Buchcover: "Die Rückkehr der Gewohnheiten" von Jürgen Becker

"Die Rückkehr der Gewohnheiten" von Jürgen Becker

Stand: 08.07.2022, 07:00 Uhr

Geschichte, Landschaft und das eigene Leben: In seinen jüngsten Journalgedichten zeigt sich der Kölner Schriftsteller Jürgen Becker einmal mehr als Chronist und Zeitgenosse. Eine Rezension von Dirk Hohnsträter.

Jürgen Becker: Die Rückkehr der Gewohnheiten
Suhrkamp Verlag, 2022.
76 Seiten, 20 Euro.

„Die Rückkehr der Gewohnheiten“ von Jürgen Becker

Lesestoff – neue Bücher 08.07.2022 04:17 Min. Verfügbar bis 08.07.2023 WDR Online Von Dirk Hohnsträter


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Reisen als Sache der Vorstellungskraft

"und wie es hervorkommt
aus dem Schatten des früher Gesagten, an der langen Leine
von etwas, das man Kontinuum nennt.
Regenfelder, Februar
fängt an; tagsüber Licht in den Häusern. Ob man
es merkt oder nicht, fast täglich hört eine Epoche auf."

Selbstgespräch, Regenfelder, Epoche: Schon die ersten Zeilen von Jürgen Beckers jüngsten Journalgedichten enthalten jene drei Elemente, die diese Textsorte auszeichnen: biografische Momente mischen sich mit Landschaftsbeschreibungen und politischer Geschichte.

Doch so präsent die Welt auch in diesem Band wieder ist, so sehr hat sich der räumliche Radius des nunmehr neunzigjährigen Autors auf seine unmittelbare Umgebung verringert. Im Alter wird das Reisen zu einer Sache der Vorstellungskraft:

"Der Landweg führt zum Briefkasten gegenüber;
zu Wasser geht es quer über die Pfützen im Hof;
der Wolkenzug überm Vorort stiftet den Luftweg.
Im Wandschrank der Geruch von alten Lederkoffern, und
läßt man nachts das Fenster offen, hört man,
wie auf der Autobahn das Meer rauscht."

Veränderungen der vertrauten Welt

So sehr Becker vor Ort bleibt, so wenig zieht er sich aus der Welt zurück. Wie eh und je nimmt der Zeitungsleser Anteil am Geschehen, erinnert hellwach und registriert aufmerksam Veränderungen in seiner Umgebung.

Das gilt natürlich erst recht für ein Ereignis, das die räumliche Beweglichkeit des Autors nur noch weiter einschränkt: die Corona-Pandemie mit ihren Lockdowns und dem sozialen Abstandhalten, die auch Beckers vertraute Welt anders aussehen lassen:

"Heute,
am Morgen schon, ist es stiller als sonst, und stiller
als sonst bleibt der ganze Tag. Vielleicht
scheint es nur so; in jedem Fall parken
am Straßenrand alle die Autos, die sonst tagsüber
unterwegs sind. Dafür sieht man Leute gehen, die Tüten, Papierrollen tragen, und jeder achtet darauf, daß
er dem anderen nicht zu nahe kommt."

Journalgedichte

Es ist bemerkenswert, wie es diesem Schriftsteller gelingt, sich der Wirklichkeit zuzuwenden ohne dabei einer vordergründigen Aktualität anheimzufallen. Die von Becker selbst geprägte Gattungsbezeichnung "Journalgedichte" trifft auch formal zu: Es handelt sich um lyrische Texte, die wie ein Journal gesetzt sind. Statt Überschriften markieren lediglich kursive Zeilen, statt Seitenwechseln bloß Absätze den Beginn eines neuen Gedichts.

Beschäftigung mit Wiederkehrendem

Blickt man zurück auf das Gesamtwerk, lassen sich Beckers neueste Texte wie die Fortsetzung einer Chronik in immer neuen Einsätzen lesen. Bereits 1999 veröffentlichte er sein "Journal der Wiederholungen", das neueste heißt "Die Rückkehr der Gewohnheiten". Darin, dass weder die Beschäftigung mit Wiederkehrendem noch die wiederkehrende Form je ins Routinierte kippen, liegt die Größe dieses Autors:

"Augenblicke entscheiden, wo es langgeht, wohin sich
das nächste Geschehen bewegt; von alleine passiert
nichts. Und was du mitbekommst, reicht nicht aus,
um all die Zusammenhänge zu sehen, ohne die
kein Wasserkessel summt, der Bildschirm schwarz,
die nächste Seite leer bleibt."