Lukas Bärfuss - Die Krone der Schöpfung. Essays.

Buchcover: Lukas Bärfuss - Die Krone der Schöpfung. Essays.

Lukas Bärfuss - Die Krone der Schöpfung. Essays.

Von Martin Krumbholz

Tschechow und Tizian, Corona und Fifa – die Themen dieser aufgeklärten Essays des Schweizers Lukas Bärfuss sind weit gespannt.

Lukas Bärfuss: Die Krone der Schöpfung. Essays.
Wallstein Verlag, Göttingen 2020.
174 Seiten, 20 Euro.

Lukas Bärfuss: "Die Krone der Schöpfung"

WDR 3 Buchkritik 20.01.2021 05:42 Min. Verfügbar bis 20.01.2022 WDR 3


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Zweifel an der Macht der Rosine

Man könnte sich fragen, was Lukas Bärfuss gegen Rosinen hat. Die Weinbeere spielt in der sogenannten Achtsamkeitspraxis eine gewisse Rolle, einer mit dem Zen-Buddhismus verwandten esoterischen Übung, in der es kurz gesagt darum geht, die Beere einige Minuten zu betrachten, zu riechen, zu schmecken und auf diese erstaunliche Weise Stress abzubauen.

"Man hört tatsächlich von Menschen, deren Weltsicht sich im Moment, da sie sich in einem finalen Akt die Weinbeere auf die Zunge legten, schlagartig änderte. Die Geschmacksexplosion habe ihnen das Wunder des Universums offenbart."

Bärfuss ist ein Vertreter der Aufklärung und der Vernunft

Nein, Bärfuss hat nichts gegen Rosinen, aber er glaubt nicht an Wunder. Der Schweizer Autor ist ein klassischer Vertreter der Aufklärung, seine Sache ist die Vernunft, und diese Haltung zieht sich durch alle seine Essays, ob es dabei um die Pandemie und das Tragen von Gesichtsmasken oder um Korruption in der Schweiz und überall auf der Welt geht. Bärfuss, das wird deutlich, möchte nichts und niemandem auf den Leim gehen.

Im einleitenden Essay mit dem Titel "Storytelling" warnt Bärfuss gewissermaßen vor der Macht von erzählten Geschichten. Nichts beherrsche und forme den Menschen so sehr wie seine Geschichten. Mit Geschichten halte man Nationen zusammen und lasse Kriege führen.

"Die menschliche Vorstellungskraft unterscheidet nicht nach Wahrheit oder Lüge. Sie urteilt nach anderen Kategorien: Anschaulichkeit und Grad affektiver Beteiligung."

Auch literarische Fragen werden behandelt

Dabei verhält es sich jedoch nicht so, dass der Essayist Bärfuss seinerseits immer nur im Klartext argumentieren würde. Ironie, ein naturgemäß vieldeutiges Stilmittel, kommt auch bei diesem Autor vielfach zum Einsatz. Einige der interessantesten Aufsätze des Bandes bedienen sich ausgesucht exquisiter Erzählstrategien. Der Text mit dem Titel "Das Ulmensterben" befasst sich keineswegs mit dem angekündigten biopolitischen Phänomen, sondern mit rein literarischen Fragen, denn:

"Ein literarischer Text im Spätkapitalismus muss, ganz im Einklang mit den Forderungen an irgendeine andere Ware, viel versprechen und wenig halten."

Oder eben etwas anderes halten, als er verspricht. In diesem Fall geht es um die These, je eindeutiger die Trivialliteratur werde, desto mehr bemühe sich die gehobene Literatur um Unklarheit und Unverständlichkeit. Der Titel "Das Ulmensterben" führt also genau das Phänomen ad absurdum, das der Autor beklagt.

Das Komische in der Komödie finden

In einem Aufsatz über Anton Tschechows Schauspiel "Der Kirschgarten" geht Bärfuss der Frage nach, was daran eigentlich komisch sei, denn auf dieser Eigenschaft habe Tschechow ja nachdrücklich bestanden. Die Frage sei mehr oder weniger ungeklärt, meint Bärfuss, und bietet eine überraschende Lösung an: Komisch seien nämlich wir – die Zuschauerinnen und Zuschauer.

"Wenn sich jemand im Publikum fragen sollte, über wen sich Anton Tschechow in "Der Kirschgarten" lustig macht, der braucht sich nur zu vergegenwärtigen, wer zuletzt in diesem verfallenen und überlebten Landgut sitzen geblieben ist, eingeschlossen in der Sehnsuchtsfalle (…), unfähig, sich aus den nostalgischen Anwandlungen zu befreien und die Kirschbäume zu retten, die uns, und nur uns, so am Herzen liegen (…)."

Mit anderen Worten, wir Zuschauer werden zum Opfer unserer Nostalgie, und über nichts anderes mache der Dramatiker sich lustig. Daher: Komödie. Was Bärfuss dabei nicht bedenkt, ist die Tatsache, dass eine Komödie nicht notwendig auf Pointen und auf Gelächter abzielt; es gibt auch subtilere Spielarten des Komischen.

Mal spitzfindige Dekonstruktion, dann wieder einleuchtend nachvollziehbar

Außerordentlich subtil wird der Autor seinerseits dann aber in einem Aufsatz über Tizians Gemälde "Verkündigung", also jenes berühmte Bild, auf dem der Erzengel Gabriel mit einer Lilie bewaffnet vor der Jungfrau Maria schwebt. Bärfuss glaubt als Aufklärer nicht an die jungfräuliche Geburt, und so wird sein Aufsatz zu einem Musterexempel der Dekonstruktion. Deren Pointe liegt im Unterschied zwischen Söckchen und Gamaschen. Dieser Erzengel mit dem Antlitz einer Frau und den Armen eines Mannes trage keinesfalls Söckchen.

"Dieser Bote da, sehen Sie, ich musste es auch eines Tages begreifen, ist nicht unschuldig und trägt deshalb auch keine Söckchen, er trägt sohlenlose Überstrümpfe, oder, wie man sie auch nennt, Gamaschen, deren Name auf die libysche Stadt Ghadames verweist, in der ein bestimmtes, grobes Leder hergestellt wurde, das man zur Herstellung dieses Beinschutzes benutzte."

Gamaschen seien ein offensichtliches Indiz für Soldatentum und Krieg, und wenn die arme Maria erschrecke, dann über nichts anderes als über eine sich ankündigende Vergewaltigung, gibt der Aufklärer Bärfuss zu verstehen.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass unser mythenfeindlicher Autor nicht immer so spitzfindig argumentiert. Die meisten seiner politischen Texte sind luzide und fast zu mühelos nachvollziehbar. 

Stand: 19.01.2021, 12:15