Buchcover: "Kork" von Martin Bechler & Sophia Fritz

"Kork" von Martin Bechler & Sophia Fritz

Stand: 12.05.2022, 07:00 Uhr

Es geht um Liebe, Wein und das Leben. Der Roman ist warm und sympathisch geschrieben – und in der Originallesung der beiden Autoren Sophie Fritz und Martin Bechler ein echter Hinhörer. Eine Rezension von Christoph Ohrem.

Martin Bechler & Sophia Fritz: Kork – Das Hörbuch
Gelesen von Martin Bechler & Sophia Fritz.
Kanon-Verlag, 2022.
1 MP3-CD, 23 Euro.

"Kork" von Martin Bechler & Sophia Fritz

Lesestoff – neue Bücher 12.05.2022 06:04 Min. Verfügbar bis 12.05.2023 WDR Online Von Christoph Ohrem


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Experimente im Weinkeller

Welch‘ Überraschung: In "Kork" geht es um Wein. Und um die Freundschaft von Sophia und Martin. Martin durchschaut als einziger Sophias kleines Experiment im Weinkeller Bacchus. Sie füllt den Gästen aus Prinzip etwas anderes in die Gläser, als sie bestellt haben.

"Die meisten Gäste kamen nicht darauf, dass ich sie belog. Das war nur konsequent. Wenn jemand mit 52 Jahren behauptete, er würde seine Partnerin immer noch lieben und seinen Job in Ordnung finden und er hätte ausschließlich Erfolg an der Börse, dann glaubte er auch, dass er einen Barolo von einem Grenache unterscheiden könne. Und dann musste man ihm nur noch einen Grenache einschenken und abwarten. Und?, fragte ich dann. Schmeckt es?"

Sophia hat es wegen der Uni in die Stadt verschlagen. Auch wenn sie nicht hingeht. Musiker Martin und seine schwarze Kladde sind seit Ewigkeiten Stammgast im Bacchus. Zwei Außenseiter, die im Weinkeller zusammenfinden. Die leicht verwirrte Sophia mit ihrer romantischen Ader und der in Sprachspielen und Gesellschaftskritik herumeiernde Martin.

"Seien wir doch einmal ehrlich. Wir haben der Gesellschaft seit der Mondlandung eine butterweich funktionierende Brennstoffzelle vorenthalten. Nun finden wir uns in einer mittelprächtigen Klimakatastrophe wieder. Sauber homo es. Ein emissionsfreier Energielieferant, generiert aus Wind und Sonne. Klar, dass man diesen hippiesken Mumpitz erst Mal ein paar Jahrzehnte im Schrank vermodern lässt, weil es einfach geiler ist, sich mit der neuen Auspuffmanschette des Achtzylinders die Klöten zu lackieren."

Originelle und glaubwürdige Stimmen

Die Journalistin und Autorin Sophia Fritz und Martin Bechler – Frontmann von Fortuna Ehrenfeld – lesen ihren Gemeinschaftsroman selbst. Die Grenze zwischen Ich-Erzähler und Autor verschwimmt. So erschaffen sie zwei originelle und glaubwürdige Stimmen, die witzig und mit gutem Auge für Details erzählen. Ein bisschen Kneipenlesungs-Feeling.

Die einzelnen Geschichten sind kurz und handeln neben den Treffen von Sophia und Martin im Weinkeller einfach vom Alltag, erzählen vom  unangenehmen Nazi-Onkel bei Familienfeiern oder der Begegnung mit dem Ex im Supermarkt. Natürlich vor dem Weinregal.

"Es gibt Weine, die man spontan kaufen sollte. Und es gibt Weine, die sollte man zuhause haben. Damit man vor dem ersten Schluck nicht noch an die EC-Pin denken oder die Kassiererin anlächeln muss. Damit man vor dem Weinregal nicht noch seinen Ex-Freund trifft, der einen erst nicht bemerkt, und dann überrascht ruft: Na, du auch hier!"

Auszeit vom Weltgeschehen

"Kork" ist ein heiteres Hörbuch und hat eine angenehme Pointendichte. In den Beobachtungen, Erinnerungen und Gesprächen blitzt immer auch ein wacher Blick auf das Weltgeschehen auf.

Es sind die großen Fragen, die besonders Martin erhitzen. Wie kann man in einem System leben, das die Ressourcen der Welt verbraucht und damit den Planeten samt Menschheit tötet? Warum machen wir alle trotzdem weiter? Während Sophia und Martin im Weinkeller eine Auszeit nehmen, spüren sie um sich herum den Druck.

"Wer gut stillsitzen kann, wer sich gut dazu zwingen kann, etwas zu tun. Wer viel aushält und runterschluckt, der wird es weit bringen. Natürlich lieben wir also Wein. Natürlich habe ich Freunden Wein empfohlen, bzw. in intensiven Momenten nachgeschenkt, als Geste der Mütterlichkeit, der Hilfe, der Komplizenschaft. Alkohol hilft uns, weiter auszuhalten."

Was unausgesprochen bleibt

Mal eher satirische Weltbeschreibung, mal eher charmante Liebesgeschichte. Obwohl sie viel miteinander reden, ist das Unausgesprochene zwischen den beiden gerade das Spannende. Dabei wirken sie so sympathisch, dass man sich sofort dazusetzen möchte. Allerdings: Da ist wohl doch Kork im Wein.

"Hätte ich gewusst, dass tatsächlich alles anders sein und Martin dann nicht mehr dort sitzen würde, dann hätte ich ihm früher gesagt, dass ich seine Hände gerne mochte, dann hätte ich noch einmal nach seiner Vergangenheit gefragt, die immer zu Dreiviertel unausgesprochen blieb. Dann hätte ich ihm die ganzen Weinempfehlungen nicht durchgehen lassen und seine Geschichte über die Alien-Apokalypse. Dann hätte ich ihn gefragt, was wirklich los ist."

Einsame Menschen in einer absurden Welt

Um das, was wirklich los ist, geht es immer wieder. Welche Erfahrungen diese Generation macht und gemacht hat. Das weiße, städtische Milieu der 20 - 50jährigen mit ihren lieblosen Eltern, die lieblose Eltern hatten. Um einsame Menschen in einer absurden Konsum- und Arbeitswelt. Um den Musiker, der nach der Tour klarkommen muss. Um die Studentin, die sich dem Studium verweigert. Beide losgelöst von der starren Welt um sie herum und damit in einer guten Beobachterperspektive.

Natürlich geht es auch immer wieder um guten Wein. Die Schwärmereien über die Sorgfalt des guten Winzers oder die Auswahl der Reben lassen einen nebenbei sogar noch etwas über diesen Traubensaft lernen. Kurzer Hinweis: Man muss beim Hören keine Flasche öffnen. Man kann aber.