Richard Fariña - Been Down So Long It Feels Like Up To Me

Richard Fariña - Been Down So Long It Feels Like Up To Me

Richard Fariña - Been Down So Long It Feels Like Up To Me

Von Ulrich Rüdenauer

Ein Campusroman auf Drogen zwischen Beat Generation und Hippie-Rausch, der einen jungen Mann in die Hölle schickt – Richard Fariñas Kultroman „Been Down So Long It Looks Like Up To Me“ zum ersten Mal auf Deutsch.

Richard Fariña
Been Down So Long It Feels Like Up To Me

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Mit einem Vorwort von Thomas Pynchon und einem Nachwort von Moritz Scheper
Steidl Verlag; Göttingen 2018
392 Seiten
28 Euro.

Eine biographische Notiz

Der englischen Originalausgabe des ersten und einzigen Romans von Richard Fariña ist eine biographische Notiz beigegeben, die die Fantasien der Leser beflügelt haben muss:

"Mit 18 Jahren arbeitete er mit Mitgliedern der irisch-republikanischen Armee, musste aber schließlich das Land verlassen. Ähnliches geschah in Kuba, das er oft besuchte, als Fidel Castro noch in den Bergen war, und ein weiteres Mal während der schweren Kämpfe in Santa Clara und des Einmarsches der revolutionären Armee in Havanna."

Immer der junge Mann von Ende 20

Später stellte sich heraus, dass Fariña zwar sowohl in Irland als auch in Kuba gewesen war, die Weltgeschichte aber selbst doch eher weniger beeinflusst hat. Vermutlich hielt er es wie sein Kumpel Bob Dylan: Er zog sich gerne eine Maske über, erfand sich eine Persona. Fariña war übrigens ein ebenso genialischer junger Mann wie Dylan, der heute mit 77 an seinem imposanten Spätwerk arbeitet. Fariña hingegen ist immer der junge Mann von Ende 20 geblieben, der ein paar Musikstücke und einen in den USA zumindest kultisch verehrten Roman hinterlassen hat. Es ist deshalb ziemlich verwunderlich, dass mehr als 50 Jahre vergehen mussten, bis dieser Roman erstmals – in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren – auf Deutsch erscheint. Schon das Vorwort macht Staunen. Es stammt von keinem geringeren als Thomas Pynchon, der ebenfalls mit Fariña befreundet war, mit ihm an der Cornell Universität studiert hat und als Hilfsredakteur bei einer Literaturzeitschrift dessen Texte redigierte:

"Irgendwann kamen dann diese Stories und Gedichte. Es war eine vollkommen andere Stimme, sie schien aus der Welt da draußen zu stammen, sie war sicherer und wagemutiger, und die Beiträge waren besser als die üblichen Einsendungen. Kaum einer in der Redaktion wusste etwas über diesen Fariña, außer dass er für eine Weile fort gewesen und herumgereist war."

Gnossos Pappadoupolis

Auch die Hauptfigur Gnossos Pappadoupolis in Fariñas Roman "Been Down So Long It Looks Like Up To Me" war fort gewesen.

Richard Fariña

Richard Fariña

Und seine Rückkehr an die fiktive, an Cornell erinnernde Uni von Athené ist ein Ereignis. Odysseus ist wieder da, zu Beginn erklingt eine Fanfare:

"Der junge Gnossos Pappadopoulis, pelziger Pu-Bär und Hüter der Flamme, war zurück von den Asphaltmeeren des großen wüsten Landes: O ihr Highways, o Route 40 und unerbittliche Route 66, ich bin heimgekehrt zu den von Gletschern gekerbten Schluchten, zu den fingerförmigen Buchten von Seen, zu den Goldmädchen von Westchester und Shaker Heights. Seht mich an mit meinen großen, stampfenden Stiefeln, meinem Mund voll Lügen, meinem Kopf voll Pläne."

Epischer Ton und handfester Slang

Aber keine Sorge: Der epische Ton verwandelt sich rasch in einen handfesten Slang, der die folgenden 400 Seiten bestimmt – ein groovy Sound, wie man damals wohl gesagt hätte: Gnossos taumelt über den Campus mit seinen Erfahrungen, seiner Selbstsucht und seinen oft heillosen Begierden, er wirft sich Drogen ein, dass Jimi Hendrix dagegen als Waisenknabe erscheint. Er durchlebt wilde Sexabenteuer, obwohl im Handlungsjahr 1958 die Sexualmoral an der Universität so prüde ist wie im viktorianischen England. Diese Moral führt letztlich auch zu einer großen Unruhe auf dem Campus, aber wie es dazu kommt, ist eine lange, skurrile, gewundene Geschichte,
Verschwörungstheorien inbegriffen. Wichtiger an diesem Buch ist aber etwas anderes: Gnossos ist ein Held, dessen anbetungswürdige Souveränität nur Schein ist; eigentlich ist dieser Odysseus ein Ertrinkender. „Der Tod“, schreibt Pynchon im Vorwort, „treibt keine Scherze, und in diesem Roman lauert er immer vor dem Fenster.“ Die Wirklichkeit erweist sich als zerstörerisch, die Gesellschaft als faul. Gnossos‘ bester Freund stirbt bei einem Trip nach Kuba. Und er selbst wird am Ende in einen Krieg geschickt, aus dem er, wenn überhaupt, nur beschädigt zurückkehren wird. Hatte die Beat Generation, dem dieser Roman viel von seiner sprachlichen Wucht verdankt, einen Krieg hinter sich, so gehört Fariña einer Generation an, die in einen neuen Krieg hineingeworfen wurde: Love, Peace and Happiness sind noch fern; Drogen, Rockmusik und Exzess aber schon da; sie liefern die Rauschzustände, von denen das Buch durchzogen ist. Dämonen geistern durch diese eher düstere Welt, von der man noch nicht weiß, in welche Richtung sie sich drehen wird.

"Eine Tarantel. Fett, blind und behaart hockte sie in seinem Mund. Zwischen seinen geschlossenen Lippen zuckte ein stacheliges braunes Bein. Wie war sie dorthin gekommen? Er drehte den Kopf und versuchte, sie auszuspucken, doch sie wand sich und blieb, wo sie war. Und wenn sie mich beißt? Glühende Fleischspieße in meinem Hals. Überaus vorsichtig wälzte er sich auf die Seite und tastete nach dem Kissen, fühlte aber nur den schmutzigen Teppich. Er hatte die ganze Nacht Staub eingeatmet, und die Tarantel war keine Tarantel, sondern seine Zunge."

Nicht immer leicht zu fassen

Nicht immer ist die Lektüre ganz einfach – es verschwimmen Bewusstseinsebenen, die Figuren sind nicht leicht zu fassen, Gnossos wird mal von außen betrachtet, dann sehen wir in ihn hinein, die Assoziationssprünge folgen zuweilen der Logik des Traums oder besser: des Rausches. Gleichwohl ist dieses Buch als „Panoptikum gegenkultureller Ideologien, Strömungen und Figuren“, wie Moritz Scheper im Nachwort schreibt, interessant: als Bindeglied zwischen den Beats und den Hippies, als sprachmächtiges Versprechen eines Autors, der vielleicht den Weg eines Thomas Pynchon hätte einschlagen können. Wie sagte Fariña einmal über Dylan:

"Aber er ist kompliziert. […] Als ob es möglich wäre, auf dieser Erde aufrecht herumzugehen und einfach zu sein."

Gleiches gilt für Gnossos. Und für Fariña selbst.

Stand: 15.05.2018, 13:30