Hans Bender, Hermann Lenz - Anfänge sind schön, Briefwechsel 1963 – 1994

Hans Bender, Hermann Lenz - Anfänge sind schön, Briefwechsel 1963 – 1994

Hans Bender, Hermann Lenz - Anfänge sind schön, Briefwechsel 1963 – 1994

Von Hermann Wallmann

Zwischen Selbstverzwergung und – bestätigung: ein neuer Briefband zeigt den großen Schriftsteller Hermann Lenz in Korrespondenz mit dem einflussreichen Herausgeber Hans Bender.

Hans Bender – Hermann Lenz
Anfänge sind schön. Briefwechsel 1963 – 1994

Herausgegeben von Hans Georg Schwark und Walter Hörner
Rimbaud Taschenbuch Nr. 109, Aachen 2019
168 Seiten
20 Euro

Selbstverzwergung und Selbstbestätigung

Es gibt kaum einen der großen deutschsprachigen Autor des 20./21., Jahrhundert, der nicht mit der Nennung eines einzigen Titels bei einem größeren Publikum sofort präsent wäre: Vom "Zauberberg" bis zur "Blechtrommel", von den "Ansichten eines Clowns" bis zur "Vermessung der Welt".

Hermann Lenz, 1996

Hermann Lenz, 1996

Bei dem Schriftsteller Hermann Lenz gibt es ein solches "Markenzeichen" nicht, obwohl er nach seiner "Wiederentdeckung" durch Peter Handke große Literaturpreise und Auszeichnungen erhalten hat. Sein bedeutendster Roman trägt den unscheinbaren Titel "Neue Zeit", und doch gehört Hermann Lenz zu den Autoren, die so etwas besessen haben – besitzen – wie eine auratische Präsenz. Wer ihn einmal auf einer Lesung (oder auf seiner CD "Die stillstehende Zeit") gehört hat, wird das lässige, hochgemute Parlando seines Vortrags nicht vergessen – und es beim weiteren Lesen immer auch mithören -: diesen autosuggestiven Trotz gegenüber den Zeitläufen, die Feier des Ephemeren, die beiläufige Nobilitierung des Details.

Auffällig ist aber schon in dem ersten Brief an Hans Bender - vom 15. März 1953 -, wie Hermann Lenz, wenn er denn mit dem Herausgeber einer wichtigen Literaturzeitschrift "verhandelt", Selbstverzwergung und Selbstbestätigung verschmitzt miteinander verschränkt:

"Dass Sie „Das stille Haus“ goutieren können, hat mich sehr gefreut. Ach, diese harmlose Geschichte kommt mir neben Ihren Arbeiten recht bescheiden vor in ihrer Naivität und Verträumtheit. Außerdem ist sie unzeitgemäß und altmodisch, und die moderneren, intellektuellen Literatur-Hyänen grinsen sich eins, wenn sie sie lesen. Darum ist es sehr wohltuend für mich, zu erfahren, dass sie Gefallen daran finden, und am liebsten würde ich Ihnen heute gleich „Das doppelte Gesicht“ (mein zweites Buch) schicken; aber ich habe im Augenblick kein Exemplar mehr da, weil ich das einzige, das ich besitze, ausgeliehen habe."

Die Schwierigkeit, gerecht zu werden

Hermann Lenz tut sich also nicht schwer damit, Hans Bender zu schmeicheln. Er macht dies freilich recht formelhaft, ohne analytische Präzisierung. Umgekehrt ist es äußerst selten, dass Bender seine Wertschätzung für Hermann Lenz auch inhaltlich ausdrückt. Sie ist eher daran zu erkennen, dass er als Herausgeber verschiedener literarischer Periodika – also etwas der "Akzente" oder der "Jahresringe" oder thematischer Anthologien - ihn über vier Jahrzehnte hinweg, zwar in Abständen, aber doch regelmäßig bittet, Prosa oder Lyrik "einzureichen". Beide Briefpartner lösen sich nach einiger Zeit von der förmlichen Anrede, sprechen sich aber nie nur mit dem Vornamen an. Ausgerechnet in dem einzigen Brief, in dem Hans Bender etwas konkreter auf die Qualität der Prosa von Hermann Lenz eingeht, gesteht er seine Schwierigkeit, Hermann Lenz – jetzt, im April 1988, längst ein poeta laureatus – gerecht zu werden:

"Ja, wie formulieren, wie "Seltsamer Abschied" mich nun einnimmt. Ich unterstreiche Sätze, weil sie schön sind, weil sie etwas sagen, dem ich zustimme. Sie haben sich dem "Zeitgeist" verweigert – und andere, die damals obenauf waren, können nun beschämt beiseite treten. Nun gibt es wiederum einen anderen "Zeitgeist". Wunderschön Ihr Gedicht in den "Akzenten": Ach, du liebe Zeit…"

Die Kraft, meine Ruhe zu bewahren

Poetologisch und werk- wie lebensgeschichtlich ergiebiger, als es dieser eher literaturbetriebliche Briefwechsel ist, sind die beiden Bände mit Briefen, die Hermann Lenz zwischen 1954 und 1961 mit Paul Celan und zwischen 1972 und 1998 mit Peter Handke gewechselt hat; beide liegen in vorzüglich kommentierten Ausgaben vor. Sowohl Celan auch Peter Handke spielen in den Briefen zwischen Hans Bender und Hermann Lenz eine Rolle. In dem Brief vom 11. Dezember 1973 teilt Hermann Lenz Hans Bender mit, er habe Peter Handke kennengelernt, der im Jahr 1964 sein Buch "Die Augen eines Dieners" besprochen habe. Wenig später – und da war Peter Handkes öffentliche "Empfehlung, Hermann Lenz zu lesen" bereits wirkmächtig geworden - vergleicht Lenz, welchen Eindruck Handke und Celan auf ihn gemacht haben. In Formulierungen, wie sie seine Leser aus den Romanen kennen:

"Lieber Hans Bender,
wieder hat mich Ihr Brief erfreut. Handke ist mir eher befangen oder gar schüchtern vorgekommen. Das Gespräch mit ihm erinnerte mich manchmal an Gespräche mit Celan, und ich meine, auch in ihm sei etwas wie Senkblei, das nach unten zieht; und letztlich will er für sich sein.
Er schrieb mir aus Paris: „Und ich habe eben noch nicht die Kraft, meine Ruhe vor mir fremden Leuten zu bewahren, sondern werde mir dann selber fremd und unruhig. Das möchte ich noch lernen. Aber dazu muss man eben mit fremden Leuten zusammensein.“ Leichthin leben wir ja alle nicht.
Ich danke Ihnen und grüße Sie mit meiner Frau herzlich
Ihr
Hermann Lenz"

Briefwechsel 1937 – 1946

Wer aber in diesen Tagen und Jahren sich dem Quellgrund des Lebens-Werkes von Hermann Lenz nähern will, der sollte sich in den 2018 erschienenen, mehr als tausend Druckseiten umfassenden "Briefwechsel 1937 – 1946" zwischen Hermann Lenz und seiner späteren Frau, der jüdischen Kunsthistorikerin Hanne Trautwein, umsehen. Beide hätten sich nicht träumen lassen, dass Hermann Lenz eines Tages Briefe wechseln würde mit einem Hans Bender, der über viele Jahrzehnte lang das literarische Leben in der Bundesrepublik mitprägen sollte.

Hermann Lenz & Hans Bender: "Anfänge sind schön. Briefwechsel"

WDR 3 Buchrezension 29.03.2019 06:02 Min. WDR 3

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Stand: 27.03.2019, 15:44