Katya Apekina - Je tiefer das Wasser

Katya Apekina - Je tiefer das Wasser

Katya Apekina - Je tiefer das Wasser

Von Holger Heimann

Die US-amerikanische Autorin Katya Apekina erzählt in ihrem Debüt von einer zerrütteten Künstlerfamilie und dem verzweifelten Versuch der Kinder, dem toxischen Wirkungskreis ihrer Eltern zu entkommen.

Katya Apekina
Je tiefer das Wasser

Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Suhrkamp, Berlin 2020
400 Seiten
24 Euro

Katya Apekina - Je tiefer das Wasser

WDR 3 Buchkritik 26.02.2020 05:23 Min. Verfügbar bis 25.02.2021 WDR 3

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Vor Künstlern wird gewarnt.

Sie sind als Vampire verrufen, die andere Leben benutzen. Der erfolgreiche Autor Dennis Lomack lässt dieser Feindseligkeit großen Raum. Welche Verwüstungen er hinterlässt, davon erzählt der Debütroman von Katya Apekina. Lomacks Rücksichtslosigkeit ist der dunkle Antrieb des Buches, aber der Mann selbst hat keine Stimme. Erzählt wird überwiegend aus der wechselseitigen Perspektive der Töchter des Erfolgsautors, im Fokus ist das Jahr 1997. Mae, das jüngere der beiden Mädchen, blickt Jahre später als erwachsene Frau auf ihre Teenager-Zeit zurück. Der von großer Distanz zum Vater geprägte Bericht ihrer älteren Schwester Edie hingegen, der sich durchgängig auf der Gegenwartsebene bewegt, könnte einem Tagebuch entstammen:

"Es ist unser zweiter Tag in New York. Wir sind bei Dennis Lomack. Mom liegt im St. Vincent’s, um sich zu erholen. Vor Kurzem hat sie etwas ziemlich Dummes gemacht, und ich war es, die sie hinterher fand. Dennis hat uns die Stadt gezeigt und sich bemüht, ums von allem abzulenken und die letzten zehn Jahre wiedergutzumachen."

Meine Mutter hatte komische Vorlieben

Nach dem Selbstmordversuch der Mutter sind die beiden Mädchen bei ihrem Vater untergekommen, den sie kaum kennen. Sie waren Kleinkinder als er von New Orleans nach New York umzog und jeglichen Kontakt abgebrochen hat. Ihre Mutter reagierte auf die Trennung, indem sie mit einem Liebhaber verschwand. Zu einer Stütze für ihre Kinder wurde die selbst hilfsbedürftige und egozentrische Frau auch später nicht. Im Gegenteil, ihre jüngere Tochter nötigte sie zu rätselhaften Touren.

"Meine Mutter hatte komische Vorlieben: Sie suchte sich jemanden aus und folgte ihm stundenlang. Einmal fuhren wir die ganze Nacht mit ausgeschalteten Scheinwerfern durch den Wald zu einer Jagdhütte. Wenn wir tagsüber unterwegs waren, durfte Edie manchmal auch mitkommen. Ein Spiel, bei dem Mom und Edie sich auf dem Vordersitz eine Tüte Lakritz teilten... Aber wenn Mom und ich nachts allein unterwegs waren und die Bäume und der Sumpf im Dunkeln an uns vorbeirauschten, war es kein Spiel. Dann war ich in Moms Wirklichkeit gefangen."

Eine neue ungute Beziehung

Mae ist für den versuchten Suizid der Mutter, der die Einweisung in eine Psychiatrie nach sich zieht, geradezu dankbar. Denn so ist sie dem krankhaften Wirkungskreis der Frau entkommen. Doch das 14jährige Mädchen taucht in New York sogleich in eine neue ungute Beziehung ein. Während die zwei Jahre ältere Edie den Vater auf Abstand hält, fühlt sich Mae dem Starautor, der in einer Schreibkrise steckt, eng verbunden. Mae soll ihre Mutter, die einstige Muse Lomacks, nachahmen. Das Mädchen bemerkt kaum, wie sie so immer mehr in eine krankhafte Abhängigkeit hineingezogen wird:

"Ich wusste nicht, dass das die letzte Szene war, die Dad und ich inszenieren würden. Dad beobachtete von seinem Fenster aus, wie ich vor seinem Haus im Regen auf und ab ging, in der Hand einen kleinen ramponierten Koffer."

Ein Egomane und Getriebener

Dennis Lomack ist ein gewissen- und verantwortungsloser Egomane, zugleich aber ein Getriebener. Seine hochgelobten Romane sind allesamt Produkte von extrem ausbeuterischen Akten. Zu Opfern werden nicht allein seine Ehefrau und seine Tochter Mae. Ein Studienfreund erinnert sich:

"Es war kein Neid, der einen Keil zwischen uns trieb. Es war sein Buch ‚Yesterday’s Bonfires‘. [...] „So sieht er mich also!“, dachte ich. Als naiven Clown, über dessen Entrée in die Welt er schreiben wollte. Ereignisse, Persönliches, das ich ihm im Vertrauen offenbart hatte, wurden Absatz für Absatz ordentlich getippt ausgebreitet. Es war unglaublich verletzend."

Kunst ist ein Messer. Du musst bluten

Die Klage des ehemaligen Freundes ist nicht die einzige Erinnerung, die Apekina den Erzählungen der beiden Schwestern zur Seite stellt. Es kommen in jeweils kurzen Kapiteln zu Wort: ehemalige Geliebte Lomacks, seine Schwester, eine Studentin, frühere Freunde. Wer die Auskünfte eingeholt hat, legt Apekina nicht offen. Der vielstimmige Chor könnte das Ergebnis einer journalistischen Recherche sein – ausgelöst von dem Skandal, der zuletzt den Starautor einholt. Ins Rollen gebracht wird die finale Abrechnung durch Mae. Diese ist Jahre später selbst zu einer gefeierten Künstlerin, einer Fotografin und Filmemacherin, geworden. „Kunst ist ein Messer. Du musst bluten“, hat ihr eine Kuratorin mit auf den Weg gegeben. Der Satz wird für Mae zur maßgeblichen Orientierung.

"Man sah den Bildern die Belastung einer offenbar sehr schwierigen Zeit an. Die auffälligste Arbeit war eine Collage von einem Zimmer mit ihrer Schwester, die dünn und viel trauriger wirkte, als ich sie in Erinnerung hatte. ... Ein Gespenst in einem Pelzmantel, das den Betrachter umkreist."

Kunst als Fixpunkt

Wie für ihren Vater wird die Kunst auch für Mae zum Fixpunkt. Doch während Lomacks Schreiben auf krankhafte Weise zerstörerisch wirkt, gelingt Mae vermittelt durch ihre fotografische Arbeit ein Blick auf die Vergangenheit, der zwar schmerzhaft, aber auch heilsam ist. Das ist die menschenfreundliche Volte von Katya Apekinas in Zeiten der Me-Too-Debatten hochaktuellem Debütroman.

Katya Apekina - Je tiefer das Wasser

WDR 3 Buchkritik 26.02.2020 05:23 Min. Verfügbar bis 25.02.2021 WDR 3

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Stand: 25.02.2020, 20:01