Anne Tyler - Der Sinn des Ganzen

Anne Tyler - Der Sinn des Ganzen

Anne Tyler - Der Sinn des Ganzen

Von Andrea Gerk

Geistreich und charmant erzählt Anne Tyler in ihrem neuen Roman die Geschichte eines verschrobenen Eigenbrötlers, dessen Leben auf einmal außer Kontrolle gerät.

Anne Tyler
Der Sinn des Ganzen

Original: Redhead by the Side of the Road
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
Kein & Aber 2020
224 Seiten
22 Euro

Anne Tyler: Der Sinn des Ganzen

WDR 3 Buchkritik 30.03.2020 04:19 Min. Verfügbar bis 30.03.2021 WDR 3

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Feste Tage für bestimmte Hausarbeiten

In scheinbar belanglosen Details ein ganzes Leben aufleuchten zu lassen – diese Kunst beherrscht die amerikanische Schriftstellerin Anne Tyler auf einzigartige Weise. Wenn sie ihren neuesten Helden - Micah Mortimer – gleich im ersten Absatz dieses Romans zu seiner allmorgendlichen Joggingrunde um Viertel nach sieben aufbrechen lässt, hat man sofort ein ganzes Psychogramm vor sich. Denn dieser Mann in mittleren Jahren hat feste Tage für bestimmte Hausarbeiten: freitags wird gestaubsaugt und einmal pro Woche werden die Schränke gründlich ausgewischt. So ähnlich ist auch das Beziehungsleben dieses Einzelgängers mit Anhang organisiert, denn Micahs Freundin Cass hat natürlich ihre eigene Wohnung. Auch seine munteren Schwestern mit ihren quirligen Kindern trifft Micah nur in wohldosierten Abständen, offenbar fühlt er sich am sichersten allein:

"Geht er jemals in sich und denkt über sein Leben nach, über den Sinn, den Witz des Ganzen? Bedrückt es ihn, dass er wahrscheinlich die nächsten dreißig, vierzig Jahre so leben wird? Keiner weiß es. Und so gut wie sicher hat ihm diese Fragen noch nie jemand gestellt."

Der Sinn des Ganzen

Anne Tyler

Anne Tyler

Wie in all ihren wunderbaren Romanen – es sind inzwischen 22 -, erzählt Anne Tyler auch in "Der Sinn des Ganzen" von den kleinen Gewohnheiten und Vorlieben scheinbar unbedeutender Menschen - einer wie Micah Mortimer eben, der vormittags als „Tech-Eremit“ die Computerprobleme in der Nachbarschaft löst – und sich bei diesen Hausbesuchen auch alle anderen Sorgen seiner Mitmenschen geduldig anhört – um sich dann nachmittags als Hausmeister um das Mietshaus zu kümmern, in dem er selbst lebt. Micah glaubt, sein Leben unter Kontrolle zu haben, bis auf einmal seine Freundin Cass fürchten muss, ihre Wohnung zu verlieren und bei ihm einziehen möchte und dann auch noch ein Teenager vor seiner Tür steht, der behauptet, sein Sohn zu sein.

"Ich habe Ihr Foto und ein paar andere aus der Collegezeit in einem Schuhkarton gefunden, sagte Brink.
Sie standen zu zweit unter einem Hartriegel-Baum, und Sie hatten den Arm um sie gelegt. Ich bin damit zu ihr gegangen und habe ‚Wer ist das?‘ gefragt, uns die hat gesagt ‚Das? Das ist Micah. Micah Mortimer‘ und dass Sie die Liebe ihres Lebens waren.
Das hat sie gesagt?
Naja, zumindest, dass sie das damals geglaubt hat.
Aha."

Micahs Liebesleben

Aber Micah kann rein rechnerisch gar nicht Brinks Vater sein, abgesehen davon, dass er mit seiner schwer religiösen Jugendliebe Lorna gar keinen Sex hatte. Ohnehin scheint Micahs bisheriges Liebesleben nicht besonders aufregend verlaufen zu sein:

"Nein, auf eine besonders erfolgreiche Frauenhistorie blickte Micah nicht zurück. Irgendwann verloren sie unweigerlich das Interesse an ihm, ohne dass er genau wusste, warum. Gut, jetzt hatte er Cass, aber das war nicht annähernd so wie damals in den guten alten Zeiten mit Lorna. Mit Cass war es eher … gedämpft. Unaufgeregter. Ruhiger. Und eine Heirat kam schon gleich gar nicht infrage. Wenn Micah aus seinen früheren Beziehungen eine Erkenntnis gewonnen hatte, dann die, dass es unschön wurde, wenn man Tag und Nacht mit einer Frau zusammenlebt."

Was Menschen ausmacht

Wie es gelingen kann, eine eigene Identität zu finden und sie im Zusammenspiel mit Familie oder Partnern zu bewahren, ist ein Grundmotiv von Anne Tyler, das sie auch in diesem Roman geistreich und liebevoll zugleich ausbreitet. Ohnehin ist die präzise und warmherzige Art, mit der Anne Tyler ihre Figuren beobachtet, immer wieder herzerwärmend, aber niemals rührselig. Dazu brodelt es zu sehr unter der Oberfläche dieser Menschen, die scheinbar ganz einfach gestrickt sind, in Wahrheit aber von Wünschen und Ängsten getrieben sind, die sie kaum kennen und verstehen. So wie wir alle arrangieren sie sich, gehen den Weg des geringsten Widerstands oder brechen dann doch auf einmal aus, wenn es gar nicht mehr anders geht. Dass man diesen seltsam verschrobenen, sich selbst im Weg stehenden Wesen so gerne bei ihrem hilflosen Treiben zusieht, liegt an Anne Tylers Blick auf sie, der so genau wie geistreich und voller Sympathie ist.

Stand: 29.03.2020, 14:32