Buchcover: "RCE. #RemoteCodeExecution" von Sibylle Berg

"RCE. #RemoteCodeExecution" von Sibylle Berg

Stand: 04.05.2022, 14:42 Uhr

Das Internet, einst als Weg in die globale Freiheit gepriesen, ist zu einem Medium für Manipulation und Machtmissbrauch verkommen. Eine Gruppe von Nerds plant den digitalen Aufstand in Sibylle Bergs neuem Buch. Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Sibylle Berg: RCE. #RemoteCodeExecution
Kiepenheuer & Witsch, 2022.
708 Seiten, 26 Euro.

"RCE. #RemoteCodeExecution" von Sibylle Berg

Lesestoff – neue Bücher 06.05.2022 05:26 Min. Verfügbar bis 06.05.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


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Die Realität der modernen Welt

Ist sie nicht schön, die moderne Welt? So voller Hoffnung auf eine leuchtende Zukunft?

"Die neue Technologie, der Segen der Menschheit, würde der Ausweg aus Gewalt, Hass, Ungerechtigkeit und Klimakatastrophen sein."

Die Realität dagegen: Wohnungen als Spekulationsobjekte, die Mieter auf die Straße entsorgt; ein privatisiertes Gesundheitssystem, von dem nur Privilegierte profitieren; eine skrupellose Nahrungsmittelindustrie, die Menschen mit wertlosem Fastfood vergiftet.

"'Der nächste Schritt wäre, den Leuten Zucker, Fett, Hormone und Pestizide einfach in die Venen zu spritzen.' (...) Siebenhundertsechzig Milliarden hatten die Aktionäre mit Insulin verdient."

Das wichtigste Instrument der Manipulation

Sibylle Bergs böser Blick sieht ein Gespinst aus Geheimnissen, Lügen, Fake News und Selbstbetrug, bedient durch das wichtigste Instrument der Manipulation: das Internet.

Einst wurde es gepriesen als Weg in eine neue globale Freiheit, doch die Autorin gehört zu denen, die schon früh vor seinem Missbrauch durch Wirtschaft und Staat warnten, vor durch Bots manipulierten Wahlen, von Algorithmen geführten Cyberkriegen, persönlichen Daten als Kryptowährung eines Kapitalismus im Höhenrausch.

"Man bräuchte einen Neustart. Aber wer sollte das tun? Und was sollte danach kommen? Wogegen sollte man sein und kämpfen und anschreien?"

Das fragt sich auch eine Gruppe junger Computerfreaks, fünf von der Gesellschaft ausgespuckte Junggenies, die schon einmal diesen Neustart, sprich den Widerstand, versucht hatten. In "GRM. Brainfuck", dem Vorgängerbuch von "RCE", wird erzählt, wie sie scheiterten - am dümmlich-trägen Desinteresse derer, für die sie eigentlich kämpften.

"Denn die Menschheit war zufrieden in einem vollüberwachten, geregelten System, das eigentlich ohne Menschen auskäme. Sie waren ruhig und satt inmitten der Auflösung.“ Es war doch alles so wunderbar smart geworden."

Eine Analyse von Whistleblowern

Diesmal haben die Nerds einen anderen Plan: sich in fremde Systeme zu hacken, um sie via Remote Code Execution, RCE, zu manipulieren. In einem abhörsicheren Container in den Schweizer Bergen nehmen sie sich Regierungen, Konzerne und die verborgenen Strippenzieher in Politik und Wirtschaft vor.

Und deshalb liest sich Sibylle Bergs "RCE" über weite Passagen wie eine Analyse von Whistleblowern, die das verborgene Macht-Darknet der Wenigen ausleuchten, die mehr oder weniger heimlich die ganze Welt beherrschen. Dabei mäandert sie munter zwischen apokalyptischen Visionen und der erkennbaren Wirklichkeit, mit nur wenig Rücksicht auf Leser, die nicht vertraut sind mit der digitalen Welt.

"Die Chat-App – kurz RCE-App – lief ohne abzustürzen (...) nicht über einen zentralen Server, sondern Peer-to-Peer. Es gab also nicht einen Server, sondern Millionen: die Funkzellen der UserInnen."

Doch Uneingeweihte bitte nicht verzweifeln - im Anhang gibt es ein Glossar. Und vor allem die andere Ebene des Buches: der kriminalistisch-spannende Bericht über eine digitalanarchische Revolution.

Machtstrukturen werden offen gelegt

Die fünf Freaks, unterstützt von Gleichgesinnten auf der ganzen Welt, legen die Machtstrukturen nicht nur offen – sie legen sie lahm. Dass dabei Banken brennen und das eine oder andere Gebäude gesprengt wird, ist Teil des Plans, der Rest pazifistischer Slapstick. Wie der Abschied des spanischen Monarchen:

"Und dann geht die Königsfamilie. Hocherhobenen Hauptes, und wird von zwei Menschen in pinken Uniformen in einen Wagen geleitet und an den Stadtrand verbracht. Viel Glück auf dem Weg. Aus dem Rückspiegel sieht der König junge Menschen, die Kissenschlachten auf dem Schlossvorplatz machen."

Stilistisch funkelnde Autorin und Aufklärerin

"RCE" ist witzig, böse und lustvoll anarchisch, voller zynischem Zorn über einen gewinnbesoffenen und moralbefreiten Spätkapitalismus, und Sibylle Berg nicht nur eine stilistisch funkelnde Autorin, sondern auch Aufklärerin.

Nach der Lektüre von "RCE" sieht man jedenfalls vieles mit anderen Augen – unter anderem eine Gesellschaft, die lieber im medialen Dauerrausch versinkt statt die Augen zu öffnen für den eigenen Missbrauch. Hoffnung auf Änderung?

"Eine Pause im Irrsinn. Noch eine Anstrengung, das Aussterben zu verhindern, in einer seltsamen Entschlossenheit vereint. Es ist der letzte Versuch."