Lászlo Krasznahorkai - Baron Wenckheims Rückkehr

Lászlo Krasznahorkai - Baron Wenckheims Rückkehr

Lászlo Krasznahorkai - Baron Wenckheims Rückkehr

Von Hans-Peter Kunisch

In seinem neuen Roman "Baron Wenckheims Rückkehr" rückt der Weltautor László Krasznahorkai seiner zwiespältigen ungarischen Heimat unter Ministerpräsident Orban zu Leibe.

Lászlo Krasznahorkai
Baron Wenckheims Rückkehr

Aus dem Ungarischen von Christina Viragh
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main 2018
494 Seiten
25 Euro

Eine Pressekonferenz

Noch vor der Ankunft des Barons gibt es eine Pressekonferenz. Der Provinz-Bürgermeister wirkt, ganz in Vorfreude, so devot wie selbstbewusst:

"[…] es mag ja für Sie, die an die sogenannte Demokratie gewöhnt sind, seltsam klingen, aber bitte nehmen sie zur Kenntnis, dass ab heute er der Herr im Hause ist […] denn das hier ist, dem Himmel sei Dank, keine Demokratie mehr […] das hier ist ein Besitztum."

Lászlo Krasznahorkai - Baron Wenckheims Rückkehr

WDR 3 Mosaik 09.01.2019 05:45 Min. WDR 3

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Adelig, aber ein liberaler Demokrat

Hätte der Bürgermeister etwas Geschichtskenntnis, hätte er nicht auf den Baron vertraut: der historische Béla Wenckheim war adelig, aber ein liberaler Demokrat. Er verließ das Land nach der gescheiterten 1848er-Revolution mit unbekanntem Ziel, kam elf Jahre später zurück, und setzte sich als Premierminister gegen den damaligen Antisemitismus ein. Allerdings kam der historische Wenckheim nicht aus Gyula, wo László Krasznahorkai selbst 1954 geboren wurde. Aber das Gyulaer Schlösschen der Almassy, das im Roman oft erwähnt wird, gehörte ursprünglich einem anderen Wenckheim. Und das Stammschloss der Familie liegt nur 15 Kilometer entfernt. So ist es kein bloßer Scherz, dass Krasznahorkai Wenckheim in die eigene Heimatstadt "zurück" holt, eher ein Gedankenspiel: Was würde/ müsste der Baron sehen, wenn er heute dorthin käme? Wobei das Spiel noch weiter geht. Der Baron, der sich selber "uralt" fühlt - "irgendetwas zwischen achtzig und neunzig" - ist nur genauso alt, wie der Autor selbst. Und auch Krasznahorkai, der 64jährige Wahl-Berliner, lebt selber im selbstgewählten Exil. Wenckheim ist also eine Art Rückkehrer-Doppelgänger.

Politik interessiert den Baron allerdings erstmal wenig. Er will nur eine Schul-Angeschwärmte wiedersehen. Und nach Europa ist er bloß zurück, weil er in Argentinien Spielschulden hatte, die ihn ins Gefängnis brachten. Seine reichen Wiener Verwandten, die er zuerst besucht hat, haben ihn neu ausgestattet, damit er der Familie keine Schande macht. Als Wenckheim in Gyula ankommt, steht eine begeisterte Masse am Zug.

"[…] es erschien ein Mann mit einem breitkrempigen Hut in der Hand […] er streckte den Kopf heraus, um sich umzublicken, doch dann sahen die, die in der Nähe standen nur so viel, dass auf dem Gesicht des alten Mannes etwas erschien, dass am ehesten dem Entsetzen glich."

Einsiedlertum, Gedankenentleerung und Heimatbeschimpfung

Wenckheim zieht die Tür wieder zu. Die Menge murrt. Was ist mit dem Messias? Ist Wenckheim wirklich einfach der bescheidene Versager, von dessen wahrem Schicksal die Wartenden nichts wissen? Oder zeigt Krasznahorkai mit seinem Baron, dass die heutigen Liberalen auf den Hund gekommen sind, sich nur noch für Privates interessieren?

Lászlo Krasznahorkai - Baron Wenckheims Rückkehr

Lászlo Krasznahorkai

Der generelle Rückzug in eine Art Einsiedlertum ist in "Wenckheims Rückkehr" jedenfalls Thema. Es gibt einen zweiten alten Außenseiter: einen Professor, der als Moosforscher bekannt wurde und jetzt in einen Verhau am Waldrand lebt, wo er "Gedankenentleerung" betreibt, auf "Nazis" schimpft und auf seine Tochter schießt, die ihn wieder ins alte Leben zurückholen will. Der Moosforscher, eine aggressive Ergänzung zum sanften Baron, ist es wohl auch, der die große Schmährede "An die Ungarn" verfasst hat, die in der Lokalzeitung veröffentlicht wird, weil auch Heimatbeschimpfung Aufmerksamkeit verspricht.

"Ein so abstoßendes Volk wie euch hat die Erde noch nie auf ihrem Rücken getragen, obwohl das, was wir auf der Erde so im Allgemeinen sehen, alles andere als entzückend ist, aber widerwärtigeren Menschen als euch bin ich noch nie begegnet, und da ich zu euch gehöre und euch also zu nahe stehe, fällt es mir schwer, auf Anhieb genaue Wörter dafür zu finden."

Weniger apokalyptisch dafür humorvoller

Krasznahorkai war nie ein engagierter Autor im engeren Sinn. Doch schon in "Satanstango", einer apokalyptischen Parabel, gibt es einen Heimkehrer mit politischem Hintergrund: der totgeglaubte Irimías kommt als Prophet einer neuen Ära in die Ödnis der kommunistischen Endzeit zurück, verspricht Auferstehung aus der kollektiven Erstarrung. Das Buch ist im Original 1985 erschienen und wirkt wie eine eigenwillige Vorahnung von Perestroika und Mauerfall.

Die Schmährede "An die Ungarn" ist eine klare Provokation an die Adresse der Nationalisten, bewusst genauso undifferenziert wie deren Ausländerhass. Das demokratisch gewählte autoritäre Regime Orbán, in dem das Ungartum auf dem Gipfel der Menschheitspyramide ansiedelt, hat Krasznahorkai offensichtlich repolitisiert. Lange war er, der mit einer Sinologin verheiratet ist, eher von meditativeren Strömungen Asiens beeinflusst.
Doch ist die "Rückkehr" nach Ungarn literarisch produktiv? Teils, teils. Krasznahorkai ist in seinem neuen Roman weniger apokalyptisch als früher, humorvoller, nicht um Gags verlegen.

Aber manchmal beeinträchtigt Krasznahorkais neuer Humor, bei genauerem Besehen, die dramaturgische Struktur. Gegen Ende bringt sich der Baron einfach um. Kaum motiviert. Das liest sich beinahe, als habe Krasznahorkai plötzlich genug gehabt von seiner Hauptfigur, die von Anfang an keine Lust verspürte, der strahlende Protagonist einer staatstragenden Handlung zu werden. Das ist konsequent - aber wenn eine Hauptfigur so schnell verschwindet, war sie dann wirklich wichtig? Da handlungsmäßig alles irgendwie geht, verliert man gelegentlich den Elan, Krasznahorkais legendär weitgeschwungenen Sätzen zu folgen. Altersgelassenheit ist zwar sympathisch, beim Romanschreiben aber scheint sie eher hinderlich.

Stand: 09.01.2019, 09:30