Inès Bayard - Scham

Buchcover: "Scham"

Inès Bayard - Scham

Von Corinne Orlowski

Inès Bayards Debütroman „Scham“ ist ein wichtiger Beitrag zur #Metoo-Debatte und zugleich ein unerträglich zu lesendes Buch.

Ines Bayard: "Scham" WDR 3 Buchkritik 04.08.2020 05:18 Min. Verfügbar bis 04.08.2021 WDR 3

Inès Bayards Debütroman "Scham" ist ein wichtiger Beitrag zur #Metoo-Debatte und zugleich ein unerträglich zu lesendes Buch. Eine Rezension von Corinne Orlowski

Inès Bayard: Scham
Aus dem Französischen von Theresa Benkert.
Paul Zsolnay Verlag, Wien Februar 2020.
224 Seiten, 22 Euro.

Die Essensgerüche liegen noch in der Luft. Marie hat für ihr Ossobuco stundenlang in der Küche gestanden. Jetzt sitzt die dreiköpfige Familie am Tisch und stirbt. Marie hat ihr Kind, ihren Ehemann und sich selbst vergiftet.

Das Kind saß noch immer im Hochstuhl, es war mit dem Gesicht auf den Teller gesackt, mitten in die Reste, die es nicht hatte aufessen wollen. Die kleinen, speckigen Finger baumelten in der Luft. Maries Fäuste dagegen lagen auf dem Tisch. Ein einziger Vorfall in ihrem Leben hatte zu dieser Tat geführt. Nun sah sie endlich friedlich aus. Ihre Gesichtszüge waren entspannt, ihr Körper frei von jedem sinnlosen Schmerz. Sie war endlich Frau der Lage geworden.

Marie wurde brutal vergewaltigt. Im Auto ihres Chefs. Der setzt sie unter Druck, niemandem davon zu erzählen. Marie entscheidet sich, darüber zu schweigen. Zu groß ist die Angst vor den Reaktionen ihrer Familie.

Inès Bayard erzählt schonungslos und nüchtern von der Zerstörung eines jungen Lebens. Wir müssen dabei zusehen, Seite um Seite ertragen, wie Marie alles entgleitet: ihre Selbstachtung, ihre Lebenslust, ihr eigener Körper. Dabei konstruiert die Autorin ein enormes Gefälle. Marie und Laurent leben in Paris, sind jung und beruflich erfolgreich – sie als Vermögensberaterin, er als Anwalt. Bald beschließen sie, ihr Liebesglück mit einem Baby zu krönen. Alles ist perfekt. Noch nie musste sich Marie in ihrem Leben wirklich behaupten, wurde immer umsorgt. Und dann diese schreckliche Tat. Am gleichen Abend will ihr Ehemann mit ihr schlafen. Marie hält still und fühlt sich erneut vergewaltigt.

Zwei Linien. Schwanger. Laurent fällt seiner Frau um den Hals. Marie weiß nicht wie ihr geschieht. Sie erstickt fast, lächelt Laurent an, bricht in Tränen aus, krümmt sich vor Schmerzen, übergibt sich, dann lächelt sie wieder, lacht laut los, weint. Das alles ist eine einzige Farce. Sie weiß jetzt schon, dass sie es nicht ertragen wird.

Für Marie bestehen keine Zweifel: Dieses Kind ist von ihrem Peiniger. Es ist verflucht. Niemanden fällt auf, wie sie leidet. Nach außen hin wahrt sie den Schein einer heilen Welt. Dann setzen die Tötungsfantasien ein. Als ihr Sohn auf der Welt ist, gegen ihn. Sie verabscheut den Säugling, ist angewidert von ihm, vor allem von seinem Penis. Nur widerwillig fasst sie den kleinen Körper an. Monate vergehen, bis sie sich zu der unwiderruflichen Tat entscheidet. Damit beginnt der Roman. Und dann erleben wir im Rückblick, wie er zum Psychothriller wird.

Marie gehört jetzt zu den Menschen, die nicht mehr denken. Ihr Leben ist ermüdend, festgefahren, aber so ist das eben. Sie lernt jetzt nichts mehr außer Hass.

Das Unerträgliche an dem Buch ist eigentlich, dass Marie nicht über die Tat spricht. Kot, Sperma, Speichel, das alles schockt nicht so sehr, tut nicht so weh wie dieses laute Schweigen. Etwas unbeholfen erinnert die Erzählstimme dabei immer wieder an die Vergewaltigung. Alle Gedanken und Handlungen zeugen von ihr. Das trägt aber leider nur die ersten 80 Seiten. Dann möchte man das Buch nur weglegen. Es scheuert, es kratzt, es wetzt sich ab.

Wer soll das eigentlich lesen? Jede dritte Frau in Europa ist Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt. In Deutschland jede siebte. Allein in Frankreich wurden im letzten Jahr 220.000 Frauen belästigt, davon 40.000 vergewaltigt. Warum wählt die Autorin die Literatur, um auf dieses brennende Thema aufmerksam zu machen? Der Verdacht: Weil sie aufwühlen und das Ungeheuerliche spürbar machen möchte. So wie einst Elfriede Jelinek oder Ingeborg Bachmann, die Bayard verehrt. Beide haben immer wieder Phänomene von Dominanz und Gewalt beschrieben. Doch für Inès Bayard, Jahrgang 1992, ist die #MeToo-Bewegung nun ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Feminismus. In einem Interview sagt sie, sie wolle über den sehr schmalen Grat zwischen Verstand und Wahnsinn schreiben, die Qualen des weiblichen Körpers reflektieren. Sie habe auch überhaupt nichts dagegen, wenn ihr Roman als brutal bezeichnet würde. Das bedeute ja, dass ihr Schreiben genau diese Gewalt nachahmt, die gegen Frauen ausgeübt werde. Dafür wird Bayards Debütroman auch gelobt. Doch literarisch beeindruckt er leider selten. Der Text weist kaum sprachliche Raffinesse auf. Einzelne Sätze, manchmal ganze Passagen wirken plump oder gar ungelenk. Was auch an der nicht immer überzeugenden Übersetzung liegen mag. Es scheint der Autorin vor allem um den Effekt zu gehen, nicht so sehr um den Ton oder die Form der Geschichte. Botschaft geht hier über Ästhetik.

Eigentlich müsste dieser Roman „Wut“ heißen und nicht „Scham“. Denn Wut ist es, die hier dominiert. Sie rüttelt auf und zeigt schonungslos, wie schmerzhaft sexuelle Gewalt gegen Frauen ist, wohin sie führen kann, wenn niemand hilft. Und das ist der Autorin in jedem Fall hoch anzurechnen.

Stand: 05.08.2020, 14:32