seiner künstlerischen Entwicklung. Statt ländlicher Idylle schreibt er nun über Großstadt-Assoziationen, aus Handlung wird Reflexion.

"Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!
Fröhlich machet das Haus den Esser: er leert es.
Wir wissen, daß wir Vorläufige sind
Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes."

Ballade vom angenehmen Leben

Eine düstere Erkenntnis, denn von der Zivilisation wird nur eines bleiben: "Nichts Nennenswertes“. Das Gedicht erscheint wie ein Requiem auf die bürgerlichen Werte, es beschreibt das Ende jeglichen Fortschritts. Schauspieler Sylvester Groth liest das mit seiner dunklen, markigen Stimme halb beklagend, halb anklagend und am Ende fast ausdruckslos. Groth trifft immer wieder den Brechtschen Ton des Bitteren sehr genau, so auch in der "Ballade vom angenehmen Leben" aus der "Dreigroschenoper". Gangsterboss Mackie Messer sinniert im Gefängnis (hier ohne die Musik von Kurt Weill):

Portrait von Bertolt Brecht in Lederjacke, Zigarre rauchend an ein Klavier gelehnt.

Bertolt Brecht

"Ihr Herrn, urteilt jetzt selbst: ist das ein Leben?
Ich finde nicht Geschmack an alledem
Als kleines Kind schon hörte ich mit Beben:
Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Da preist man uns das Leben großer Geister
Das lebt mit einem Buch und nichts im Magen
In einer Hütte, daran Ratten nagen.
Mir bleibe man vom Leib mit solchem Kleister!
Das simple Leben lebe, wer da mag!
Ich habe (unter uns) genug davon."

An die Nachgeborenen

Sylvester Groth und Ahmed Salman Rushdie

Sylvester Groth

Die Ballade erzählt keine Handlung, keine Begebenheit, sondern beschreibt in einfachen Worten eine Form von Lebensverdruss. Sylvester Groth liest das auf eine herbe Weise, unpathetisch, wie ein Vereinsamter, der gallig auf ein entmutigendes Leben blickt.
Wo Groth einen allzu resignativen Ton vermeidet, arbeitet Katharina Thalbach ihn in einigen Texten umso stärker heraus, vor allem in "An die Nachgeborenen" aus den "Svendborger Gedichten", die Brecht in den 1930er Jahren im Exil verfasst hat.

"Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit
Die Sprache verriet mich dem Schlächter
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich K
aum zu erreichen."

Lied der Mutter Courage

Katharina Thalbach

Katharina Thalbach

Den Verlust von Heimat und das Gefühl von Verbannung bringt Katharina Thalbach wunderbar zur Geltung. Wie sehr sie mit Brechts Werken, seiner Sprache, seinen Rhythmen vertraut ist, merkt man in jedem der von ihr gelesenen Gedichte. In den 60er Jahren wuchs sie in jenem Berliner Theatermilieu auf, das die Brecht-Jünger nach dessen Tod noch eine Zeitlang geprägt haben. Schließlich spielt und inszeniert Thalbach Brechts Werke seit Jahrzehnten im Theater, liest seine Texte bei Lesungen, singt die Songs in ihren Soloprogrammen. Von daher zählt das Lied der Mutter Courage zu einem der Höhepunkte dieser Gedicht-Edition.

"Herr Hauptmann, laßt die Trommel ruhen,
und laßt euer Fußvolk halten an:
Mutter Courage, die kommt mit Schuhen,
in denens besser laufen kann.
Mit seinen Läusen und Getieren,
Bagage, Kanone und Gespann –
soll es euch in die Schlacht marschieren,
so will es gute Schuhe han."

Dieses Hörbuch deckt Brechts ganzen literarischen Werdegang ab

Das Spektrum der 100 Gedichte zeigt den Lyriker Brecht in seiner ganzen Vielfalt, als Kämpfer und als distanzierten Beobachter, als Aufrüttler und nachdenklichen Zeitzeugen. Dieses Hörbuch deckt seinen ganzen literarischen Werdegang ab, von den frühen Texten über die Exiljahre mit den Hollywood-Elegien bis zu seiner letzten großen Sammlung, den "Buckower Elegien" mit dem kleinen Gedicht "Der Rauch".

"Das kleine Haus unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See."

Insgesamt ergänzen Sylvester Groth und Katharina Thalbach einander exzellent. So ist ein herausragendes Hörbuch entstanden, das den Lyriker Bertolt Brecht in seiner ganzen Vielfalt und mit all seiner Tiefe abbildet.

Hörbuch: Bertolt Brecht - 100 Gedichte

WDR 3 Buchrezension | 08.02.2018 | 06:09 Min.

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Stand: 06.02.2018, 00:34