Julian Barnes - Die einzige Geschichte

Julian Barnes - Die einzige Geschichte

Julian Barnes - Die einzige Geschichte

Von Andreas Wirthensohn

Julian Barnes hat einen wunderbar originellen und zutiefst bewegenden Roman über die Liebe geschrieben. Eine Rezension von Andreas Wirthensohn.

Julian Barnes
Die einzige Geschichte

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019
304 Seiten
22 Seiten

Wie jeder ordentliche Brite

Paul ist ein älterer, alleinstehender Herr, der in seinem Berufsleben viel in der Welt unterwegs war und sich nun im Ruhestand der Käseherstellung verschrieben hat. Und er hat wie jeder ordentliche Brite das, was man als Marotte oder – gut englisch– als Spleen bezeichnen könnte:

"Er führte schon seit Jahrzehnten ein kleines Notizbuch. Darin hielt er fest, was andere über die Liebe gesagt hatten. Große Romanciers, TV-Koryphäen. Selbsthilfegurus, Leute, die er in den Jahren kennengelernt hatte, als er auf Reisen war. Er sammelte die Belege. Und alle paar Jahre ging er sie dann durch und strich alle Sprüche durch, die er nicht mehr für wahr hielt. Im Allgemeinen blieben nur zwei, drei vorläufige Wahrheiten übrig. Vorläufig, weil er die beim nächsten Mal womöglich auch durchstreichen und dann zwei, drei andere stehen lassen würde."

Eine der Weisheiten, die schon mehrere dieser kritischen Überprüfungen überstanden hat, lautet:

"In der Liebe ist alles wahr und falsch zugleich; sie ist das einzige Thema, über das man unmöglich etwas Absurdes sagen kann."

Julian Barnes: "Die einzige Geschichte"

WDR 3 Mosaik 13.03.2019 05:43 Min. WDR 3

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Die Geschichte seiner Liebe

Doch Paul ahnt, dass sich etwas so Großes und Tiefgreifendes, etwas so Prägendes und Privates wie die Liebe nicht in knappen, allgemein gehaltenen Sentenzen erfassen lässt, sondern nur in einer Geschichte. Und so erzählt er diese Geschichte, die Geschichte seiner Liebe, der ersten und im Grunde einzigen Liebe seines Lebens. Neunzehn war er, als er Susan im Tennisclub kennen lernte, und dass sie fast dreißig Jahre älter war als er, machte die Sache nur umso aufregender. Susan war verheiratet, hatte zwei Töchter, die älter waren als der junge Lover, doch Paul glaubte an die Unbedingtheit der Liebe, an ihre Macht, alle Konventionen zu überwinden. Dass der Tennisverein ihnen die Mitgliedschaft kündigt, als die Beziehung bekannt wird? Egal. Dass Susans Mann spitze Bemerkungen über den Gigolo macht, der im Hause der Familie ein und aus geht? Geschenkt. Dass die Nachbarn im Dorf tuscheln und sich das Maul zerreißen? Was soll’s. Oder anders ausgedrückt:

"Ich war neunzehn, und ich wusste, dass die Liebe unvergänglich ist, dass die Zeit ihr nichts anhaben und kein Schatten sie trüben kann."

Aus der Liebe wird Leid

Julian Barnes, Autor, Engländer

Julian Barnes

Paul will die Liebe leben, nicht verstehen, und wer in der Liebe lebt, lebt in der Wahrheit. Susan verlässt ihre Familie, die beiden kaufen gemeinsam ein Häuschen, Paul beginnt ein Studium, doch aus der Unbeschwertheit wird nach und nach Unglück. Denn Susan fängt an zu trinken, und nach den glücklichen Erinnerungen des ersten Romanteils folgt im zweiten und dritten Teil die Geschichte eines jämmerlichen, auch körperlichen Verfalls. Aus der Liebe wird Leid, und stärker als alle tatsächlichen Geschehnisse hat sich Paul ein Traumbild, eine Metapher dieser Beziehung ins Gedächtnis gegraben:

"Du stehst an einem Fenster oben im Haus an der Henry Road. Sie ist irgendwie hinausgeklettert, und du hältst sie fest. An den Handgelenken, versteht sich. Aber ihr Gewicht macht es dir unmöglich, sie wieder ins Haus zu ziehen. Du schaffst es gerade noch, dich nicht mit ihr, von ihr hinausziehen zu lassen. Einmal öffnet sie den Mund und will schreien, aber es kommt kein Laut heraus. Stattdessen löst sich ihre Prothese; du hörst das Gebiss auf dem Boden aufschlagen. Ihr hängt beide dort fest, ineinander verhakt, und das wird so bleiben, bis deine Kräfte erschöpft sind und sie hinunterfällt."

Die "richtige" Erinnerung

Paul erzählt seine Geschichte rückblickend, als Versuch, die Wahrheit dieser Liebe und seiner Erinnerungen daran zu ergründen. Er erzählt sie zugleich so, als gebe es keine zeitliche Distanz zu all den Ereignissen und Empfindungen, die Jahrzehnte zurückliegen. Und er erzählt sie so kunstvoll, dass er im Laufe der Darstellung die Perspektive wechselt. Aus einer Ich-Erzählung wird eine Du-Erzählung wird eine Er-Erzählung. Das Erzählen wird zur zunehmenden Distanznahme gegenüber dem eigenen Leben – in der Hoffnung, die Erinnerung würde dadurch wahrer. Oder zumindest richtiger.

"Seiner Ansicht nach gehörte es zu seinen letzten Aufgaben im Leben, Susan richtig in Erinnerung zu behalten. Damit meinte er nicht: korrekt, Tag für Tag, Jahr für Jahr, vom Anfang über die Mitte bis zum Ende. […] Nein, er meinte es so: Es war seine letzte Pflicht ihnen beiden gegenüber, sie so in Erinnerung zu behalten und zu bewahren, wie sie in der ersten Zeit ihres Zusammenseins gewesen war. Sie so in Erinnerung zu behalten, dass sie wieder das hatte, was er noch immer ihre Unschuld nannte: eine seelische Unschuld. Bevor diese Unschuld verunstaltet wurde. Ja, das war das richtige Wort dafür: vollgekrakelt mit den wilden Graffiti des Alkohols."

Eine lange, kunstvolle Antwort

Seit 2008 seine Frau an einem Gehirntumor starb, hat sich ein Grundton der Trauer in die Bücher von Julian Barnes geschlichen. Auch dieser Roman ist einer über die Traurigkeit des Lebens, über eine Liebe, die in einer Katastrophe endet und die doch das Schönste ist, was der Erzähler je erlebt hat. Manchmal so berichtet Paul, werde er gefragt, warum er nie geheiratet habe. Kurzgefasst lautet die Antwort darauf so:

"Es ist eine Frage des Herzeleids – was es bedeutet, wenn einem das Herz bricht, und wie genau ein Herz bricht, und was dann noch davon übrig ist."

Die lange Antwort, das ist dieser Roman, und er ist einer der besten, die Julian Barnes je geschrieben hat.

Stand: 13.03.2019, 09:00