Abdelkader Benali - Henri Matisse in Tanger

Abdelkader Benali - Henri Matisse in Tanger

Abdelkader Benali - Henri Matisse in Tanger

Von Dorothea Breit

Reise zwischen Orient und Okzident: Ein Bild von Henri Matisse öffnet dem niederländischen Schriftsteller Abdelkader Banali die Augen für das Land, in dem er geboren wurde.

Abdelkader Benali
Henri Matisse in Tanger

Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Piet Meyer Verlag, Wien 2019
110 S.
18 Euro

Abdelkader Benali: "Henri Matisse in Tanger"

WDR 3 Buchkritik 06.03.2020 05:08 Min. Verfügbar bis 06.03.2021 WDR 3

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Der Orient ist eine Erfindung der Europäer

Weder der Begriff "Orient" noch das Konzept des Westens habe irgendeine ontologische Stabilität, schrieb der palästinensisch-amerikanische Literaturtheoretiker Edward Said 1978 in seinem berühmten Buch über "Orientalismus". Mit anderen Worten: Der Orient ist eine Erfindung der Europäer, ein Konstrukt, das die romantische Sehnsucht nach dem Anderen, dem Fremden und Exotischen erfüllt, ein Kontrastprogramm zum Selbstbild des Okzidents. Ein Zerrbild, das mit den Seereisenden und Eroberern im 14. Jahrhundert entstand und im 19. Jahrhundert eine regelrechte Mode wurde, der auch Schriftsteller und Künstler folgten. August Macke und Paul Klee reisten nach Tunis. Der französische Maler Henri Matisse schuf einige seiner schönsten Gemälde in der Hafen-stadt Tanger in Marokko.

"Im marokkanischen Bauernhaushalt muss die Sonne vor der Tür gehalten wer-den. Dicke Mauern halten die Wohnräume kühl, die Fenster sind klein. Das große Fenster, aus dem Matisse von seinem Zimmer im Hotel „Ville de France“ schaute, war das Ergebnis eines westlichen Blicks auf Marokko."

Saphirblau, nur Himmel und Meer.

Abdelkader Benali

Abdelkader Benali

Auf dem Fenstersims am unteren Bildrand leuchten orange und hellblau zwei bauchige Blumenvasen, rechts ein gelber Flecken Strand, ein Reiter, im blauen Hintergrund taucht strahlend weiß eine Kirche mit smaragdgrünem Dach auf, dahinter eine Festung und dunkelblauer Himmel.

"Ich wusste nicht, dass französische Maler nach Marokko gingen. […] ich weiß wenig bis gar nichts über die Anziehungskraft, die das Land meiner Eltern auf diese Generation von Malern ausgeübt hat. Ich betrachte das Bild. Das Blau er-kenne ich sogleich als marokkanisch. Der Himmel ist blau, das Blau fliest wie ein Fluss durch die Landschaft, die Matisse zusagt."

Berühmtes Bild, unbekannter junger Autor

Das Bild "Fenster in Tanger" ziert das Cover des ersten Romans von Abdelkader Benali. Der Verleger entschied dies: Berühmtes Bild, unbekannter junger Autor, so lautete die Verkaufsstrategie, wie Abdelkader Benali in seinem neuen Buch, einer Reisegeschichte mit dem Titel "Matisse in Tanger" erzählt.
1998 hält sich Benali als Arabischstudent einer Sommerakademie erstmals in Marokko auf, an den Wochenenden erkunden die Studierenden das Land. Fez, Marrakesch – alles wunderbar. Dann Tanger, die Hafenstadt in der Straße von Gibraltar: Schmutzige, heruntergekommene kolonialistische Architekturen, eine chaotische Stadt, die Europa näher zu liegen scheint als Marokko und das touristische Orientbild der Studenten ent-täuscht. Auf seinen zögerlichen Erkundungsgängen reflektiert Benali über den Flaneur von Walter Benjamin, aber bedrängt von Händlern und misstrauisch die Touristen beäugenden Einheimischen verspürt er mehr Angst als Abenteuerlust im Labyrinth der Gassen; und die anglikanische Kirche, die Matisse gemalt hat, findet er auch nicht. Erschöpft von der Hitze und angewidert von den Kakerlaken in der schäbigen Unterkunft reisen die Studierenden wieder ab.

"Was mir von meinen Reisen durch Marokko in Erinnerung bleibt, sind die scharfen Kontraste, die offenbar in unmittelbarer Nachbarschaft existieren können. Das Nebeneinander von Modernität und Tradition. Bei meinen Besuchen als allein reisender Mann behalte ich die westliche Brille einfach auf."

Morgenland oder Abendland

Benalis Blick ist subjektiv, persönlich, hier und da auch merkwürdig unbedarft. Die nachdenkliche Leserin ist irritiert von seiner ungebrochenen, in keinem Satz definierten oder hinterfragten Verwendung der anachronistischen, historisch belasteten und auch geografisch unsinnigen Begriffe Ost und West - obgleich Benali das Buch Edward Saids zu kennen scheint, zumindest ist es im Anhang angeführt. Marokko liegt nicht östlich von Europa und Rotterdam, dem Wohnort des Autors, allenfalls südlich. Ob Morgenland oder Abendland - das hängt vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters ab.

"Der Augenblick des Sonnenuntergangs ist entscheidend: das Licht zieht vom Land weg, die Offenbarung geht unter. Maghreb ist die arabische Bezeichnung für den Ort, an dem die Sonne untergeht, das Land des Sonnenuntergangs. Das im Wasser gespiegelte Blau kühlt ab, zufrieden und müde."

Mitreisende gesucht

Die überwiegend im Präsens gehaltene Erzählung erzeugt unmittelbare Nähe. Der Reisende wechselt kapitelweise zwischen den Orten. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen ineinander wie das Blau in dem Gemälde von Matisse, kleine poetische Sentenzen leuchten darin auf, gelb, weiß und grüne Farbflecke. Der Leser muss nicht mit allen Gedankenschlüssen des Autors übereinstimmen, um infiziert zu sein von Marokko und Tanger. Auch Benali kehrt noch öfters dorthin zurück.

Stand: 05.03.2020, 12:27