Shida Bazyar - Drei Kameradinnen

Buchcover: Shida Bazyar - Drei Kameradinnen

Shida Bazyar - Drei Kameradinnen

Von Hannah Rau

Ein wuchtiger Roman über ein geteiltes Land, der Fakt und Fiktion bis zur Unkenntlichkeit verwebt und der deutschen Mehrheitsgesellschaft dadurch den Spiegel vorhält.

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021.
352 Seiten, 22 Euro.

Shida Bazyar - Drei Kameradinnen

WDR 3 Buchkritik 20.04.2021 04:21 Min. Verfügbar bis 20.04.2022 WDR 3


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Die Lebensrealität von Hani, Kasih und Saya

Ja, es stimmt - ich bin genau die Leserin, die die Erzählerin Kasih adressiert: deutsch, weiß, privilegiert, behütet aufgewachsen in einem bildungsbürgerlichen Haushalt. Meine Familie hat mein Eins-Komma-Irgendwas Abitur mit einem Restaurantbesuch gefeiert. Genauso wie es die Familien meiner Freundinnen und Freunde gemacht haben. Natürlich.

Nur eben nicht für Leute, die nicht Hannah heißen, sondern Hani, wie eine der "Drei Kameradinnen" aus Shida Bazyars gleichnamigem Roman. Denn Hani, Kasih und Saya sind in einer Siedlung am Stadtrand aufgewachsen, ihre Eltern sind geflüchtet, von wo oder weswegen, das verschweigt uns die Erzählerin ganz bewusst. Es spielt ja sowieso keine Rolle, jedenfalls nicht für uns implizite Leser. Denn für uns zählt ja doch nur, dass sie nicht von hier sind.

"(…) darum orientierten wir uns von klein auf lieber an der Realität der anderen, als gäbe es unsere nicht. Was auch wichtig war, damit die anderen Kinder das, was wir erzählten, überhaupt verstanden. Also sprachen wir im Sommer davon, "in den Urlaub" zu fahren, obwohl das in unserem Fall nie Strand und Ferienwohnung, sondern immer nur mehrtägige Besuche bei Freunden unserer Eltern bedeutete, in deren kleinen Wohnungen wir dann den ganzen Tag Fernsehen guckten."

Kein autobiografischer Betroffenheitsbericht

Der Roman handelt von jener deutschen Lebenswirklichkeit, der die Medien- und Verlagswelt viel zu lange viel zu wenig Beachtung geschenkt hat – von Alltagsrassismus, milieuspezifischen Codes, von Privilegien und Zugehörigkeit.

Dabei ist Bazyars Roman keine Autofiktion, kein autobiografischer Betroffenheitsbericht – auch wenn wir erahnen können, dass eine Autorin mit dem Vornamen Shida ähnliche Erfahrungen von Ausgrenzung gemacht haben muss. Umso geschickter ist der Schachzug gleich auf der ersten Seite eine Erzählerin zu etablieren, die den stillen Kooperationsvertrag zwischen Text und Leser aufkündigt.

"Ich möchte fair bleiben, alle Missverständnisse aus dem Weg räumen und von vorneherein kein Geheimnis daraus machen, was dieser Text ist und was er nicht ist.
Ich möchte das doch nicht."

Keine verlässlichen Instanzen

Die Protagonistin Kasih macht keinen Hehl daraus, dass ihre Version der zu erzählenden Geschichte eine unzuverlässige ist. Weniger zuverlässig als jene Erzählungen der Mehrheitsgesellschaft über sie und ihre beiden Freundinnen ist sie aber auch nicht. Für Menschen wie Kasih gibt es keine verlässlichen Erzählinstanzen.

Menschen wie sie und ihre Eltern konnten von Rechtsextremen getötet werden, ohne dass dem ernsthaft nachgegangen worden wäre. Genau darauf zielt der zitierte Tweet einer Anwältin, den man direkt googeln möchte, um ihn auf Echtheit zu überprüfen.

"Deutschland, du hast bis heute versagt. Deutschland, du kannst ab heute versuchen, dein Versagen aufzuarbeiten. Ab heute werden wir versuchen, euch zu vertrauen."

Bezug zu den Prozessen des NSU

Der Roman erzählt vom Auftakt eines der größten Prozesse der Nachkriegsgeschichte. Es ist der Prozess gegen eine rechtsextreme Terrorzelle, die über Jahrzehnte im Untergrund Menschen mit Migrationshintergrund ermordet hat. Unschwer zu erkennen, von welchem Prozess die Rede ist.

Oder vermeintlich sein soll. War unter den Opfern des NSU tatsächlich eine junge Schülerin, die just nach ihrem Abiball erschossen wurde? Wissenslücke oder Bluff? Solche Fragen antizipiert die Erzählerin, wenn sie sich direkt an die Leserinnen und Leser wendet:

"(…) man kann euch nun mal nur halb vertrauen; eigentlich will man es und tut es meistens auch. Aber dann weiß man trotzdem nicht, ob ihr von den Morden an nicht-weißen Personen eigentlich schon gehört habt, die uns nächtelang wach hielten und unsere Läden schließen ließen. Ob ihr eigentlich von den niedergebrannten Häusern wisst, wegen denen wir uns damals Walkie-Talkies zulegten und heute in jeder neuen Wohnung Rauchmelder anbringen. Oder ob ihr bei all diesen Vorfällen gerade im Urlaub wart. Am Mittelmeer vielleicht (…)"

Gesellschaftskritik und Kritik am Buchmarkt

Shida Bazyar spielt die gesamte Klaviatur der Erzähltricks: Sie durchbricht die vierte Wand, verwebt Fakt und Fiktion bis zur Unkenntlichkeit, entlarvt und enttäuscht die Leseerwartungen eines Publikums, das sie obendrein beschimpft und gleichwohl bei der Stange hält.

Der Roman ist Gesellschafts- und gleichzeitig Kritik des Buchmarkts, dessen Zielgruppe ich bin, Hannah, nicht Hani. Und während die Erzählerin bemüht ist, all das herauszuarbeiten, was uns voneinander trennt, gelingt der Autorin die Möglichkeit der Verständigung.

Stand: 19.04.2021, 15:12