Ulrich Becher - New Yorker Novellen. Ein Zyklus in drei Nächten

Ulrich Becher, New Yorker Novellen. Ein Zyklus in drei Nächten.

Ulrich Becher - New Yorker Novellen. Ein Zyklus in drei Nächten

Von Oliver Pfohlmann

Hauptregel: keinen Pfifferling für Sentimentalitäten - in seinen Novellen glänzt der Exilautor Ulrich Becher mit schwarzem Humor und spätexpressionistischer Sprachlust.

Ulrich Becher
New Yorker Novellen. Ein Zyklus in drei Nächten

Hrsg. und mit einem Nachwort von Moritz Wagner
Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2020
408 Seiten
24 Euro

Ulrich Becher: "New Yorker Novellen"

WDR 3 Buchkritik 14.07.2020 05:27 Min. Verfügbar bis 14.07.2021 WDR 3

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Wie ungerecht ist doch die Literaturgeschichte!

Denn wie sonst ist es zu erklären, dass Ulrich Bechers "New Yorker Novellen" so gründlich in Vergessenheit geraten konnten. Der deutsche Exilschriftsteller schrieb diese Texte gleich nach Kriegsende, also vor über 70 Jahren. Damals war er einer der ersten, der literarisch reflektierte, welche historische Zäsur die Atombombenabwürfe über Japan darstellten. Er beschreibt, wie sich die Menschen in den Straßen Manhattans siegestrunken in den Armen liegen, sich an den endlosen "Krächzlitaneien" der Zeitungsverkäufer ergötzen, an Schlagzeilen wie "Hunderttausend Japse mit einem Schlag vernichtet". Andere wiederum fühlen sich in den drei Novellen dieses Bandes allein schon beim Gedanken an die "kosmische Bombe" um den Verstand gebracht. Psychiater können sich vor Patienten kaum noch retten, auch nicht John Henry Nightingale. Dabei ist New Yorks "Schwatzdoktor" Nr. 1 eigentlich schon auf dem Sprung nach Europa, um endlich den in Hitler-Deutschland zurückgebliebenen Vater in die USA zu holen.

"Ah, Doc Nightingale! Ist es wahr, daß Sie zu Pappi fliegen wollen? Welcher Wahnsinn! Bedenken Sie die Flugkatastrophen dieser letzten Wochen. Eine Serie, eine Sequenz, großer Gott, i-c-h wäre v-i-e-l zu abergläubisch, um j-e-t-z-t in ein Flugzeug zu steigen. Außerdem diese Atombombenexperimente auf Bikini – ich hab gehört, die Atomausstrahlungen sollen an diesen mör-de-rischen Malheurs schuldsein. Wenn Sie mir einen persönlichen Gefallen tun wollen, lieber Doktor, fliegen Sie nicht zu Papa. Bitte-bitte, seien Sie ein Liebling und fliegen nicht zu Pappi!"

Von Identitätskrisen und der Einsamkeit im Exil

Dieser "Pappi" hat zu Hause wie durch ein Wunder Bombenkrieg und Vertreibung überlebt; nun entfacht der eigentlich schon Totgeglaubte mit seinen Postkarten die Schuldgefühle von Bechers entwurzeltem Helden. Denn vor 1933 hieß John Henry Nightingale noch Hans Heinz Nachtigall und war Wortführer einer links-avantgardistischen Literatengruppe. Verleugnung, Assimilation und ein glücklicher Zufall ermöglichten ihm in den Staaten den Aufstieg vom mittellosen Flüchtling zum "Modepsychiater". Die überraschende Konfrontation mit seinem früheren Ich aber lässt ihn jetzt, wo der Krieg vorbei ist, in einen Abgrund der Schizophrenie stürzen.

Von Identitätskrisen und der Einsamkeit im Exil handeln diese "New Yorker Novellen". Ulrich Becher, 1910 im wilhelminischen Berlin als Sohn eines Rechtsanwalts und einer Pianistin geboren, floh schon 1933 ins Exil; nach New York gelangte er aber erst 1944. Und erlebte dort – wie später sein Held Nachtigall – die Entwertung bisheriger Lebensleistungen, viel unverbindliches Schulterklopfen, Ignoranz und hemmungslosen Materialismus.

"Das Wort Einstig kommt im amerikanischen Lexikon nicht vor. Ob du früher mal Oberzippzipp oder Unterkaka gewesen bist – denen hier vollständig piepe! Was du drüben warst oder dir eingebildet hast, zu sein, zählt hier nicht, ist keinen Nickel wert."

Einer Ästhetik des Grotesken und des Schwarzen Humors verpflichtet

Wer in den USA Erfolg haben will, dürfe eben kein "Lamentoboy" sein, bekommt Nachtigall gleich nach seiner Ankunft zu hören. Lieber fröhlich den eigenen Verlust feiern, als melancholisch zurückzublicken und zu jammern. Eben darin erkennt der Herausgeber der Neuausgabe Moritz Wagner zugleich das literarische Motto dieses Schriftstellers. Nicht ohne Grund beginnt auch "Murmeljagd", Bechers tragikomisches Romanhauptwerk, mit der "Hauptregel: keinen Pfifferling für Sentimentalitäten ausgeben".

Ulrich Becher, Schriftsteller

Ulrich Becher

Ganz wie sein Freund und Mentor, der Karikaturist George Grosz, war Ulrich Becher einer Ästhetik des Grotesken und des Schwarzen Humors verpflichtet. Bechers unbändige spätexpressionistische Sprachlust glänzt vor allem in seinen sozialkritischen Milieuschilderungen der New Yorker Upper Class. In der Novelle "Der schwarze Hut" erlebt ein im Konzentrationslager taub geprügelter jüdischer Oberstudienrat das Kriegsende auf der bizarr-mondänen Trauerfeier eines Börsenmaklers. Niemand interessiert sich für das Schicksal des Holocaustüberlebenden, lieber amüsiert man sich über Hitler-Imitationen. So sehr bleibt dieser Dr. Klopstock eine Randfigur, dass selbst dem Erzähler erst viel zu spät einfällt, dass er doch die Hauptfigur sein sollte.

"Ich finde es so wunderbar herrlich schön, Jüdin zu sein! Die Rossi rief es so verzückt schallend aus, daß Dr. Klopstock, der mit seiner Taubheit allein war in dieser schwarzgekleideten Gesellschaft, es verstand. Er brachte ein schales Lächeln zuweg und erwiderte mit der undifferenzierten Hofhundebellstimme derer, die ihr Gehör eingebüßt haben, bellte: Wenn Sie in Dachau gewesen wären, liebe Dame, Dachau, ich meine Dachau, Kazet Dachau, in der Nähe von Freising, wie? wie?? ja in Dachau wie ich … (…)… ja, dann … dann würden Sie’s vielleicht nicht so wunderbar herrlich schön finden."

Es war die Neuausgabe von „Murmeljagd“, die Ulrich Becher vor zehn Jahren wieder ins literarische Gedächtnis rief. Seine nun wieder greifbaren „New Yorker Novellen“ sind eine neue Gelegenheit, diesem großen Exilschriftsteller endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Stand: 12.07.2020, 14:41