Richard Swartz - Austern in Prag. Leben nach dem Frühling

Richard Swartz - Austern in Prag. Leben nach dem Frühling

Richard Swartz - Austern in Prag. Leben nach dem Frühling

Von Hans-Peter Kunisch

Der schwedische Osteuropa-Reporter Richard Swartz erinnert mit "Austern in Prag", einer Autobiographie in Romanform, an die Stimmung in der tschechischen Hauptstadt nach der Niederschlagung des Prager Frühlings.

Richard Swartz
Austern in Prag. Leben nach dem Frühling.

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2019
256 Seiten
23 Euro

Noch war ich unreif

Ein junger Ich-Erzähler steht auf der Treppe vor der Stockholmer Handelsakademie, hält sein Diplom in der Hand und denkt über die Macht seines Vaters nach, dem er sich mit seinem Studium "unterworfen" hat. Obwohl er sich mehr für Literatur und Philosophie interessiert, ist der Erzähler jetzt offiziell Kaufmann. Aber nach wie vor schreckt ihn das sogenannte Erwachsenenleben:

"Noch war ich unreif […] und war entschlossen, es zu bleiben, solange ich nur konnte. […] Etwa auf halber Strecke zwischen der Handelshochschule und der Stadtbibliothek riss ich mein Diplom in zwei gleichgroße Teile; zur Sicherheit noch einmal."

Aber ganz so schnell gelingt die Verweigerung des geordneten Lebens nicht. Auch eine andere Bindung, auf die sich der junge Mann eingelassen hat, muss weg.

"Seit einiger Zeit wohnte ich mit einer Frau zusammen, die ich bereits nach ein paar Monaten verlassen wollte, einzig und allein, weil es so viele andere gab."

Richard Swartz: Austern in Prag. Leben nach dem Frühling.

WDR 3 Buchrezension 11.03.2019 05:37 Min. Verfügbar bis 10.03.2020 WDR 3

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Prag hatte aufgehört, zu existieren

Swartz` oft etwas schnöselhafter, aber pointiert formulierender Ich-Erzähler kann sich nicht zu einer irgendwie motivierten Trennung durchringen. Das einzige, was dem konfliktscheuen Individualisten bleibt, ist die Flucht. Prag, das sich nach der Samtenen Revolution durch den sowjetischen Einmarsch von 1968 schnell wieder aus der Landkarte für jedermann verabschiedet hat, scheint ein idealer Ort dafür.

"Die Ordnung war wiederhergestellt, und Prag hatte aufgehört, zu existieren. […] Was aber war es, wonach ich mich dort sehnte? Nach einer Art schwarzen Utopie: nach einem Ort, an den fast niemand wollte, und von dem weitaus mehr wegzukommen wünschten […]."

Richard Swartz

Richard Swartz

Swartz` Buch profitiert von seiner ungewöhnlichen Perspektive: vom Alter her zur 68er-Generation gehörig, mütterlicherseits aus dem schwedischen Großbürgertum stammend, gebärdet er sich weder konform noch zeittypisch kritisch:

"Als einer der wenigen Skeptiker und Zweifler meiner Generation reiste ich in das sogenannte normalisierte Prag […] Es war eine bewusste Handlung, ohne, dass ich deren Konsequenzen im vollen Ausmaß verstand. Das Wirtschaftsstudium, dem ich mich widmen wollte, war nur ein Vorwand für meine Flucht; es sollte sich zudem herausstellen, dass es in Prag zwar allerlei von Interesse gab, das man hätte studieren können, gerade Wirtschaft aber nicht."

Sanfte Depression

Swartz beobachtet genau und reflektiert mit einleuchtendem sarkastischem Witz.

"Der Mangel ist das, was fehlt, was nicht da ist; ebenso aber das, was im Überfluss da ist, von niemandem nachgefragt. Ein Überfluss, der zu einer Wirtschaft ohne Konsumenten gehört. […] Schuhgrößen für Zwerge oder Riesen? Schwache Nachfrage. Auch nach Töpfen, deren Griffe sich lösen."

In einem Schaufenster werden Pyramiden aus Dosen mit russischem Stör errichtet, aber sie stehen nicht zum Verkauf. Fremd kommt Swartz, der einen gleichermaßen analytisch-sezierenden wie poetischen Blick versteht, auch die Jungkünstlerszene vor, der er in einer winzigen Dachwohnung eines verfallenen Hauses knapp oberhalb des Palais Schönborn begegnet. Kreative, denen nichts anderes bleibt als sanfte Depression.

"In der Dachkammer werden endlose Gespräche geführt, so spröde und tastend, dass ich versucht bin, sie vergeistigt zu nennen. Es geschieht nicht sehr viel mehr, als dass sie sich langsam auflösen wie der Dunst auf den heißen Teegläsern."

Die Ordnung der Dinge

Nur einmal gerät die Dachkammer in Aufruhr. Als dem Erzähler in einer Reinigung das Futter aus dem Mantel gestohlen wird, einem Burberry. Doch der Aufruhr gilt nicht dem Diebstahl. Entrüstung macht sich nur breit, dass der Bestohlene sich aufregt. Was hast Du denn anderes erwartet? Auch die Ordnung der Liebe ist in Prag eine andere. Der junge Mann hat Erfolg, aber er weiß: das Erotischste an ihm ist sein Pass. Ein Mädchen, mit dem er ein Verhältnis beginnt, hat schon einen Verlobten, einen Automechaniker aus Karlsruhe.

"Dass sie in Prag auch nach ihrer Verlobung mit anderen Männern ins Bett geht, scheint nichts, worüber sie ausführlicher nachdenkt. Lediglich ich bin darüber verwundert. Ihre Verlobung schließt ihren Körper anscheinend nicht mit ein. […] Es dauert eine Weile, ehe ich begreife, dass die unvollendete Liebe in Prag beinahe immer eine fleischliche Vollendung findet. Keine Zeit ist hier zu verlieren. Was da ist oder man zufällig findet, muss sofort konsumiert werden."

Eine prachtvolle Stadt in trübem Zustand

Swartz findet scharf geschnittene Bilder für eine prachtvolle Stadt in trübem Zustand. Er forscht dem Bier nach, in Stehkneipen, Sitzkneipen, dem Bier als Medizin, als Lebensmittel, als einzigem Interesse. Der Trinker ist der freie Mensch, der sich zugrunde richten darf.

Bei Swartz selbst gerät die geplante Dissertation in den Hintergrund. Der betreuende Wirtschafts-Dozent muss ihn mit falschen Zahlen versehen. Swartz fängt an, Bücher zu lesen, die ihm eine alte Dame empfiehlt: Gustav Meyrinks "Golem", Karel Čapek. Sie erzählen von einer entmenschlichten, von Robotern beherrschten Welt, die viel mit dem real existierenden Kommunismus zu tun hat. Mit immer neuen, gut ausgewählten Detail-Beobachtungen gelingt Swartz ein überzeugendes Gesamtbild. Bei Frau Lukas, die früher Lustig hieß, bemerkt der Erzähler auf jedem Platz seltsames Besteck, das keiner benutzt. Spät begreift er: es ist eine Austerngabel. Das Zeichen einer verschwundenen Welt wird zum exzentrischen Symbol für einen letzten, trotzigen Protest. Austern gibt es in Prag nicht mehr.

Stand: 11.03.2019, 09:30