Bart van Loo - Burgund

Bart van Loo - Burgund

Bart van Loo - Burgund

Von Tobias Eisermann

Das Herzogtum und vormalige Königreich Burgund war in der frühen Neuzeit eine beherrschende Macht in Mitteleuropa. Bart van Loo erzählt mitreißend von Aufstieg und Niedergang.

Bart van Loo
Burgund

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
C. H. Beck Verlag, München 2020
650 Seiten
22 Euro

Bart van Loo: "Burgund"

WDR 3 Buchkritik 26.06.2020 05:40 Min. Verfügbar bis 26.06.2021 WDR 3

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Ein großer Wurf

Dem belgischen Historiker Bart Van Loo ist ein großer Wurf gelungen. Im Prolog führt uns der Autor zurück in seine Jugendzeit, als er durch die Lektüre populärer Geschichtsbücher die Erzählungen aus der Vergangenheit zu lieben lernte. Es gab da patriotische Alben, in die man Bildchen einklebte, die man für Gutscheine von Lebensmittelpackungen eintauschen konnte. Das tat Bart Van Loo, als er vierzehn war. Ein Bild hat sich dem Jugendlichen besonders eingeprägt: Zwei Soldaten finden nach der Schlacht bei Nancy 1477 im Schnee den entstellten, von Wölfen angefressenen Leichnam Karls des Kühnen.

"Manche Leseerfahrungen sind so intensiv, dass sie jahrzehntelang nachwirken und plötzlich wie ein Schachtelteufel wieder zum Vorschein springen. Irgendwann konnte ich der Versuchung, den Spuren zu folgen, die meine Lektüre und das Bild von Karl dem Kühnen im Schnee in meiner Fantasie hinterlassen hatten, nicht mehr widerstehen."

Van Loo holt weit aus

Wie war es zu dieser gespenstischen Szene gekommen? Und vor allem, wie hatte Burgund davor seinen kometenhaften Aufstieg zu einer der Großmächte Europas geschafft? Van Loo holt weit aus. Er legt es darauf an, seine Geschichte Burgunds tatsächlich bis dahin zurück reichen zu lassen, wo sie begann: 443 wurden die Reste der von den Hunnen geschlagenen Burgunder in Savoyen angesiedelt. In den 30er Jahren des 6. Jahrhunderts übernahmen die Franken deren ehemaliges Siedlungsgebiet. In den folgenden Jahrhunderten erobern die Burgunder selbst die Macht über ihr Gebiet zurück und wissen sie in der Folge sogar immer stärker auszuweiten. Auf dem Höhepunkt seiner Macht wird Burgund sich bis nach Flandern und den Niederlanden erstrecken. Es ist ein großes Lesevergnügen, sich hier von Bart Van Loo die ganze lange und ereignisreiche Geschichte Burgunds, des Königreichs und des späteren Herzogtums erzählen zu lassen, zumal der Autor die Zeitläufte und vor allem ihre Akteure lebendig und nicht ohne Witz zu schildern weiß.

"Johanns Gang hatte etwas Unbeholfenes, er achtete weniger auf seine Kleidung, böse Zungen behaupteten sogar, dass er hin und wieder geradezu liederlich aussähe. Er war klein und mit einem großen Kopf und einer scharfen Nase gesegnet. Trotz der angeborenen Hässlichkeit beeindruckte er viele mit seinen oft halb geschlossenen Augen. Dadurch strahlte er eine befremdliche Strenge aus."

Schaukelpolitik

Bart van Loo

Bart van Loo

So wird der berühmte Johann Ohnefurcht beschrieben, der, jene Schaukelpolitik zwischen England und Frankreich begann, die sein Sohn Philipp der Gute später erfolgreich zu einer Schaukelpolitik zwischen Frankreich, England und dem Römisch-Deutschen Reich ausbaute. Philipp der Gute, seit 1419 Herzog von Burgund, galt als fairer und rechtschaffener Souverän. Aber auch mit seiner Person nehmen die Wirren um das Herzogtum kein Ende. Philipp hatte viel für den Ruf Burgunds als Kulturzentrum der frühen Neuzeit getan. Unter seiner Herrschaft erlebte Burgund seine Glanzzeit. Jan Van Eyck förderte er als seinen Hofmaler.

Für die umfangreichen Hochzeitsvorbereitungen anlässlich von Philipps Vermählung mit der Schwester des englischen Königs gewann man den Maler Hugo Van der Goes der mit fünfundsiebzig anderen Künstlern und Handwerkern den Auftrag ausführte:

"Standbilder, Triumphbögen, Bühnenrequisiten, Tafelaufsätze, Fahnen und Wappenschilde mussten nicht nur entworfen, modelliert, getischlert, geschnitzt und genäht, sondern auch bemalt werden."

Der sich andeutenden Niedergang

Das war noch einmal der Prunk, den man sich vom Haus Burgund erwartete. Aller Glanz der Feste und alle Erfolge auf der künstlerischen Seite vermochten den sich andeutenden Niedergang des Mittelreichs jedoch nicht zu stoppen. Mit Philipps Sohn Karl dem Kühnen ging es nun, zwar nicht kulturell, aber doch politisch schnell zur Neige. Karl brachte sich vorerst durch seine aggressive Kriegs- und Expansionspolitik ins Gespräch, aber letztlich mündete das Ganze in eine Serie von Niederlagen. Burgund verlor seine Vormachtstellung. 1477 wurde das burgundische Heer in der Schlacht bei Nancy von einer überlegenen Streitmacht unter dem Befehl des Herzogs René des II. von Lothringen aufgerieben und befand sich in Auflösung. Ein Großteil der burgundischen Infanterie ertrank im Fluss Meurthe. Auch Karl der Kühne geriet arg in Bedrängnis:

"Als der Herzog zuletzt gesehen wurde, versuchte er, wild mit dem Schwert um sich schlagend, aus dem Inferno zu entkommen. Ständig musste er ausweichen, weil Verwundete im Weg lagen. Bei einem dieser Manöver muss sein Pferd gestolpert sein. Der Herzog stürzte zu Boden. Die entfesselten Schweizer Söldner erkannten ihn nicht. Einer holte mit seiner Streitaxt aus. Ein Schrei, ein letzter Abwehrversuch, ein gespaltener Schädel. Karl muss auf der Stelle tot gewesen sein."

Hier wird detailverliebt Kulturgeschichte ausgerollt

Fachleute haben für Van Loos "Geschichte von Burgund" bereits Vergleiche angestellt mit Klassikern der Kulturgeschichtsschreibung wie Johan Huizingas "Herbst des Mittelalters" oder Barbara Tuchmans "Der ferne Spiegel". Bei näherem Hinsehen erscheint das keineswegs unangebracht. Ein köstlicher Schmöker – und zugleich populärwissenschaftliche Geschichtsschreibung auf höchstem Niveau. Hier wird ausgreifend und detailverliebt eine Kulturgeschichte ausgerollt, die einem den Geschmack und die Gerüche, die Farben und die Gefühle der Vergangenheit spüren lässt.

Stand: 25.06.2020, 12:54