G.P. Bellori - Das Leben des Michelangelo Merisi da Carravagio

G.P. Bellori - Das Leben des Michelangelo Merisi da Carravagio

G.P. Bellori - Das Leben des Michelangelo Merisi da Carravagio

Von Martin Krumbholz

Nicht nur Giorgio Vasari, auch Giovan Pietro Bellori verfasste Biografien über die berühmten Künstler seiner Zeit. Die erste dieser "Viten" widmete er Caravaggio, dem großen Wilden in der italienischen Malerei des späten 16.Jahrhunderts.

G.P. Bellori
Das Leben des Michelangelo Merisi da Carravagio

Übersetzt und kommentiert von Valeska von Rosen
Wallstein Verlag, Göttingen 2018
164 Seiten
24 Euro

Dieser Maler war ein Provokateur

Michelangelo Merisi da Carravagio

Michelangelo Merisi da Carravagio

In seinen gerade einmal 40 Lebensjahren stellte er die Welt der Malerei förmlich auf den Kopf. Auch sein Leben war abenteuerlich, er beging einen Totschlag, was ja selbst zu seiner Zeit nicht eben alltäglich war. Liest man Belloris "Vita", schälen sich nach und nach vor allem zwei unwidersprochene Eigenschaften heraus. Da sind zum einen die einzigartigen Hell-Dunkel-Kontraste, die Caravaggios in aller Regel in Innenräumen angesiedelten Szenen ein ganz besonderes Fluidum verleihen. Bellori spricht von der "Wucht", der veemenza dieser raffinierten Kontraste, die einen Teil der Szene im Halbdunkel lassen, einen anderen signifikant beleuchten. Noch wichtiger aber sind die erzählerischen Qualitäten, die Caravaggios Werke auszeichnen. Das Licht ist ja ein Mittel zum Zweck:

Es hebt denjenigen Aspekt einer Szene hervor, auf den es Caravaggio ankommt. Triumphiert David, der Goliath enthauptet hat, oder sieht er vielmehr nachdenklich aus? Anders als die akademische Malerei, die ihm vorausging, orientierte sich Caravaggio nicht an den Maßstäben der Antike, sondern an dem, was er mit eigenen Augen sah. So einfach das klingt, so wenig selbstverständlich war es. Die gefeierten Werke Raffaels interessierten Caravaggio so wenig wie die vortrefflichen Marmorskulpturen der "Alten". Bellori erzählt eine Anekdote:

"Als man ihm die berühmtesten Statuen von Phidias und Glykon zeigte, damit er an ihnen sein Studium ausrichtete, gab er keine andere Antwort, als mit der Hand auf eine Menschenmenge zu zeigen und damit deutlich zu machen, dass die Natur ihn ausreichend mit Meistern versorgt habe. Und um seinen Worten Autorität zu verleihen, rief er eine Zigeunerin herbei, die zufällig auf der Straße vorbeikam, und porträtierte sie im Moment des Weissagens der Zukunft, wie es diese Frauen ägyptischer Abstammung zu tun pflegen."

Die Fähigkeit zur Innovation

Giovan Pietro Bellori

Giovan Pietro Bellori

Es hat fast schon messianischen Charakter, wie Caravaggio hier einen Zufall nutzt, um seine Zuhörer (die ihn doch eigentlich belehren wollten) aufzuklären und dabei auch ein wenig zu beschämen.

Die "Natürlichkeit", die das Werk des Künstlers prägt, nennt Bellori seine novità, seine Neuartigkeit. Und diese Fähigkeit zur Innovation ruft natürlich zahlreiche Nachahmer auf den Plan, die, so sieht es Bellori, den verhängnisvollen Fehler begehen, den "Naturalismus" zu forcieren, indem sie ihre Figuren absichtlich entstellen.

Bellori nennt diese Nachahmer naturalisti, ein Begriff, den er auf Caravaggio selbst nicht anwendet. Aber schon der Meister stößt mit seinen Innovationen natürlich auf Ablehnung; Priester entfernen die Darstellung der "Berufung des Matthäus" aus der Kirche San Luigi dei Francesi, weil der Berufene dem Betrachter auf vermeintlich anstößige Weise seine Füße entgegenstreckt. Caravaggio wird das Motiv ein zweites Mal darstellen. Später malt er für die benachbarte Kirche Sant‘ Agostino eine stehende Madonna mit dem Jesusknaben auf dem Arm:

"Vorne knien zwei Pilger mit gefalteten Händen. Der vordere ist ein armer Mann mit entblößten Füßen und Beinen, mit einer Mozzetta aus Leder, den Stab an seine Schulter gelehnt, und er wird begleitet von einer alten Frau mit einer Haube auf dem Kopf."

Rastlose Neigungen

Dieses Bild, die Madonna dei Pellegrini, zeigt die Pilger nicht allein mit nackten, sondern vor allem mit deutlich schmutzigen Füßen – diese Art und Weise realistischer Gestaltung war revolutionär und konnte in seiner Zeit nicht unbeanstandet bleiben. Auch der Biograf Bellori schwankt ein wenig hin und her – soll er Caravaggio uneingeschränkt loben oder ihn verantwortlich machen für den Missbrauch, den die nachfolgenden "Naturalisten" mit den Innovationen des Meisters getrieben haben? Auch das offenbar recht düstere, womöglich zum Jähzorn neigende Temperament des Künstlers mag den Biografen nicht nur im positiven Sinn beeindruckt haben. Caravaggio ließ sich durch die Malerei, wie es heißt, nicht von seinen "rastlosen Neigungen" abhalten. In der Stadt trat er gern mit dem Degen auf und zeigte sich "aufmerksam gegenüber allem jenseits der Malerei".

"So kam es bei einer Partie Palla à corda zu einer Schlägerei mit einem befreundeten jungen Mann. Nachdem sie sich mit den Schlägern geprügelt und zu den Waffen gegriffen hatten, tötete er den Jungen und wurde dabei selbst verletzt. Er floh aus Rom und fand, ohne Geld und verfolgt, Zuflucht in Zagarolo in der Gunst des Duca Don Marzio Colonna; dort malte er das Gemälde mit Christus in Emmaus zwischen den zwei Aposteln…"

Exzesse und Malerei

Totschlag beim Tennis, das klingt in der Tat abenteuerlich; wie beiläufig aber Bellori die biografischen Exzesse mit der Malerei verbindet, wie nonchalant das eine ins andere übergeht – das ist nicht weniger bemerkenswert. Valeska von Rosen hat Belloris Vita übersetzt, kenntnisreich kommentiert und ist dabei vor allem den vermeintlichen Widersprüchen nachgegangen, die dem Text anhaften – spannend ist die Beschäftigung mit Caravaggios Genie allemal.

G. P. Bellori: "Das Leben des Michelangelo Merisi da Carravagio"

WDR 3 Buchrezension 08.02.2019 05:47 Min. Verfügbar bis 08.02.2020 WDR 3

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Stand: 05.02.2019, 16:40