Ingeborg Bachmann - Malina

Hörbuchcover: Ingeborg Bachmann - Malina

Ingeborg Bachmann - Malina

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Ingeborg Bachmanns Roman Malina: Oberflächlich eine Dreiecksgeschichte, darunter das Psychogramm einer Frau.

Ingeborg Bachmann - Malina
Hörspielbearbeitung: Bernadette Sonnenbichler
Mit Nina Kunzendorf, Christoph Luser, Edmund Telgenkämper
2 CDs, ca. 151 Minuten Laufzeit
HR 2 / Der Audio Verlag

Sog in eine seltsame Wirklichkeit

Schon die ersten Sätze der Erzählerin ziehen hinein in eine uneigentliche und doppelbödige Welt, eine als schmerzhaft seltsam empfundene eigene Wirklichkeit, die sich gegen die der anderen abgrenzt. Wenn jemand  von "heute" redet:

"Bekomme ich nicht, wie man oft meint, einen abwesenden Blick, sondern eine sehr aufmerksamen, vor Verlegenheit, so hoffnungslos ist meine Beziehung zu 'heute', denn durch dieses Heute kann ich nur in höchster Angst und fliegender Eile kommen und davon schreiben, oder nur sagen, in dieser höchsten Angst was sich zuträgt."

Liebe, aber keine Sicherheit bei Ivan

Dieses dünnhäutige weibliche Wesen versucht nun, sich in einem Leben mit zwei Männern einzurichten: Ivan, der gebürtige Ungar, der in ihrer Wiener Gasse im Nebenhaus wohnt, Banker, zwei Kinder, die bei der Mutter leben. Und Malina, ihr Wohn- und Lebensgefährte, angestellter Militärhistoriker und fraglos immer für sie da. In Ivan ist sie verliebt, sich seiner aber nie sicher, so wie auch ihm ihr Wesen und Verhalten letztlich fremd sind. Dennoch keine Erklärungen, bitte:

"Und du? – Ich? Musst du das fragen? – Ich muss nicht. – Versuchen kann ich es ja, aber manchmal werde ich dir etwas nicht sagen. Was hältst du davon? – Ich bin einverstanden. Ich muss ja einverstanden sein. Du musst gar nichts, du kannst, Ivan."

Malinas Fürsorge für sie

Malina dagegen ist immer für sie da. Er beruhigt sie, wenn sie ihren nächtlichen Alpträumen ausgeliefert zu einem wimmernden Etwas wird. Schützt sie, wenn sie sich betrinkt, um sich und ihren Erinnerungen zu entkommen. Ermahnt sie, wenn sie viel zu viel raucht, bewusst auf dem auf dem Weg zur Selbstzerstörung. Zwingt sie in ruhiger Geduld zu erkennen, was sie mit aller Kraft verdrängen will.

"Es ist ein Ort, der heißt Überall und Nirgends. Die Zeit ist nicht heute. Es könnte gestern gewesen sein, lange her gewesen sein, es kann wieder sein, immerzu sein, es wird einiges nie gewesen sein. Malina soll alles wissen. Aber ich bestimme: Es sind die Träume von heute Nacht."

Der Vater als Sinnbild für männliche Autorität

Träume über den dritten Mann in ihrem Leben: der Vater. Zum einen der reale Vater, der säuft, prügelt, die Frauen in der Familie – und nicht nur sie – brutal mißbraucht und vor dessen gewalttätiger Unberechenbarkeit sich alle in Furcht verkriechen. Vater ist aber auch der Kriegsheimkehrer, traumatisiert, für immer und unwiederbringlich gezeichnet durch die Erfahrungen an der Front und in den Lagern des Feindes. Und Vater ist noch mehr: das Männlich-Autoritäre, die Person gewordene Zerstörung alles Menschlichen.

"Mein Vater nimmt ruhig den ersten Schlauch von der Wand, ich sehe ein rundes Loch, durch das er hineinbläst, und ich ducke mich, mein Vater geht weiter, nimmt einen Schlauch nach dem anderen ab, und eh ich schreien kann, atme ich schon das Gas ein, immer mehr Gas. Ich bin in der Gaskammer, das ist sie, die größte Gaskammer der Welt, und ich bin allein darin."

Ingeborg Bachmann Malina (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 25.11.2020 05:48 Min. Verfügbar bis 25.11.2021 WDR 3


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Persönliche Erfahrungen und Ängste der Autorin

Wie kann man leben, wenn so etwas passiert, immer wieder, immer noch? Ingeborg Bachmann hat "Malina" selbst als autobiographisch bezeichnet, weil sie indirekt ihre Beziehungen zu dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch darin mitverarbeitet hat. Und die zu dem jüdischen Dichter Paul Celan, der sich 1970 das Leben nahm und in einer düsteren Sequenz im Buch auftaucht, als eine schemenhafte Figur in einem dunklen Mantel. Es geht also um eigene Erfahrungen, die Angst, das Getriebensein, aber auch um den Schmerz anderer, den sie wie osmotisch mitempfindet und miterleidet. Zum Ende hin verliert die Erzählerin sich selbst, löst sich förmlich auf, verschwindet in einer Ritze in der Wand – vor den Augen eines plötzlich gefühllos abweisenden Malina, der alle Erinnerungen an sie und Ivan vernichtet.

"Ich stehe auf und denke, wenn er nicht sofort etwas sagt, wenn er mich nicht aufhält, ist es Mord, und ich entferne mich, weil ich es nicht mehr sagen kann. Es ist nicht mehr ganz furchtbar, nur unser Auseinandergeraten ist furchtbarer als jedes Aneinandergeraten. Ich habe in Ivan gelebt und ich sterbe in Malina."

Großartiges, fesselndes Hörspiel

Ein Buch, das aufsaugt, wenn man es schafft, sich darauf einzulassen – und noch soghafter das großartige Hörspiel. Bernadette Sonnenbichler hat Ingeborg Bachmanns Roman bearbeitet und als Regisseurin umgesetzt. Getragen auch von den drei Schauspielern:  Nina Kunzendorf als Ich-Erzählerin, anfangs etwas flach, dann sich phänomenal steigernd , Christoph Luser als Ivan, ganz der bindungsunlustige Liebhaber, Edmund Telgenkämper als Malina, fast bedrohlich in seiner helfenden Stärke.

"Es ist eine sehr alte, eine sehr starke Wand, aus der niemand fallen kann, die niemand aufbrechen kann, aus der nie mehr etwas laut werden kann.
Es war Mord."

Stand: 24.11.2020, 12:44