Julian Barnes - Der Mann im roten Rock

Buchcover: Julian Barnes: Der Mann im roten Rock

Julian Barnes - Der Mann im roten Rock

Von Ulrich Rüdenauer

Julian Barnes neues Buch "Der Mann im roten Rock" ist ein geistreicher, fulminanter Essay über die Kunst und das Leben – und zugleich das Plädoyer für ein weltoffenes Europa.

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020.
302 Seiten. 24 Euro.

Eine Wuntertüte voller interessanter Persönlichkeiten

"Der Mann im roten Rock" von Julian Barnes ist eine Wundertüte: Darin enthalten das Porträt eines Mannes, der an der vordersten Front des medizinischen Fortschritts tätig und zugleich ein Ästhet war. Wir lesen das Porträt einer Epoche – der Belle Epoque nämlich. Und die Porträts vieler ihrer Protagonisten, von Berühmtheiten wie Oscar Wilde, Guy de Maupassant oder die Brüder Goncourt und heute weniger bekannten wie Jean Lorrain oder Léon Daudet.

Es ist ein leichthändig geschriebenes und zugleich gewichtiges Buch über die Kunst und über die Macht des Klatsches, über die Lust am Spiel und das Spiel mit Gerüchten, über Freund- und Feindschaften, Duelle und Attentate, die gerade in Frankreich um die Jahrhundertwende Konjunktur hatten – man hielt sehr auf die Ehre.

Großbritanniens Position innerhalb Europas

Und es ist nicht zuletzt ein Buch über die freudigen, verschrobenen, vielgestaltigen Beziehungen zwischen den Briten und Franzosen. Ein Hurra also auf die prachtvollen Missverständnisse, die reizvollen Mentalitätsunterschiede und den fruchtbaren Ideenaustausch in Europa, und das alles vor dem Hintergrund eines im Brexit Ausdruck findenden insularen Patriotismus.

Julian Barnes taucht mit "Der Mann im roten Rock" in eine andere Zeit ein, um vom Ungenügen an der heutigen zu erzählen oder besser vielleicht: um ihrer Engstirnigkeit zu entkommen.

"'Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz.' Ich habe dieses Buch im letzten Jahr vor Großbritanniens verblendetem, masochistischem Austritt aus der Europäischen Union geschrieben. Und Dr. Pozzis Maxime kam mir oft in den Sinn."

Ein Mann der Pariser Elite mit vielen Kontakten

Dr. Samuel Jean Pozzi ist der Mann im roten Rock und, obwohl von der Geschichte fast vergessen, das magnetische Zentrum in Julian Barnes wunderbarem Langessay. Von John Singer Sargent im scharlachroten Mantel verewigt, hatte er sich aus einfacheren Verhältnissen in die Geistes- und Standeselite der Pariser Gesellschaft emporgearbeitet. Er war anglophil, kunstsinnig, elegant und blendend aussehend, ein Gynäkologe von Ruf und Weitsicht und ein fast noch größerer Liebhaber; seine Ehe hingegen scheint eher unglücklich verlaufen zu sein.

Julian Barnes: "Der Mann im roten Rock"

WDR 3 Buchkritik 14.01.2021 05:46 Min. Verfügbar bis 14.01.2022 WDR 3


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Er war mit allen bekannt; verkehrte mit ihnen gesellschaftlich und im Bett – letzteres etwa mit der berühmten Actrice Sarah Bernhardt. Seine Gespielinnen waren nicht selten auch seine Patientinnen. In Barnes subtil ironisch erzählter und raffiniert komponierter Geschichte dieser Zeit hängt jeder mit jedem zusammen. Man lästerte übereinander, förderte sich gegenseitig, unternahm gemeinsame Reisen.

Ein schillernder Exzentriker ist Pozzis Reisebegleitung

Mit einer solchen setzt Barnes Buch auch ein: Der junge Pozzi, den die Bernhardt "Doctor Dieu" nannte, reist im Jahr 1885 zusammen mit dem Grafen Robert de Montesquiou und dem Prinzen Edmond de Polignac nach England. Man besucht gemeinsam das Händel Festival im Crystal Palace, stattet Galerien Visiten ab, speist mit Henry James. Franzosen und Engländer interessierten sich füreinander, wenn man sich auch nicht immer verstand.

Graf de Montesquiou kommt bei Barnes die zweite Hauptrolle zu: ein homosexueller Dandy und Exzentriker par Excellence, der augenscheinlich auch einige Literaten anregte, darunter zwei ziemlich bedeutende: Die Figur des Baron de Charlus in Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" trägt ebenso seine Züge wie Des Esseintes, der dekadente Held in Huysmans "Gegen den Strich".

"Alle Welt weiß, dass Graf Robert de Montesquiou eine Schildkröte besaß, deren Panzer vergoldet und mit Edelsteinen besetzt war. Wir wissen das, weil Huysmans vier Seiten von Gegen den Strich auf die Schilderung von Des Esseintes’ Erwerb des Tiers – ein wahrlich 'dekorativer Einkauf' – und dessen Verwandlung verwendet."

Eintauchen in das Wimmelbild einer anderen Zeit

Barnes‘ Buch ist randvoll mit hinreißenden Anekdoten, scharfsinnigen Beobachtungen, satirischen Spitzen, herrlich skurrilen Fundstücken, die er in einem ganz eigenwilligen Rhythmus episodenhaft aneinanderreiht. Manchmal erzählt er eine Geschichte oder zitiert einen Satz einfach nur deshalb, weil er ihm so gut gefällt. Und springt dann weiter zur nächsten Szene.

Einer stringenten Erzählung setzt er das Prinzip des Puzzles entgegen. Man weiß nicht gleich, wohin die Teile wohl gehören. Am Ende passen sie aber doch zusammen und ergeben ein Wimmelbild des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, beobachtet mit feinem Sinn für die Doppelbödigkeit alles Überlieferten und mit einer Randfigur als heimlichem Zentrum: Doktor Pozzi. Man hat so das Gefühl, dank Barnes nicht auf eine Epoche zu blicken, sondern mit ihm in ihr umher zu spazieren.

"Die Belle Époque war eine Zeit unermesslichen Wohlstands für die Wohlhabenden, der gesellschaftlichen Macht für die Aristokratie, des hemmungslosen und ausgefeilten Snobismus, des ungezügelten Strebens nach Kolonialbesitz, des künstlerischen Mäzenatentums und des Duells, dessen Brutalität oft eher ein Gradmesser der persönlichen Erregung als der verletzten Ehre war. Man kann dem Ersten Weltkrieg nicht viel Gutes abgewinnen, aber wenigstens hat er davon viel hinweggefegt."

Ein hochliterarischer und erkenntnisreicher Essay

Schön ist es übrigens, dass man in diesem Buch nicht nur lesen, sondern auch lustvoll blätternd Bilder betrachten kann – zeitgenössische Porträts aus der Schokoladenpackung, Gemälde von John Singer Sargent, Fotografien. Hinter den bürgerlichen und manchmal theatralischen Abbildungen verbergen sich die ausgefallenen Biografien einer Zeit, gegen die unsere von einer geradezu lähmenden Biederkeit zu sein scheint.

Auch wenn Barnes‘ "Der Mann mit dem roten Rock" also kein Roman ist, hochliterarisch und dazu erkenntnisreich ist er allemal. Ein besserer Start in den literarischen Frühling lässt sich gar nicht denken. 

Stand: 14.01.2021, 05:26