Thomas Anz - Marcel Reich-Ranicki, Sein Leben

Thomas Anz - Marcel Reich-Ranicki, Sein Leben

Thomas Anz - Marcel Reich-Ranicki, Sein Leben

Von Jakob Stärker

Zu seinem 100. Geburtstages erscheint eine neue Biografie des wohl umstrittensten Literaturkritikers der Gegenwart, Marcel Reich-Ranicki.

Thomas Anz
Marcel Reich-Ranicki – Sein Leben

Suhrkamp Berlin 2020
259 Seiten
12 Euro

Thomas Anz: "Marcel Reich-Ranicki - Sein Leben"

WDR 3 Buchkritik 02.06.2020 05:49 Min. Verfügbar bis 02.06.2021 WDR 3

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Wozu brauchen wir eine weitere Biografie von Marcel Reich-Ranicki?

Schließlich sorgte er selbst zu Lebzeiten eindrucksvoll dafür, sein Leben für ein Millionenpublikum Revue passieren zu lassen. Sein Rückblick „Mein Leben“ wurde zum Bestseller, das Feuilleton zeigte sich beeindruckt, die Autobiografie wurde verfilmt. Gibt es tatsächlich noch etwas Neues über die Figur zu sagen, die über ein halbes Jahrhundert den Literaturbetrieb in Deutschland wesentlich mitbeeinflusste? Reich-Ranicki verkörperte wie kein anderer eine beinahe obsessive Liebe zur Literatur.

Marcel Reich-Ranicki:
"Ich möchte die Liebe zur Literatur, die mir sehr ernsthaft ist, weiterleiten, weitergeben, vermitteln. Ich möchte, dass die Menschen erkennen, dass sie der Literatur viel verdanken können, wenn Sie imstande sind die richtige Literatur zu lesen und gut zu lesen. Sie können letztlich der Literatur Glück verdanken."

Marcel Reich-Ranicki wurde am 2. Juni 1920 in Polen geboren.

Als Sohn eines polnischen Fabrikbesitzers und einer deutschen Mutter, die ihm bereits in jungen Jahren die deutschsprachige Literatur näherbrachte. Nach dem geschäftlichen Ruin seines Vaters wurde er nach Berlin geschickt. Dort angekommen, konnte er zwar noch sein Abitur beenden, das Studium blieb ihm jedoch aufgrund seiner jüdischen Herkunft verwehrt. 1938 wurde er nach Polen ausgewiesen, wo er das Warschauer Getto überlebte, aus dem er mit seiner Frau Teofila fliehen konnte. Nach dem Krieg arbeitet er in London für den polnischen Geheimdienst, bevor er nach einer Zwischenstation in Warschau im Jahr 1958 wieder nach Deutschland kommt. Seine Karriere als Kritiker beginnt. Reich-Ranicki steigt zum Leiter des Literaturressorts bei der FAZ auf später wird er mit dem Literarischen Quartett im Fernsehen die wohl bekannteste Figur des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Und steht mit seinem Doppelnamen trotzdem immer dazwischen.

"Ende Oktober 1948 fragte ihn Günter Grass während einer Tagung der Gruppe 47 Was sind Sie denn nun eigentlich – ein Pole, ein Deutscher oder wie? Reich-Ranickis Antwort: Ich bin ein halber Pole, ein halber Deutscher und ein ganzer Jude."

"Doppelten Boden"

Thomas Anz benutzt in seiner Biografie den Begriff des "Doppelten Bodens" – Reich-Ranicki selbst hat ihn eingeführt. Für gute Literatur sei er unabdingbar. Gute Schriftsteller sind Schmuggler, die mehr transportieren als schöne Worte. Doch auch Reich-Ranickis Person lässt sich ähnlich beschreiben. Waren biographische Details bis in die neunziger Jahre weitestgehend unbekannt, brachte erst Volker Hage dann Reich-Ranicki selbst etwas Licht ins Dunkle. Auch hier scheint ein doppelter Boden unter den Fakten zu liegen. Seine Zeit beim polnischen Geheimdienst beschreibt Reich-Ranicki er als banale Schreibtischarbeit ohne jegliches Interesse an der Sache. Dennoch steigt Marcel Reich-Ranicki bemerkenswert schnell in Führungspositionen auf.

Thomas Anz widmet sich der Aufarbeitung dieser Zeit, die im Feuilleton für einige Unruhe sorgte.

Behauptungen auf und keine Argumente

Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki

Immer wieder haben Kritiker Marcel Reich-Ranicki vorgeworfen, seine Urteile suggestiv zu begründen. Er stelle Behauptungen auf und keine Argumente. Insbesondere seiner späteren Arbeit im Fernsehen wird ein affektives Urteil angelastet, welches zur allgemeinen Behauptung erhoben wird. Doch dies bestreitet Reich-Ranicki auch nicht:

"Kurz und gut: Gibt es im "literarischen Quartett" ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals. Wird hier vereinfacht? Unentwegt. Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich."

Dennoch hatte die Sendung trotz ihres fernseh-untypischen Formats erheblichen Erfolg.

Nicht zuletzt trägt Reich-Ranickis vehemente und emotionale Art und die daraus resultierenden Streitgespräche zur Popularität der Sendung bei.
Vielfach wurde Marcel Reich-Ranicki angegriffen, er wolle Schriftsteller aus Machtkalkül zerstören. So sammelten sich seine Verrisse von Schriftstellern wie Günter Grass, Peter Handke oder Martin Walser in einer eigens diesem Thema gewidmeten Anthologie.
Thomas Anz geht darauf ein und zieht Gotthold Ephraim Lessing als Leitfigur Reich-Ranickis heran:

"Einen elenden Dichter tadelt man gar nicht; mit einem mittelmäßigen verfährt man gelinde; gegen einen großen ist man unerbittlich."

Orientierung und Rezension

Nicht nur an dieser Stelle verweist der Autor auf die Ursprünge der Literaturkritik. Um 1800 stieg die Zahl der Buchpublikationen so rasant an, dass Orientierung notwendig wurde: der Beruf des Rezensenten entstand.

"Der Kritiker tritt nach Lessing nicht mit dem dogmatischen Anspruch auf, im Besitz der Wahrheit zu sein, sondern trägt in Konkurrenz mit seinen Kollegen und mit anderen Instanzen des literarischen Lebens zur Wahrheits- und Urteilsfindung bei."

In dieser Tradition sieht Anz Marcel Reich-Ranicki - und dieser sich selbst:

"Sosehr ich hoffe, ein engagierter Kritiker zu sein, so wenig möchte ich mit einem Richter verglichen werden. […] Nicht Urteilssprüche sind meine Kritiken, sondern Plädoyers."

Ein in jeder Hinsicht zustimmungsfähiges Urteil

Während die Nacherzählung der Biografie Reich-Ranickis mehr die Pflicht darstellt, folgt die Kür im zweiten, analytischen Teil des Buches. Thomas Anz spielt hier seine Stärke als Literaturwissenschaftler aus und trägt gekonnt Positionen und Gegenpositionen zu Reich-Ranickis Literaturkritik zusammen, ohne dass seine eigene Meinung und Person als Vertrauter allzu viel Raum einnehmen würde. Er beschließt dieses Buch mit einem in jeder Hinsicht zustimmungsfähigen Urteil:

"Ohne ihn wäre das literarische Leben in Deutschland seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sehr viel ärmer gewesen – und erheblich langweiliger."

Stand: 28.05.2020, 16:10