Andreas Maier - Die Familie

Andreas Maier - Die Familie

Andreas Maier - Die Familie

Von Jakob Stärker

Der siebte Teil des Großwerks der Ortsumgehung geht weit zurück in die Familiengeschichte Maiers und zeigt wie sehr Sichtweisen auseinanderklaffen können.

Andreas Maier
Die Familie

Suhrkamp, Berlin 2019
166 Seiten
20 Euro

Die Geschichte einer Familie

"Alles aufheben, alles zurück auf Null. Die Register löschen, komplett. Als sei nie etwas gewesen und habe nie etwas stattgefunden. Der Name unserer Familie musste gar nicht fallen, nicht einmal das Wort Mühle musste fallen."

Andreas Maier erzählt seine eigene Geschichte, als hätte sie nie stattgefunden. Die Geschichte einer Familie, die dem Autor eigentlich so bekannt ist, muss nochmal geschrieben, und vor allem: erforscht werden. Doch von vorn: Andreas Maier schreibt im neuen Teil seiner autofiktionalen „Ortsumgehung“ über Friedberg, die Wetterau, seine Kindheit und eben: „Die Familie“. Genauer gesagt: Über Geschichte und Besitz der Familie. Nachdem der Großvater gestorben ist, übernimmt die Mutter die Steinwerkefirma und damit das Grundstück im Mühlweg am Usa-Ufer in Friedberg. Die namensgebende Mühle auf dem Grundstück soll abgerissen werden. Das Problem: Sie ist denkmalgeschützt. Eines Nachmittags, die gesamte Familie Maier ist daheim, kommt dennoch schweres Geschütz die Straße entlang:

"Nun ist der Bagger etwa zwei- oder dreimal um das Gebäude herumgefahren. Dann endlich entschließt sich die Maschine zu einer Handlung. Der Baggerführer fährt an die Hinterseite des Gebäudes, hebt die Schaufel, fährt noch ein Stück näher heran und lässt die Schaufel in die Wand krachen. Was mit der Wand passiert, können wir von unserer Perspektive aus nur hören, nicht aber sehen. […] Jetzt fährt der Bagger, als wolle er uns sichtbehinderten Zuschauern einen Gefallen tun, an die längsseitige Wand und beginnt dort die Mauer und das Fachwerk zu bearbeiten."

Andreas Maier: "Die Familie"

WDR 3 Mosaik 12.08.2019 05:21 Min. Verfügbar bis 11.08.2020 WDR 3

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Die Familie im Dritten Reich

Andreas Maier

Andreas Maier

Der Beginn eines Jahre währenden Rechtsstreits zwischen Vater und Denkmalschutzbehörde. Andreas Maier bohrt tiefer in der Vergangenheit der Familie. Die Geschehnisse klaffen häufig mit den Erzählungen der Familienmitglieder auseinander. Sei es ein Zwist mit Onkel Heinz oder die Blauäugigkeit der Schwester, die mit einem Amerikaner auswandert, nur um immer wiederzukommen und die Hilfe der Familie in Anspruch zu nehmen. Und das junge Ich des Autors inmitten der vermeintlichen Realitäten. Doch auch er wird älter und beginnt die Mär der Familie zu hinterfragen.


Neugierig geworden, fragt Maier seine Großmutter nach der Familie im Dritten Reich. Fragt seine Mutter. Doch sie alle antworten ausweichend, beschwichtigend, oder gar nicht.
Erst die Buchhändlertochter, die Muse des Protagonisten der "Ortsumgehung", findet ein Dokument, das den Besitz des ehemaligen Firmengeländes einem anderen als dem Ururgroßvater Melchior Boll zuschreibt:

"Sie. Er heißt Theodor David Seligmann und ist 1868 geboren. Verstorben ist er 1937, am 22. Juli, in der Bismarckstraße. […] Mehrere Firmen werden angegeben, erst eine unter seinem Namen, dann zusammen mit einem Julius Bildstein, das ist sein Schwiegersohn und dann eine zusammen mit einem Ernst Bildstein.
Ich: Alles Namen, die ich noch nie gehört habe.
Sie: Firmensitz war immer Mühlweg 12."

Das Familiennarrativ entpuppt sich als hohle Fiktion

Das Grundstück war nicht immer in der Hand der Familie. Das Bild der ehrbaren Dynastie Boll/Maier beginnt zu bröckeln. Neben der fragwürden Provenienz der Firma während der NS-Zeit gibt es weitere Konflikte in der Familie, die nach und nach ans Licht kommen. Nur weil der Protagonist immer wieder nachfragt, offenbaren sich andere Perspektiven auf die Geschichte. Das Familiennarrativ im Mühlweg entpuppt sich als hohle Fiktion.
Andreas Maier schreibt autofiktionale Romane. Das eigene Leben als Material. Doch was Maier von anderen Schriftstellern wie Knausgard oder Meyerhoff unterscheidet, ist die Blickrichtung. Der Erzähler schreibt nicht über sich selbst und seinen Platz in der Welt, sondern über die Welt aus der Perspektive seiner Figuren. Dies ermöglicht ihm einerseits polemisch über die anderen Familienmitglieder zu schreiben, andererseits sich durch ein ironisches Augenzwinkern der „echten“ Wertung zu entziehen. So erkennt auch Maier die Fiktionalisierung seiner eigenen Rolle in der Familie:

"Ich selbst bin ein solcher Avatar, ohne es gewusst zu haben. Ich bin als solcher sogar schon auf die Welt gekommen. Zu mir gibt es kein Original."

Zwischen Wahrheit und Unwahrheit

Das ist Rechtfertigung und Chance zugleich. Der mildernde Umstand in Maiers Literatur. Die Anklage findet nicht wirklich statt. Statt sich wie andere der Lüge bezichtigen zu lassen, verwischt er die Grenzen zwischen Wahrheit und Unwahrheit. Die eigene Geschichte als Material. Autobiografie als literarische Spielwiese. Schon im Vorgängerroman „Die Universität“ stellte Maier voran:

"Ich, das ist der Mittelteil des Wortes Nichts."

Eine Ansammlung von Anekdoten

Dieser Satz beschreibt die Literatur Maiers, aber auch seine Arbeitsweise. Das Ich als Material, sonst: Nichts, außer die vorher von ihm festgelegten Titel seiner Saga der "Ortsumgehung".
Die einfache, pointierte Sprache Maiers erlaubt dem Leser "Die Familie" als Ansammlung von Anekdoten zu lesen. Oder aber als Diskursbeitrag zu Autor und Werk, Wahrheit und Fiktion.
Nachdem Maier sich mit "Das Zimmer", "Die Straße" oder "Der Ort" geographisch immer größere Räume erschloss, kommt er zu den eigenen Wurzeln zurück. Von der Wetterau durch Friedberg bis zur Familie. Ungewiss, wohin Maier seine Leser führen wird. Die Folgetitel stehen ja bereits. Sie heißen "Die Städte", "Die Heimat", "Der Teufel" und, zu guter Letzt: "Der liebe Gott".

Stand: 12.08.2019, 10:00