Anne Frank: Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen

Anne Frank - Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen.

Anne Frank: Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen

Von Dina Netz

Am 12. Juni 2019 wäre Anne Frank 90 Jahre alt geworden. Zu diesem Tag erscheint nun zum ersten Mal ihr Romanfragment in einer eigenen Ausgabe.

Anne Frank
Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen.

Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert
Secession Verlag für Literatur, Zürich 2019
208 Seiten
18 Euro

Anne Frank: "Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen."

WDR 3 Buchrezension 12.06.2019 05:49 Min. WDR 3

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Zwei recht verschiedene Textfassungen

Annes Vater Otto Frank überlebte als Einziger seiner Familie den Holocaust. Ein wenig Trost fand er darin, das Tagebuch seiner Tochter an die Öffentlichkeit zu bringen – so wie sie es sich gewünscht hatte. Anne Frank wollte Journalistin und Schriftstellerin werden. Allerdings kombinierte Otto Frank für die von ihm zusammengestellte Ausgabe zwei recht verschiedene Textfassungen, wie Menno Metselaar vom Anne Frank-Haus in Amsterdam erklärt:

"Das Interessante an dem Tagebuch, und das wissen, denke ich, nicht viele, ist, dass es eigentlich eine Mischung ist:

Anne Frank (Aufnahme von etwa 1940)

Anne Frank, etwa 1940

Zum einen ist es ein Tagebuch, aber zum anderen ist es auch ein Buch, was Anne Frank sehr gerne nach dem Krieg veröffentlichen wollte. Sie hat im Radio gehört, dass nach dem Krieg Tagebücher und wichtige Dokumente gesammelt werden würden. Damit die Nachfahren einen Eindruck bekommen könnten, was so im Krieg in den Niederlanden passiert ist. Und da hat Anne Frank sich überlegt, ich habe ja mein Tagebuch und das kann ich ja auch aufheben. Aber sie hat dann gesagt: Nein, ich gehe noch einen Schritt weiter, ich überarbeite jetzt noch meine Tagebuchtexte und mache daraus ein richtiges Buch. Und in ein paar Monaten bis zu der Verhaftung hat sie einen sehr, sehr großen Teil ihres Tagebuchs völlig neu geschrieben."

Fassung A & Fassung B

Es gibt also das eigentliche Tagebuch, das in der Anne Frank-Forschung in der Regel als "Fassung A" bezeichnet wird. Und es gibt die überarbeitete "Fassung B", die Anne Frank nach dem Krieg veröffentlichen wollte. Beide enthalten Briefe an die imaginäre Freundin Kitty, der Anne sich anvertraute – sind aber eben nicht identisch. Das, was die ganze Welt als "Anne Franks Tagebuch" kennt, ist ein Amalgam aus beiden Versionen. Otto Frank kombinierte wohl zum Teil aus der Not heraus – bei Fassung A fehlt zum Beispiel das ganze erste Jahr, und Fassung B konnte Anne Frank durch ihre Verhaftung nicht mehr beenden. Zum Teil nahm Otto Frank auch inhaltlich Einfluss, entfernte zum Beispiel einige Passagen, in denen es um Streitigkeiten zwischen Mutter und Tochter ging.

Diese Vermischung beider Fassungen führte zu stilistischen Unebenheiten, die Laureen Nussbaum schon früh auffielen – die Literaturwissenschaftlerin nennt es sogar einen "Stilbruch". Auch sie stammt aus Frankfurt, lebte mit ihrer Familie im Amsterdamer Exil und war mit den Franks befreundet. Jahrzehnte lang hat sie sich dafür eingesetzt, den Text zu veröffentlichen, den Anne Frank eigentlich herausbringen wollte: den überarbeiteten Romanentwurf. Die heute über 90-jährige Laureen Nussbaum hat für den nun von Secession Verlag und Anne Frank-Haus Amsterdam vorgelegten Band "Liebe Kitty" einen sehr persönlichen Essay geschrieben. Darin geht sie auch auf die Unterschiede zwischen den Textversionen ein. Im Vergleich...

Anne Frank schreibend an einem Schreibtisch

"...fällt auf, mit wieviel Selbstkritik und literarischem Sachverstand die kaum Fünfzehnjährige bei ihrer Neufassung vorging. Viele Eintragungen ließ sie ganz weg, andere überarbeitete sie, fügte neue Beschreibungen, Erkenntnisse und verbindende Gedanken hinzu und schuf so einen interessanten, höchst lesbaren Text. Deutlich erkennbar sind neben ihrem beachtlichen schriftstellerischen Talent auch die Einsichten, die sie aus ihrer fleißigen und überaus ernsthaften Lektüre vor allem von historischen Romanen und von Biografien bedeutsamer Figuren gewonnen hatte."

Eine Sorgfalt, die der Respekt gebot

Auch dank Laureen Nussbaums Einsatz ist nun das Romanfragment Anne Franks zum ersten Mal in einer eigenständigen Ausgabe erhältlich. Es ist ein aufwendig und liebevoll gestaltetes und sorgfältig ediertes Buch geworden. Joachim von Zepelin vom Secession Verlag erzählt im Gespräch, dass man mit der Übersetzerin Waltraud Hüsmert intensiv diskutierte, zum Teil über Kommata. Eine Sorgfalt, die der Respekt vor Anne Franks literarischem Vermächtnis gebot:

Anne Frank

"Das Ganze ist ja letztlich auch eine Wunscherfüllung, denn Anne Frank hat am 11. Mai 1944 in ihr Tagebuch geschrieben: „Ich möchte nach dem Krieg einen Roman unter dem Titel ,Das Hinterhaus' herausbringen.“ Das ist eben diese Version B, die wir jetzt publizieren. Und es ist das erste Mal, dass dieser Wunsch für sie in Erfüllung geht."

Montag, 27. März 1944

Anne Frank ist zum Idol und zum Symbol geworden für das Grauen, das Menschen einander zufügen können. In Zeiten, in denen Rassismus und Antisemitismus wieder erstarken, ist es gut und richtig, dass sie nun wieder große Aufmerksamkeit erfährt. Dass ihr Romanfragment „Liebe Kitty“ endlich in einer eigenen Ausgabe vorliegt, ist eine angemessene Würdigung zu ihrem 90. Geburtstag. Anne Frank wäre wohl eine kluge und stilistisch elegante Schriftstellerin geworden – darauf deutet zum Beispiel der vorletzte Eintrag des Romans hin:

"Liebe Kitty,
ein sehr großes Kapitel unserer Versteckgeschichte müsste eigentlich die Politik einnehmen, aber da dieses Thema mich persönlich nicht so sehr beschäftigt, habe ich es viel zu oft links liegen lassen. Deshalb werde ich heute mal einen ganzen Brief der Politik widmen. Dass es sehr viele verschiedene Meinungen über diese Frage gibt, ist selbstverständlich, dass in schlimmen Kriegszeiten auch viel darüber gesprochen wird, ist noch logischer, aber ... dass so viel darüber gestritten wird, ist einfach dumm! Sollen sie doch wetten, lachen, schimpfen, meckern, sollen sie ruhig alles tun, solange sie im eigenen Saft schmoren, aber sie sollen sich nicht streiten, denn das hat meistens weniger gute Folgen."

Stand: 12.06.2019, 09:00