Valeria Luiselli - Archiv der verlorenen Kinder

Valeria Luiselli - Archiv der verlorenen Kinder

Valeria Luiselli - Archiv der verlorenen Kinder

Von Mareike Ilsemann

Ein Abbild unserer zersplitterten Bewusstseinslage: Valeria Luiselli schreibt einen bewegenden Roman über die humanitäre Krise an der US-Grenze zu Mexiko.

Valeria Luiselli
Archiv der verlorenen Kinder

Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Kunstmann Verlag München
432 Seiten
25,00 Euro

Valeria Luiselli - Archiv der verlorenen Kinder

WDR 3 Buchkritik 24.03.2020 05:21 Min. Verfügbar bis 24.03.2021 WDR 3

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Sie schlafen mit offenem Mund und dem Gesicht zur Sonne

Es beginnt mit einer kleinen, privaten Geschichte, wie sie millionenfach geschieht. Ein Paar droht aus der Liebe zu fallen. Mann und Frau starten noch einen Versuch, die eigenen Interessen zu verfolgen und die Familie zusammen zu halten. Im Süden der USA wollen sie den Sommer über jeweils ein eigenes berufliches Projekt umsetzen. Mit den beiden Kindern im Auto machen sie sich von New York aus auf einen Roadtrip durch die USA

"Sie schlafen mit offenem Mund und dem Gesicht zur Sonne. Junge und Mädchen, mit Schweißperlen auf der Stirn und trockenem weißem Speichel auf den roten Wangen. Sie belagern den gesamten hinteren Raum des Wagens, alle viere von sich gestreckt, schwer und friedlich. Vom Beifahrersitz werfe ich hin und wieder einen Blick nach hinten, drehe mich dann wieder um und studiere die Karte."

Die schlafenden Kinder auf der Rückbank sind sicher. Noch.

Durchgängig lässt der Text den Leser den Appell spüren, der von schutzbedürftigen Kindern ausgeht. Als Mensch, als Intellektuelle, als Mutter und als privilegierte Mexikanerin in den USA gehören Empathie und Aufmerksamkeit der Ich-Erzählerin aber auch jenen Jungen und Mädchen, die weit entfernt zur selben Zeit völlig schutzlos durch die Wüste irren, um illegal in die USA zu gelangen. Wie die beiden Töchter einer Bekannten aus New York. Für manche US-Medien stellen diese Kinder Aliens, eine bedrohliche Invasion dar. Die Ich-Erzählerin will die Welt auf die dramatischen Schicksale aufmerksam machen. Was aber wird die richtige Form für ihre Reportage sein?

"Poltische Bedenken: Wie kann eine Radiodokumentation dazu beitragen, dass man mehr Kindern ohne Papiere Asyl gewährt? Ästhetisches Problem: Andererseits, warum sollte ein Tonfeature oder eine andere erzählende Form ein Mittel zu einem bestimmten Zweck sein? Inzwischen sollte ich wissen, dass die Instrumentalisierung jedweder Kunstform nur beschissene Ergebnisse garantiert: leichtes pädagogisches Material, moralische Romane für junge Erwachsene, langweilige Kunst."

Am Grab des letzten Apachen-Häuptlings

Den Fragen der Ich-Erzählerin nach der richtigen Form und Dramaturgie stellt Luiselli im Roman die Weltsicht des Ehemannes gegenüber. Beide arbeiten als Audio-Dokumentaristen. Er geht davon aus, dass die Tonlandschaft an einem Ort ein Archiv der Geschichte darstellt. In Arizona will er die sogenannten soudscapes aufzeichnen, die schon zu hören waren, als die weißen Einwanderer, die autochthone Bevölkerung Nordamerikas unterjochte und in Reservate sperrte. Der Vater führt die Kinder an das Grab des letzten Apachen-Häuptlings und fährt die Tonangel aus. Alles eingefangen durch die reflektierende Erzählerin:

"Geronimo und sein Trupp waren die letzten Männer, die sich den Bleichgesichtern und ihrem Indianer- Umsiedlungsgesetz ergaben, erzählt mein Mann den Kindern. Ich unterbreche ihn nicht mit dem Hinweis, dass das Wort "Umsiedlung" noch heute als Euphemismus für "Deportation" benutzt wird. Irgendwo las ich - ich weiß nicht mehr wo -, dass Umsiedlung so wenig mit Umziehen zu tun hat wie Vergewaltigung mit Sex. Wenn ein „illegaler“ Einwanderer heute deportiert wird, legt man seinen Fall unter „abgeschoben“ zu den Akten. Ich hole meinen Rekorder aus dem Handschuhfach und schneide mit, was mein Mann erzählt, ohne dass er oder die Kinder es merken."

Ein Portrait des Wilden Westens

Valeria Luiselli

Valeria Luiselli

Der Reisebericht fügt sich zu einem ebenso beängstigenden wie klugen Portrait des Wilden Westens der USA. Valeria Luiselli hat diese Reise als Autorin des NEW YORKER 2014 tatsächlich gemacht. Im Roman mischt sich nun die autobiographische Selbsterkundung mit hochgeistigen Ausflügen in den Essay. Es ist als würde Luiselli, keiner Form ganz vertrauen, um die Wirklichkeit wirkungsvoll festzuhalten. Ihr Text enthält die unterschiedlichsten Referenzen: Susan Sontags Aufsätze spielen ebenso eine Rolle wie William Goldings Roman „Herr Der Fliegen“ über die Abgründe in jedem Menschen. Den Leser führt Luisellis Bericht schließlich an einen Zaun, hinter dem die illegal eingereisten Kinder aus Zentralamerika abgeschoben werden.

Von diesem Moment an berührt dieser so kluge und politische Roman dann mit voller Wucht das Herz.

"Die verlorenen Kinder kamen hintereinander aus einer Flugzeughalle, alle waren ganz still und schauten auf ihre Füße, wie Kinder es tun, wenn sie mit Lampenfieber auf die Bühne müssen, aber natürlich viel schlimmer. Ma fing an, die Soldaten zu beschimpfen, dann schrie sie, wie ich es noch nie gehört hatte, und dann schnaufte sie nur noch und sagte nichts mehr."

Die Stimme eines Kindes übernimmt von nun an, es ist der Ziehsohn der Erzählerin. Er dokumentiert für seine kleine Schwester, wie die Familiengeschichte in der Wüste weiter gegangen ist. Mögen die verlassenen Kinder in William Goldings "Der Herr der Fliegen" auch in atavistische Vorstadien verfallen – Luiselli setzt mit ihrem "Archiv der verlorenen Kinder" einer unerbittlichen Realität Menschlichkeit entgegen.

Stand: 23.03.2020, 15:31