Lars Müller - Bauhaus Zeitschrift 1926-1931 faksimile

Las Müller - Bauhaus Zeitschrift 1926-1931 faksimile

Lars Müller - Bauhaus Zeitschrift 1926-1931 faksimile

Von Beatrix Novy

Jahrzehntelang wurden die vierzehn Ausgaben der "bauhaus zeitschrift" zu absurden Liebhaberpreisen gehandelt: Die Zeitschrift, die am Dessauer Bauhaus zwischen 1926 und 1931 erschien. Jetzt hat ein Züricher Verlag sie als Faksimile herausgebracht.

Lars Müller (Hg.)
Bauhaus Zeitschrift 1926-1931 faksimile
In Zusammenarbeit mit dem Bauhaus Archiv/ Museum für Gestaltung
Lars Müller Publishers, Berlin 2019
316 Seiten, 418 Illustrationen
70 Euro

wir sprechen keine großen laute

"warum wir alles klein schreiben? weil es im sprachgebrauch unkonsequent ist, anders zu schreiben als man spricht. wir sprechen keine großen laute, darum schreiben wir sie auch nicht."

Selbst diese kurze Notiz in denkbar kleinen Lettern, ganz unten auf der letzten Seite der ersten Bauhaus-Zeitung, ist ein Bauhaus-Manifest: Auch die Orthografie soll der der rationellen Organisation der Lebensgestaltung unterworfen werden, die Vorteile der Kleinschreibung entsprechen denen des zweckbedingten Designs oder des rationalisierten Bauens. Wozu zwei Alphabete statt nur eines? Auch Schreibmaschinen wären ohne Großbuchstaben bequemer zu bedienen.

"und wenn wir weiterdenken, würde überhaupt vereinfacht und gespart durch ausschaltung großer (buch)staben."

Lars Müller - Bauhaus Zeitschrift 1926-1931 faksimile

WDR 3 Buchrezension 05.04.2019 05:27 Min. WDR 3

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die bauhauslehre

Aber fast hundert Jahre sind vergangen, und immer noch sieht der mit f geschriebene "fysiksaal" ganz merkwürdig aus. Es gehört eben zum Schicksal von Aufbruchbewegungen, nicht mit allem durchzukommen, was man sich unter einer besseren Zukunft vorgestellt hat.

Ansonsten kann dem Bauhaus Mangel an Wirkungsmacht nicht nachgesagt werden.

Gropius vor einem Bild eines Wolkenkrazters

Walter Gropius

Seine Legende beginnt schon bei der medialen Kompetenz, mit der sein erster Leiter Walter Gropius die Selbstdarstellung der politisch umstrittenen Institution betrieb. In den ersten großformatigen, noch schlicht gefalteten Ausgaben der Bauhaus-Zeitschrift wird nicht gekleckert, sondern großzügig bebildert und typographisch höchst auffällig experimentiert, mit dicken schwarzen Linien und wechselnden Schrifttypen und Spaltenbreiten. Und es wird stolz geworben für Produkte, die Bauhaus-Werkstätten schon auf den Markt gebracht hatten; anfangs sind es noch wenige - Gobelins, ein Teeschlitten und die Wagenfeld-Lampe -, die späteren Ausgaben im eleganten DIN A 4-Zeitschriftenformat verfügen schon über einen beachtlichen Anzeigenteil.

Heute wissen wir, dass es zu der industriellen Massenproduktion, auf die die Bauhauslehre ausgerichtet war, nicht mehr kam. Wir kennen auch die Auswüchse des Funktionalismus in Architektur und Städtebau, den das Bauhaus predigte, und die Diskreditierung, die es deshalb im späten 20. Jahrhundert erfahren hat Aber die Lektüre der 14 Faksimile-Ausgaben der Bauhauszeitschrift führt in die Zeit vor der Historisierung des Bauhauses - eine Reise im Illustriertenformat: programmatische Texte, Zeichnungen, Entwürfe, Fotos, Grundrisse, Diagramme, Glossen, Interviews, Reklame, Randnotizen und Mitgliederwerbung. In dieser Unmittelbarkeit erscheinen auch bekannte Texte, Personen und Positionen neu und anders. Bilder der erfreulichen und der problematischen Seiten des Bauhauses folgen dicht aufeinander: Hier die fulminant illustrierten Seiten von Oskar Schlemmer zum Thema Bühne - dort Ludwig Hilberseimers städtebauliche Vision einer überaus öden "Wohnverkehrsstraße".

Zum Eintauchen ins Vergangene gehören auch die flüchtigen, dem Leser von damals gewidmeten Kleinigkeiten: die persönliche Ansprache, Erklärungen in eigener Sache, die vielen Fotos fröhlicher junger Leute.

"junge menschen! Was sucht ihr an den kunstakademien? kommt ans bauhaus!"

es geht ja um mehr als ästhetik

Was die Bauhaus-Lehrer und ihre Studierenden - so hießen sie damals schon - in diesen wenigen intensiven Jahren diskutierten, vermittelt ein lebendiges Bild dieses gar nicht monolithischen Gebildes. Kämpferische Töne, vom zweiten Bauhausdirektor Hannes Meyer auf poetische Höhen getrieben. Spitzen gegen im Begrifflichen verharrende Vokabeln wie Neue Sachlichkeit oder Bauhaus-"Stil" – es geht ja um mehr als Ästhetik. Da argumentieren unterschiedliche Künstler naturgemäß unterschiedlich, wie die Bauhausmeister Lyonel Feininger, Wassili Kandinsky oder Paul Klee. Da erkennt man - vor allem, wenn man den mitgelieferten Kommentarband gelesen hat - die Handschriften von drei aufeinander folgenden Herausgebern, als da waren der kühle Gropius, der links-emphatische Meyer, und schließlich, in den letzten drei spärlichen Ausgaben, Mies van der Rohe. Und auch im Inneren der Bewegung werden Konflikte deutlich ausgetragen.

"sie wundern sich, daß in der bauhaus-zeitschrift praktische zweckarbeiten des bauhauses abgebildet und propagiert werden, die vornehmlich der befriedigung materieller bedürfnisse dienen und einen intelligenten, materialistischen optimismus zur schau tragen, und daß in dieser selben bauhaus-zeitschrift artikel und glossen erscheinen, die hinter diesen materialismus ein skeptisches "aber", ein bedenkliches fragezeichen setzen."

ein flachdach im landkreis harburg

So schreibt der Redakteur Ernst Kállai, der die sozialen Motive funktionalistischer Gestaltung genauso schätzte wie sein Chef Hannes Meyer, nur fürchtete er, nicht zu Unrecht, ihre sakrosankte Macht und Verselbständigung. In den ideologisch zugespitzten Architektur-Debatten der Endzwanziger Jahre sahen sich die Befürworter der Baumoderne als einsame Speerspitze des Fortschritts. Am Flachdach, das sie heftig propagierten, nahmen die Hüter der Tradition hysterisch Anstoß. Entsprechend erfreut notiert die Bauhaus-Zeitschrift Nr. 3/1929, dass ein Flachdach im Landkreis Harburg einen Tornado besser überstanden habe als sämtliche Giebeldächer rundum.

Stand: 04.04.2019, 12:04