Arif Anwar - Kreise ziehen

Arif Anwar - Kreise ziehen

Arif Anwar - Kreise ziehen

Von Simone Hamm

Fünf Liebesgeschichten. Sechs Dekaden. Vier Länder. In seinem Debütroman "Kreise ziehen" überschreitet Arif Anwar Kontinente und Zeiten.

Arif Anwar
Kreise ziehen

Aus dem Kanadischen von Nina Frey
Wagenbach, Berlin 2019
336 Seiten
24 Euro

Arif Anwar: "Kreise ziehen"

WDR 3 Mosaik 14.08.2019 06:03 Min. Verfügbar bis 13.08.2020 WDR 3

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Ein ambitioniertes Unternehmen

Fünf Liebesgeschichten aus über sechs Dekaden und vier Ländern verwebt Arif Anwar zu seinem Roman "Kreise ziehen". Das ist ein ambitioniertes Unternehmen für ein Erstlingswerk. Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist Arif Anwar gelungen, einen berührenden, spannenden Roman zu schreiben, der über weite Teile in einem Land spielt, das nicht so oft auf der literarischen Landkarte vorkommt: Bangladesh. Bangladesh 1970. Bei dem Sturm Bohla sterben fast eine halbe Million Menschen. Millionen verlieren alles, was sie besitzen, haben kein zu Hause mehr. Honufa, die Frau des Fischers Jamir, die ihrem Mann zu Liebe zum Islam konvertiert ist und deswegen von ihrer Familie verachtet und verbannt wurde, versucht, ein paar Habseligkeiten zusammen zupacken, darunter einen Brief, in dem ein dunkles Geheimnis niedergeschrieben ist.

Arif Anwar läßt seinen Roman "The Storm" zu Zeiten und an Orten spielen, die für politische Zäsuren stehen: Burma 1942 mitten im zweiten Weltkrieg, als die britischen Besatzer das Land verlassen mussten, weil japanische Soldaten anflogen. Indien 1946 kurz vor der Abspaltung Bangladeshs. Bangladesh 1970 mit dem schrecklichen Sturm Bhola. Nach dieser Naturkatastrophe verschärfen sich politischen Spannungen sich, führten ein Jahr später zum Bangladesh Krieg.

Und die Vereinigten Staaten 2004, wo nach dem Anschlag auf das World Trade Center Misstrauen, bisweilen sogar Hass gegenüber Moslems herrscht.

Dem Sturm nachgebildet

Arif Anwar

Arif Anwar

Die Struktur des Romans ist dem Sturm nachgebildet. Die Ruhe vor dem Sturm, das verzweifelte Trotzen aller Lebewesen gegen die Naturmächte, die Stille danach. Und dann erlebt sich der Wind von neuem.

"Der Sturm wütet. Stundenlang tobt er, ohne zu ermüden. Er gibt nicht nach. Er zeigt keine Gnade. Bäume, die schon länger hier stehen als Honufa lebt, stürzen mit einer Wucht zu Boden, die sie erzittern läßt. Sie hat über die Jahre viele Stürme erlebt und weiß, dass dies nur ein Vorgeschmack auf seine wahre Gewalt ist, dass Ruhe eintreten wird, wenn sein Auge über sie hinwegzieht, eine Falle für die Unvorsichtigen, ein listiger Schachzug des Sturms."

Über die Sinnhaftig - oder die Sinnlosigkeit des Krieges

"Kreise ziehen" ist ein Roman, der vom Fliehen, vom Verlust der Heimat handelt. Der Fischer Jamir und seine Frau Honufa versuchen vor dem Sturm Bhola wegzulaufen. Die reichen Moslems Rahim und Zahira fliehen aus Kalkutta. Aufstände militanter Hindus in den Strassen machen das Leben für sie nicht mehr sicher. Sie gehen nach Bangladesh. Claire, die britische Klinikärztin, muss Burma Hals über Kopf verlassen, weil es von den Japanern angegriffen wird. Sie verhilft ihrem Patienten Ichiro zur Flucht aus dem Krankenhaus. Ichiro hatte sich mit seinem Freund Tadashi zum Wehrdienst gemeldet. Ein Ausflug in Burma zu einem Tal voller buddhistischer Tempel, in dem sie einen österreichischen Mönch treffen, wird zu einem Höhepunkt im Leben der beiden. In der Ruhe und Einsamkeit beginnen sie nachzudenken über die Sinnhaftig - oder die Sinnlosigkeit des Krieges, vor allem dieses japanischen Angriffskrieges. Es ist auch ein Höhepunkt im Roman.

"Als sie schließlich, weit nach Mitternacht, das tintenschwarz verschüttete Innere des Tempels betreten, sieht die Buddhastatue in Ichiros Augen noch gewaltiger aus, wie voltgefressen mit Finsternis. Er liegt auf seinem Lagerund fragt sich…warum er so bereitwillig die Aggression seines Landes vor diesem völlig unerwartet auftauchenden Menschen in Schutz genommen hat. Immer hatte er sich gefeit geglaubt gegen blinde Stammes- oder Nationentreue."

Es sind Geschichten von Menschen

Und schließlich ist da Shahryar, wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Think Tank in Washington D.C. und Vater der neunjährigen Anna. Der Mann aus Bangladesh muss Amerika verlassen, weil sein Visum ausläuft. In den letzten Wochen, die Vater und Tochter miteinander verbringen, schildert er ihr die Geschichte seines Landes. Seine Erzählungen, vor allem die aus seiner Heimat Bangladesh sind kraftvoll und stark - bis ins Detail, wenn er etwa die Teller beschreibt, auf denen die einfachen Mahlzeiten liebevoll mit Butterblumen geschmückt sind.

Es sind Geschichten von Menschen, die sich lieben, die sich füreinander opfern, die einander betrügen, die sich verstehen und nicht verstehen. Zunächst stehen sie einfach nebeneinander. Aber nach und nach enthüllt Arif Anwar behutsam, wie all diese Geschichten zusammen hängen.
Etwa die der stolzen Honufa. Sie hatte während des Sturms nicht in das steinerne und also sicherere Haus des reichen Rahim fliehen wollen. Aber sie ließ ihren Sohn dorthin bringen. Zunächst erfahren die Leser nicht, warum sie selbst nicht mit ihm geht, sondern vergeblich versucht, dem Sturm im Wipfel eines Baumes zu trotzen.

Aus einzelnen Storys wird ein packender Roman

Es ist ihr Stolz, der sie getötet hat. Als Honufa noch ein Kind war, hatte Rahim die hohe Intelligenz des Mädchens erkannt und ihr Lesen und Schreiben beigebracht, aber als sie nach ihrer Hochzeit Muslima wurde, brach er den Kontakt ab. Die hinduistischen Nachbarn hätten ihm das Leben zur Hölle gemacht. Das hatte Honufa ihm nie verziehen. In der Not aber, während der Sturm tobte, ließ sie ihren Sohn zu ihm. Rahim wird ihn wie einen Sohn annehmen. Und dieses Kind ist niemand anders als Shahryar, der in Amerika arbeitet. Aus einzelnen Storys wird ein packender Roman. Kunstvoll und immer folgerichtig verknüpft Arif Anwar die Schicksale seiner Protagonisten miteinander. Seine Sprache ist präzise und soghaft zugleich. Er zieht die Leser in diesen Strudel aus Worten. Themen wie Kolonialismus und Rassismus geht er behutsam an und nicht holzschnittartig. "Kreise ziehen" ist bemerkenswertes Debüt, in dem Geschichte und Fiktion sich anschaulich und farbig verbinden.

Stand: 11.08.2019, 23:19