Alessandro Baricco - Die Legende vom Ozeanpianisten

Alessandor Baricco - Die Legende vom Ozeanpianisten

Alessandro Baricco - Die Legende vom Ozeanpianisten

Von Christian Kosfeld

Auf einem Schiff wird im Jahr 1900 ein Baby gefunden und Novecento getauft. Der Junge verlässt das Schiff nie und er wird ein fantastischer Pianist. Wolfgang Berger gestaltet Barricos theatralischen Monolog virtuos.

Alessandor Baricco
Die Legende vom Ozeanpianisten

Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Gelesen von Wolfgang Berger
Steinbach Sprechende Bücher
1 MP3 CD
ISBN 9783455650846

Alessandro Baricco "Novecento - Die Legende vom Ozeanpianisten"

WDR 3 Mosaik 04.07.2019 05:39 Min. WDR 3

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Ozeanriesen haben aktuell ja ein schlechtes Image. Sie verpesten die Luft norwegischer Fjorde, rammen in Venedig Boote, richten auf hoher See Umweltschäden an und bringen über viele Hafenstädte mehr Unheil als Segen. Dennoch sind Schiffsreisen für viele Menschen ein Traum. Vielleicht nicht nur wegen großer Buffets und Bord-Disko, sondern auch wegen der Entschleunigung, der veränderten Perspektive, auf das Meer, das Land, und sich selbst. Schiffe waren immer Schauplätze großer Geschichten: man denke an den biblischen Jona, an Odysseus, Sindbad den Seefahrer, oder Melvilles Moby Dick. Der Italiener Alessandro Barricco hat sich eine der phantasievollsten Geschichten ausgedacht, die auf einem Schiff spielen: "Die Legende vom Ozeanpianisten". Die wurde bereits verfilmt, und ist auch als Hörbuch erschienen. Jetzt hat Steinbach Sprechende Bücher eine neue Übersetzung produziert, mit dem Sprecher Wolfgang Berger.

Danny Boodman T.D. Lemon

Haupt-Figur in der "Legende vom Ozeanpianisten" ist der Trompeter Tim Tooney, der die ungewöhnliche Geschichte seines Freundes erzählt. Im Jahr 1900 wird auf dem Passagierschiff Virginia ein Baby gefunden. Offenbar haben es Auswanderer auf der Reise in die USA zurück gelassen, im Ballsaal abgestellt auf einem Flügel. Der Maschinist Danny Boodman findet das Baby, das in einem Karton mit der Aufschrift „T.D.Lemon“ liegt. Er nimmt es zu sich, und gibt ihm den Namen „Danny Boodman T.D. Lemon“.

"Sie prüften ihn eine Weile, indem sie ihn vor sich hin sagten, der alte Danny und die anderen im Maschinenraum bei abgeschalteten Motoren im Hafen von Boston schaukelnd. „Ein schöner Name“, sagte der alte Boodman schließlich. „Doch irgendwas fehlt noch, ihm fehlt ein großes Finale.“ „Setzen wir doch Dienstag dazu, du hast ihn Dienstag gefunden, also nenn ihn Dienstag!“ Danny dachte eine Weile darüber nach. Dann lächelte er: „Das ist eine gute Idee, Sam. Ich habe ihn im ersten Jahr dieses verdammten neuen Jahrhunderts gefunden. Ich werde ihn Novecento nennen. 1900"

Etwas Kleines und Schönes

Der Junge wächst auf dem Schiff auf, ans Land geht er nie. Novecento kennt bald jeden Winkel und Schraube des Schiffes, das zwischen Amerika und Europa hin und her fährt. Als er acht Jahre alt ist, stirbt Danny durch einen Unfall. Novecento verschwindet für Wochen. Dann taucht er wieder auf, im Ballsaal am Flügel.

Alessandor Baricco

Alessandor Baricco

"Alle schwiegen und schauten – auf Novecento. Er saß mit Beinen, die ein ganzes Stück über dem Boden baumelten, auf dem Klavierhocker. Und wahrhaftigen Gottes: er spielte. Ein ziemlich einfaches, langsames und verführerisches Klavierstück erklingt. Weiß der Teufel, was das für eine Musik war, die er da spielte. Es war etwas Kleines und Schönes. Es war kein Trick, er war es wirklich, der da spielte, es waren seine Hände auf den Tasten, weiß der Himmel wie. Und man musste gehört haben, was er da hervor brachte! Da war eine Dame im rosa Morgenrock mit solchen Klemmen im Haar, die amerikanische Gattin eines Versicherungsvertreters, also - der rollten dicke Tränen über ihre Nachtcreme sie guckte und weinte, sie hörte überhaupt nicht mehr auf."

Er lenkte dieses Klavier mit den Tasten, mit den Tönen

Alessandro Baricco hat seine „Legende vom Ozeanpianisten“ als theatralischen Monolog geschrieben. Im Text finden sich daher auch Regieanweisungen für den Schauspieler, zu Kostümen oder Musikeinspielungen. Sprecher Wolfgang Berger interpretiert den Text wandlungsfähig, virtuos in der Stimmführung, und gestaltet diese fantastische Geschichte mit großer Spielfreude. Mit 27 Jahren spielt Novecento in der "Atlantic Jazz Band" an Bord. Dort freundet er sich mit dem Trompeter Tim Tooney an. Eines Nachts während eines Sturms gehen sie zusammen in den Saal. Novecento löst die Verankerungen des Flügels und der Bank, und rollt mit Tim neben ihm los.

"Es sah aus, als würde das Meer es wiegen, und auch uns wiegen, ich begriff überhaupt nichts mehr. Und Novecento spielte, er ließ sich überhaupt nicht beirren. Und es war klar, dass er nicht bloß spielte, sondern dass er dieses Klavier lenkte mit den Tasten, mit den Tönen, es war verrückt, aber so war's. Und während wir zwischen den Tischen kreiselten und Sessel und Lüster streiften, begriff ich, dass wir in diesem Augenblick wirklich mit dem Ozean tanzten, verrückte und perfekte Tänzer, eng umschlungen in einem wirren Walzer auf dem goldenen Parkett der Nacht. O Yes....."

Die eigene Musik, die im Kopf entsteht

Alessandro Baricco, Jahrgang 1958, ist ein preisgekrönter Schriftsteller und Musikjournalist. Die Legende vom Ozeanpianisten wurde bereits verfilmt. Der Soundtrack kam von Alt-Meister Ennio Morricone. Doch stellt man mit diesem großartigen Hörbuch fest, dass die eigene Musik, die im Kopf entsteht, viel besser passt. Denn Novecento spielt wie kein anderer. Das spricht sich herum.

Und so fordert ihn der überhebliche Jelly Roll Morton aus New Orleans zum Duell, der sich selbst als "Erfinder des Jazz" bezeichnet.

"Jelly Roll nahm den Whiskey, ging zum Klavier und sah Novecento in die Augen. Er sagte zwar nichts, aber was in der Luft lag war: „Steh auf!“ Novecento stand auf. „Sie sind der, der den Jazz erfunden hat, stimmt's?“ „Allerdings. Und du bist der, der nur spielt, wenn er den Ozean unterm Arsch hat, stimmt‘s?“ „Allerdings!“ Sie hatten sich vorgestellt....."

Wie das Duell ausgeht und ob der Ozeanpianist irgendwann das Schiff verlässt, das alles lässt man sich am besten von Wolfgang Berger erzählen. Denn der führt auf großartige Weise vor, dass die schönsten und eindrücklichsten Bilder und Klänge in unseren eigenen Köpfen entstehen, auch im 21. Jahrhundert.

Stand: 02.07.2019, 11:05