Yoko Ogawa - Augenblicke in Bernstein

Yoko Ogawa - Augenblicke in Bernstein

Yoko Ogawa - Augenblicke in Bernstein

Von Simone Hamm

Eine zarte Geschichte einer Kindheit in einem verwunschenen Garten, fernab von der Welt. Das sind die "Augenblicke in Bernstein", in Yoko Ogawas neuestem Roman.

Yoko Ogawa
Augenblicke in Bernstein

Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Liebeskind, München 2019
336 Seiten
22 Euro

Yoko Ogawa - Augenblicke in Bernstein

WDR 3 Buchrezension 22.07.2019 06:16 Min. Verfügbar bis 21.07.2020 WDR 3

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Niemand kann sie sehen, niemand soll sie hören.

Eine Mutter hält ihre drei Kinder in einem abgelegenen Haus verborgen. Das Grundstück ist von einer Mauer umgeben. Niemand kann sie sehen, niemand soll sie hören. Ein viertes Kind, die jüngste Tochter, ist gestorben. Die Mutter erzählt den Kindern, ein böser Hund hätte sie abgeschleckt und dadurch getötet und er trachte auch den Geschwistern nach dem Leben. Deshalb müssten sie sich vor ihm verstecken.
Das Sich - Abkapseln, Sich - Verbergen vor der Welt ist ein häufiges Motiv in Yoko Ogawas Romanen. Aber in ihrem jüngsten Roman „Augenblicke in Bernstein“ geht sie weiter als je zuvor. Hier formen sich eine Mutter und ihre Kinder ihr eigenes Universum, fast ohne Verbindung zur Außenwelt.

Yoko Ogawa zieht die Leser fast unmerklich in diese Welt hinein. Sie schildert sie so einfühlsam, dass man sich darin verliert und lange gar nicht merkt, wie seltsam sie ist. Ein anderes, immer wiederkehrendes Motiv in den Romanen der Japanerin ist das Schweigen, ist die Stille. Und auch hier ist sie nie so weit gegangen wie in „Augenblicke in Bernstein“. Die Protagonisten hauchen ihre Worte nur noch. Die Kinder nehmen neue Namen an und vergessen bald ihre ursprünglichen. Die elfjährige heißt jetzt Opal, der achtjährige Bernstein und der fünfjährige Achat. Sie leben in ihrer eigenen Fantasiewelt. Die Mutter näht ihnen die Kleider.

"Das Interesse ihrer Mutter galt mehr den Applikationen als der Kleidung an sich. Anstatt Knöpfe zu versetzen oder einen Saum auszulassen, kümmerte sie sich nur um das Ausbessern von Schwanz, Mähne und Flügel, um die Gestalt ihrer Kinder nach ihren Vorstellungen zu bewahren."

Sie sind immer leise. Sie behüten einander.

Die Kinder in der Fantasiekleidung spielen im Haus, im verwunschenen Garten mit dem Bach und den hohen Bäumen. Sie sind immer leise. Sie behüten einander. Sie erschaffen sich mit jedem Wimpernschlag eine neue, aufregende Welt. Sie besuchen keine Schule. Alles was sie wissen, haben sie aus einem vielbändigen Konversationslexikon gelernt. Dieses Buch hat der Vater einmal herausgegeben. Er hat nie mit der Mutter, die seine Geliebte war, und den Kindern zusammengelebt und ihnen nichts als das Haus mit den Möbeln und dem Lexikon gegeben.
Es gelingt Yoko Ogawa, das Leben von Menschen zu schildern, die einander vollkommen genügen, die nicht neugierig sind, die ihre äusseren und inneren Grenzen nicht überwinden wollen. In den Spielen der Kinder liegt ein ganz eigener Kosmos. Sie sind der Welt abhandengekommen.
Nur die Mutter verlässt das Haus. Sie arbeitet im nahe gelegenen Krankenhaus. Die Tage fließen gleichmäßig vorbei. Einmal im Jahr, im Sommer, wird es lebendig.

"Solange die Kinder ihr verborgenes Leben innerhalb der Mauer verbrachten, tauchte der Esel jedes Jahr auf, um gewissenhaft seine Pflicht zu erledigen. In dem Maße, wie sie heranwuchsen, wurde er älter. Sein Fell wurde stumpf, und er schaffte weniger Gras am Tag, sodass es nun länger dauerte, bis der letzte Winkel im Garten abgefressen war. Aber er war immer noch ihr einziger Freund."

Der Händler

Bis ein fliegender Händler vorbeikommt, der aus früheren Jahren noch eine Tür in der Mauer kennt. Und die Kinder verstoßen gegen das Gebot der Mutter, mit niemandem zu sprechen, lassen sich die Waren zeigen, dürfen sie anfassen. Der Händler kommt jetzt regelmässig, wird Teil der Verschwörung, lernt, ganz leise zu sprechen, tauscht zärtliche Blicke mit Opal aus. Die innere Welt wird aufgebrochen - nur ganz wenig, ein kleiner Riss der Idylle. Neue Elemente, Erotik, und Heimlichtuerei gefährden die Balance der kleinen Familie.
„Augenblicke in Bernstein“ ist nicht chronologisch erzählt. Der Roman beginnt mit Bernstein, der jetzt ein alter Mann ist. Er lebt nicht mehr in dem Haus der KIndheit, sondern in einer Residenz für Senioren. Erzählerin ist eine Pianistin, die auch im Heim wohnt. Bernstein hat seit seiner Kindheit ein seltsames, bernsteinfarbenes Auge.

"Sein linkes Auge ist nicht dafür geschaffen, die Außenwelt zu betrachten, sondern durchdringt sein Inneres. Als wollte er die Erinnerung an seine von Mauern umschlossene Kindheit bewahren, hatte er es nie zugelassen, dass sein linkes Auge umherschweifte. Er konnte auf engstem Raum leben, weil sich in der unergründlichen Tiefe seines Auges ein ganzes Universum verbarg.

Am unteren Rand seines Auges sieht Herr Bernstein Wesen, Erscheinungen, immer wieder die verstorbene Schwester. Die Pianistin hat ihn im Kunstpavillion kennengelernt. Dort zeigt er seine Bilder, Miniaturen, die er an die Ränder der Seiten des großen Konversationslexikon gezeichnet hat. Es ist genau das, was er in seinem linken, lichtdurchlässigen Auge gesehen hat. Bernstein sagt, seine kleine Schwester lebe in seinem Auge."

Fein, filigran und voller Poesie

Ogawas Figuren haben sich aus dem Alltag fortgestohlen, haben sich eigene Koordinaten geschafft. Sogar einen eigenen Blick. Sie lebten friedlich, harmonisch, umgeben von einem Kokon aus Liebe. Und genauso harmonisch ist Ogawas Roman "Augenblicke in Bernstein". In anderen Romanen hatte sie oft einen Blick auf die Perversitäten, die Monstrositäten des Lebens geworfen. Sie lässt Fragen offen. Wir erfahren nicht, ob die Kinder sich befreit fühlten, nachdem sie zufällig entdeckt wurden oder ob sie gelitten haben, als sie auseinandergerissen worden sind und auch nicht, wie sie angekommen sind in der Außenwelt. Der jüngste ist wohl früh verstorben, die große Schwester unauffindbar.

In ihrem wunderbar leicht geschriebenen Roman - fein, filigran und voller Poesie - stellt Yoko Ogawa die existentiellen Fragen nach Liebe, Gemeinschaft, Familie. In einem alten Haus mit dem verwunschenen Garten, in dem es nichts Störendes gibt, abgeschieden von der Welt, scheint es noch möglich Liebe, Gemeinschaft, Familie zu leben.

Stand: 21.07.2019, 13:33