Ewald Arenz - Der große Sommer

Buchcover:  Ewald Arenz - Der große Sommer

Ewald Arenz - Der große Sommer

Von Andrea Gerk

Erste Liebe und letzte Fragen – Ewald Arenz neuer Roman "Der große Sommer" ist ein atmosphärisch dichter, humorvoller Entwicklungsroman.

Ewald Arenz: Der große Sommer
DuMont Verlag, Köln 2021.
320 Seiten, 15 Euro.

Ewald Arenz: "Der große Sommer"

WDR 3 Buchkritik 14.04.2021 04:05 Min. Verfügbar bis 14.04.2022 WDR 3


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Ein Rückblick auf die Jugend

Zwei Generationen trafen in Ewald Arenz‘ Erfolgsroman "Alte Sorten" aufeinander – eine junge Frau, auf der Suche nach sich selbst und eine alte Frau, gefangen in ihrer eigenen Geschichte.

Auch in Arenz‘ neuem Roman "Der große Sommer" geht es um einen Wendepunkt im Leben des 16-jährigen Frieder, der als älterer Mann in einer Art Rahmenerzählung auf diese Zeit seiner Jugend zurückblickt:

"Es war dieser eine Sommer, wie es ihn wahrscheinlich nur einmal im Leben gibt. Dieser eine Sommer, den hoffentlich jeder hatte; dieser eine Sommer, in dem sich alles ändert."

Mathe und Latein lernen statt Sommerurlaub

"Der große Sommer" spielt in den 1980er Jahren, als es noch keine Handys gab und im Hintergrund der Geschichte gegen Atomkraft und Pershing 2 demonstriert wird. Kurz vor den Sommerferien erfährt Frieder, dass er in Mathe und Latein in die Nachprüfung muss und für ihn der der Familienurlaub ausfällt. Stattdessen soll er sechs Wochen zu seinen Großeltern und lernen:

"Sechs Wochen! Die ganzen Sommerferien bei meinem Großvater. Ausgerechnet. Ich meine, ich liebte meine Großmutter. Nana. Ich fand sie unglaublich. Aber vor meinem Großvater hatte ich, ehrlich gesagt, einfach Angst."

Ein angsteinflößender Großvater und eine liebevolle Großmutter

Und das nicht ohne Grund, denn Frieders Großvater ist eine respekteinflößende Erscheinung. Der Herr Professor ist ein angesehener Bakteriologe mit eigenem Labor, jeden Morgen badet er eiskalt, die Enkel mussten ihn siezen bis sie zehn waren. Ein penibler Mann, streng gegen sich und andere.

Keine guten Aussichten also für den 16-jährigen, wäre da nicht seine wunderbare Großmutter Nana und dieses Mädchen im flaschengrünen Badeanzug, das Frieder gleich zu Beginn des Romans im Schwimmbad trifft und unbedingt wiedersehen will:

"Dann sah ich Beate in der Menge. Ich erkannte sie sofort. Sie stand in einer Gruppe von sieben, acht anderen Mädchen, unterhielt sich, lachte und für einen Moment sah sie aus wie eines der Blätter der Silberpappeln: flirrend und schön. Mir stieß es kalt durch den Magen – dieses seltsame Erschrecken zwischen Freude und Angst. Und jetzt?"

Parallelen zwischen der jungen und der alten Liebe

Die wilden Gefühle der ersten großen Liebe, die Selbstzweifel und Wirrungen der Pubertät sind das eigentliche Thema dieses klassischen Coming-of-age Romans. Frieders Schwester Alma, sein bester Freund Johann, Beate und er hängen so oft es geht zusammen ab, sie steigen nachts ins Schwimmbad ein und werden bei so manchem Abenteuer erwischt. Es geht ums heranreifen und um jene Verwandlung, die häufig mit der ersten Liebe einhergeht.

Dass nach diesem „großen Sommer“ nichts mehr so ist wie zuvor, liegt aber auch an den beiden vielleicht interessantesten Figuren dieses Romans – den Großeltern. Weil Frieder nicht begreift, wie seine bezaubernde Großmutter, die Künstlerin Nana, sich ausgerechnet in den so unerbittlich wirkenden Großvater verlieben konnte, stöbert er in alten Tagebüchern und Briefen und erfährt von einer großen Liebesgeschichte, die von Flucht und Krieg geprägt ist und viel mit seiner eigenen zu tun hat:

"(…) Ich wollte wissen, wie das alles gewesen war. Wie mein echter Großvater Nana verlassen hatte, mitten im Krieg. Eigentlich kapierte ich erst jetzt so richtig, was es für Mama bedeutet haben musste, plötzlich keinen Vater mehr zu haben. Und für Nana? Wie es für sie gewesen war, als sie sich so unsterblich in Großvater verliebte wie ich mich in … Ja. Wie ich mich in Beate. Vielleicht wiederholt sich die Geschichte manchmal. Alles Schicksal. Oder nicht?"

Ein atmosphärisch dichter, aber doch leichter Roman

Bald legt sich ein Schatten, ein unglaubliches Ereignis über die sommerliche Idylle und verändert alles, was die melancholische, leicht sentimentale Stimmung der Rahmenerzählung begründet, die der eigentliche Roman gar nicht gebraucht hätte. Denn so einfühlsam und humorvoll wie Ewald Arenz von der Jugend erzählt, dieser Aufbruchsphase, in der sich Gefühle innerhalb von Sekunden in ihr Gegenteil verkehren können, ist ihm ein atmosphärisch dichter und zugleich angenehm leichter Sommerroman gelungen.

Stand: 12.04.2021, 16:30