Paul Assall - Ich schreibe unentwegt ein Leben lang, Marcel Reich-Ranicki im Gespräch

Paul Assall - Ich schreibe unentwegt ein Leben lang, Marcel Reich-Ranicki im Gespräch

Paul Assall - Ich schreibe unentwegt ein Leben lang, Marcel Reich-Ranicki im Gespräch

Von Christoph Vratz

Er war der wohl berühmteste Literaturkritiker der Nachkriegszeit: Marcel Reich-Ranicki. Jetzt hat Paul Assall seine Gespräche mit ihm als Hörbuch veröffentlicht.

Paul Assall (Hg.)
Ich schreibe unentwegt ein Leben lang
Marcel Reich-Ranicki im Gespräch

Osterwold
4 CDs
978-3-86952-464-1

"Der Kritiker hat vor allem zu vermitteln."

Er muss es wissen, denn er war vor allem Kritiker. Mehr noch: Marcel Reich-Ranicki galt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als der führende Repräsentant eines Kritikers: scharf, aber immer verständlich in seinem Urteil, populär bei einem großen Publikum und dennoch immer nah an der Sache: am Buch, am Werk.

"Der Kritiker ist ja kein Literaturwissenschaftler, sondern die Kritik ist eine Mischung aus Literaturwissenschaft und Journalistik."

Paul Assall: "Ich schreibe unentwegt ein Leben lang"

WDR 3 Buchkritik 03.06.2020 05:54 Min. Verfügbar bis 03.06.2021 WDR 3

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Literaturpapst oder Großkritiker

Marcel Reich-Ranicki hat die Literaturkritik populär gemacht, besonders durch seine Fernsehauftritte in dem von ihm gegründeten „Literarischen Quartett“. Daher hat man ihn oft als "Literaturpapst oder Großkritiker" bezeichnet.

"Der Begriff Großkritiker ist nachgebildet dem Begriff „Großschriftsteller“, der schon bei Robert Musil vorkommt. Er wird mal höhnisch und mal freundlich verwendet. Ich will sehr hoffen, dass er nicht übertrieben ist. Großkritiker, was ist das? Es soll wohl heißen – ein Kritiker, der mit seinen Schriften, seinen Arbeiten einen realen Einfluss auszuüben imstande ist – mehr nicht."

Die Bereitschaft zu sprechen

An einem grauen Wintertag im Jahr 1986, also noch einige Jahre vor Erscheinen seiner Autobiographie "Mein Leben", hat Marcel Reich-Ranicki dem Hörfunk-Journalisten Paul Assall ein ausführliches, mehrstündiges Interview gegeben.

Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki

Schon in diesem Gespräch deutet sich an, was Reich-Ranicki in seinem späteren Buch ungleich genauer ausleuchten wird:
die Bereitschaft über sich, seine Jugend und den Holocaust zu sprechen.

"- Sie sind noch in Polen zur Volksschule gegangen. Sie sind am 2. Juni 1920 in Włocławek geboren, einer kleinen polnischen Stadt an der Weichsel. Was für Erinnerungen haben Sie an Ihr Elternhaus?
- Na ja, Ich bin mit neun Jahren aus dieser kleinen Stadt nach Berlin gekommen. Aber natürlich hat man als Kind im Alter von acht, neun Jahren schon eine Menge Erinnerungen. Da habe ich die ersten Bücher gelesen, an die ich mich noch sehr gut erinnern kann. Zunächst polnisch übrigens, meist auf Polnisch. Ich habe damals Dickens gelesen, Oliver Twist und Ähnliches, wahrscheinlich in irgendwelchen Bearbeitungen für die Jugend. Ich ging in eine deutsche Volksschule, die es in dieser Stadt damals gab."

Reich-Ranickis prägendsten Erfahrungen

Als Assall den Kritiker für dieses Gespräch in dessen Frankfurter Wohnung trifft, leitet Reich-Ranicki das Literatur-Ressort der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Assall plant zunächst, das aufgezeichnete Material für eine Biographie zu verwenden. Doch dazu wird es nicht kommen.
Zu Reich-Ranickis prägendsten Erfahrungen zählen die Jahre des Nationalsozialismus und seine Zeit im Warschauer Ghetto.

"Die Jahre im Ghetto, sie waren nicht die schlimmsten. Weil man im Ghetto, trotz allem, was da passierte, trotz der panischen Angst, vor dem, was kommen wird, denn man spürte ja, dass da anbahnt – man war immerhin in einem großen Kollektiv, man war nicht isoliert, man konnte mit anderen Menschen, Freunden, Bekannten sprechen, man hörte Schreckliches, aber man war nicht ganz allein."

Zum Trost wird ihm die Kunst.

Von klein auf war Reich-Ranicki ein großer Musikliebhaber.

"Um etwas Geld verdienen zu können, haben die Orchestermusiker, die im Ghetto lebten, ein Sinfonieorchester gebildet. Das war natürlich ganz schwer alles. Die Konzerte machte man am Sonnabend, das war der arbeitsfreie Tag, vormittags um zwölf. Und es stellte sich heraus, dass diese Konzerte, die Sinfoniekonzerte, aber auch in kleineren Sälen Konzerte von Pianisten, Geigern, Sängern, sehr erfolgreich waren. Denn die Menschen im Ghetto hatten ein enormes Bedürfnis Musik zu hören."

Nicht rückwärtsgewandt, sondern nach vorne

Mit seiner Frau Teofila kann er dem Inferno entkommen – auf dramatische Weise und begünstigt von Zufällen. 1958, mitten in Zeiten des Kalten Krieges, geht Reich-Ranicki von Polen in die Bundesrepublik. Er arbeitet zunächst als Literaturkritiker für "Die Zeit" und bewegt sich im Kreis der "Gruppe 47", bevor er 1973 zur FAZ wechselt.
Einen Großteil dieses ebenso kurzweiligen wie tiefschürfenden Gesprächs nehmen die Erfahrungen mit Autoren im Nachkriegsdeutschland ein (wie Böll oder Grass) und die Auseinandersetzungen, die Reich-Ranicki mit der ihm eigenen Hingabe geführt hat. Er erzählt offen, nur seine Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst bleibt zu diesem Zeitpunkt (noch) unerwähnt. Kurz vor Ende des Gesprächs erleben wir schließlich einen Mann, der das Erlebte zwar nicht vergessen kann, aber doch angekommen scheint in seiner Wahlheimat.

"Ich lebe nicht mit dem Blick nach rückwärtsgewandt, sondern nach vorne. Ich bin zu sehr beschäftigt von all den Dingen, mit denen ich mich befasse, als dass ich mich so lange mit der Vergangenheit befassen könnte."

Stand: 03.06.2020, 12:58