Buchcover: "An einem Freitag im April" von Donald Antrim

"An einem Freitag im April" von Donald Antrim

Stand: 22.11.2022, 12:00 Uhr

Donald Antrim erzählt eindringlich, wie er fast zum Selbstmörder wurde und mit der Todesnähe zu leben gelernt hat. Eine Rezension von Andreas Wirthensohn.

Donald Antrim: An einem Freitag im April
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl.
Rowohlt, Hamburg 2022.
154 Seiten, 24 Euro.

"An einem Freitag im April" von Donald Antrim

Lesestoff – neue Bücher 22.11.2022 05:12 Min. Verfügbar bis 22.11.2023 WDR Online Von Andreas Wirthensohn


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Sensibilität und Empathie

So kann’s gehen, wenn jemand schon einmal versucht hat, sich das Leben zu nehmen, und wenn dieser Jemand Freundinnen hat, die mit Sensibilität und Empathie ausgestattet sind.

Jedenfalls telefonierte Donald Antrim eines Tages mit einer alten Bekannten und sagte im Gespräch irgendwann beiläufig: "Da möchte man doch glatt aus dem Fenster springen". Dummerweise gab kurz darauf der Akku seines Telefons den Geist auf,

"und zwei Minuten später kamen mit quietschenden Reifen zwei Streifenwagen die Straße entlanggerast. Ich hörte ihre Türen knallen. Ich trug nur Unterwäsche. Der Türsummer ertönte, ich zog mir Hosen an und ließ die Cops ins Haus, die die Treppe heraufstürmten und gegen die Wohnungstür hämmerten. "Moment noch, ich ziehe mich gerade an", rief ich. Meine Hose war nicht zugeknöpft. Die Polizisten waren zu viert. Sie kamen in die Wohnung. Ich knöpfte meine Hose zu, nahm mein Telefon und meine Schlüssel an mich, dann legten mir die Polizisten Handschellen an und führten mich die Treppe hinunter."

Die eigene Krankengeschichte

Antrim wird in die psychiatrische Klinik gebracht, wo er vier Stunden lang Fragen von Ärzten beantwortet und seine seelische Krankengeschichte erzählt, ehe er wieder gehen darf.

Er konnte offenbar überzeugend darlegen, dass keine Selbstmordgefahr besteht. Und auch der Freundin, die die Polizei alarmiert hat, macht er keinerlei Vorwürfe.

"Meine Freundin hatte Grund gehabt, sich um mich zu sorgen. Sie schützte mich. Aber ihre Sorge und die anderer verstärkte im Grunde meine, als würde ich daran erinnert, dass ich krank war."

Auf einem Dach in Brooklyn

Ihren Grund hat diese Sorge in jenem titelgebenden Freitag im April des Jahres 2006. An diesem Tag verbringt der 47 Jahre alte Antrim mehrere Stunden auf dem Dach seines Wohnhauses in Brooklyn. Er hängt sich ans Geländer der Feuertreppe, lässt immer wieder prüfend mit einer Hand los, schreckt dann aber doch davor zurück, sich hinabfallen zu lassen in den ziemlich sicheren Tod.

Warum er ausgerechnet an diesem Tag dem endgültigen Ende so nahe kommt, weiß er nicht. Aber er ist schon seit mehr als zwei Jahrzehnten immer wieder in psychologischer Behandlung. Vielleicht war es die Tatsache, dass er kurz zuvor sein beklemmend-eindringliches Buch über die Mutter und die eigene, lieblose Kindheit abgeschlossen hat.

Fest steht jedenfalls: Für Antrim ist Suizid kein impulsiver letzter Akt, sondern eine Krankheit. Man stirbt nicht durch Suizid, sondern an Suizid. Und diese Krankheit hat

"ihren Ursprung in Trauma und Isolation, in Berührungsentzug, in Gewalt und Vernachlässigung, im Verlust von Heim und Zugehörigkeit."

Eine Neudefinition von Suizid

Wer Genaueres über diese Gründe erfahren will, sollte Antrims Mutter-Buch lesen. Im neuen Buch werden sie zwar auch immer wieder thematisiert, aber jetzt geht es dem Autor mehr um die radikale Neudefinition von Suizid als Krankheit des Körpers und des Geistes.

Vor allem aber berichtet er davon, wie es ihm gelungen ist, weiterzuleben. Monate verbringt er in Kliniken, er nimmt reichlich Medikamente und unterzieht sich mehr als fünfzig Elektroschockbehandlungen. Doch eine Heilung im klassischen Sinne ist bei dieser Krankheit nicht möglich: Der Suizidant versucht, so seltsam das klingen mag, zu überleben.

Er sammelt vielleicht Tabletten, wie Antrim von einem Fall im Bekanntenkreis zu berichten weiß, und gerade das Wissen darum, dass er jederzeit eine tödliche Überdosis davon nehmen könnte, tröstet ihn – und hält ihn am Leben. Nicht allen gelingt das. David Foster Wallace etwa, der Schriftstellerkollege, hat Antrim nach dessen Ausflug aufs Dach angerufen und ihm sehr zugeraten, es mit der Elektrokonvulsionstherapie zu versuchen. Zwei Jahre später ist Foster Wallace tot, erhängt, nachdem es ein paar Wochen zuvor mit den Tabletten nicht geklappt hat.

"Ich hatte das Gefühl, einen Überlebenskameraden verloren zu haben. Er war am 12. September gestorben, dem Geburtstag meiner Mutter."

Antrims Bericht vom Sterbenwollen und vom Überleben ist ein bemerkenswertes Buch: in glasklarer Sprache geschrieben, an keiner Stelle wehleidig, illusionslos und doch nicht ohne Hoffnung. Kein Roman, aber trotzdem große Literatur.