Andrea Camilleri - Liebe Matilda – Ein italienisches Leben

Andrea Camilleri - Liebe Matilda – Ein italienisches Leben

Andrea Camilleri - Liebe Matilda – Ein italienisches Leben

Von Monika Buschey

Andrea Camilleri schreibt seiner Urenkelin einen langen Brief. Sie wird noch viele Jahre brauchen, ehe sie ihn lesen kann. Er berichtet von persönlichen Erlebnissen und vom Weltgeschehen. Eine Lebensbilanz.

Andrea Camilleri
Liebe Matilda – Ein italienisches Leben

Gelesen von Rolf Nagel
GoyaLIT
ISBN 978-3-8337-4143-2
Zwei Audio CDs

Andrea Camilleri "Liebe Matilda - Ein italienisches Leben"

WDR 3 Buchkritik 05.03.2020 05:59 Min. Verfügbar bis 05.03.2021 WDR 3

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Mir ist sehr wohl bewusst, dass das Alter Grenzen setzt

"Meine liebe Matilda, diesen langen Brief schreibe ich dir wenige Tage vor meinem 92. Geburtstag. Du bist jetzt fast vier Jahre alt, noch kennst du das Alphabet nicht, aber als junges Mädchen wirst du meinen Brief lesen, hoffe ich

Wer die Geschichte seines Lebens erzählen will, der wählt sich am besten ein Gegenüber. Der italienischer Schriftsteller Andrea Camilleri hat während des Schreibens seine Urenkelin Matilda vor Augen, das jüngste Familienmitglied. Er weiß: Seine Geschichte wird zu ihr sprechen, wenn er längst gestorben ist.

"Mir ist sehr wohl bewusst, dass das Alter Grenzen setzt und ich daher nicht in den Genuss kommen werde, dich Tag für Tag aufwachsen zu sehen, deine ersten Gedanken zu erfahren, die Entwicklung deines Geistes zu verfolgen. Kurz: Ich werde keine Gespräche mit dir führen können."

Der Urgroßvater holt weit aus.

Er erklärt Matilda, was Faschismus bedeutet, wie das Leben in einer Diktatur aussah und wer Benito Mussolini war. Die entscheidenden Einflüsse seiner Kindheit hebt er besonders hervor. Sie fanden sich zwischen Buchdeckeln.

"Mit fünf hatte ich unter Anleitung meiner Mutter und meiner Großmutter Elvira lesen gelernt. Mit sechs bediente ich mich schon in der Bibliothek meines Vaters, die sehr gut bestückt war. Also las ich anfangs keine Kinder- und Jugendbücher, sondern Literatur für Erwachsene. Richtige Romane. Meine ersten Autoren waren Conrad, Melville, Simenon."

Wer so bereits im Vorschulalter anfängt, der ist gefeit vor den Versuchungen des Seichten und allzu Niedlichen. Für Andrea Camilleri war die erste Unterhaltung, die er aus Büchern bezog, stilbildend und von nachhaltiger Wirksamkeit. Im späteren eigenen Schreiben wäre es ihm ganz unmöglich gewesen, hinter den bewunderten Vorbildern zurückzubleiben. Und indem er die anderen studierte und sich von ihren Geschichten verführen ließ, bildeten sich untrügliche Qualitätskriterien heraus.

"Ich bin also zu einem außergewöhnlich erfolgreichen Schriftsteller geworden, aber ich muss dir gestehen, dass ich mir nie erklären konnte, warum. Denn ich habe immer geschrieben, was ich schreiben wollte. Ohne die kleinste Konzession an den Publikumsgeschmack. Ich bin mir selbst und meiner Art zu schreiben, treu geblieben."

Bilanz eines langen Lebens

Andrea Camilleri

Andrea Camilleri

Indem er der Urenkelin Auskunft gibt und die Fragen zu beantworten sucht, die sie später sicherlich stellen würde, zieht er zugleich die Bilanz eines langen Lebens. Es hat ihn übers Lesen, Geschichtenerfinden, über die Arbeit im Theater, Fernsehen, Radio wieder zum Schreiben eigener Geschichten geführt. Die Figur des Kommissars Montalban und die Fälle, die er löst, brachten dem Autor international Ruhm und Ehre.

"In Interviews werde ich oft gefragt, ob der Erfolg mein Leben verändert habe. Meine Antwort lautet: nein. Und das entspricht der Wahrheit. Der Erfolg ist auf der Schwelle meines Hauses stehen geblieben. Er konnte weder auf mein Familienleben übergreifen, noch meine Haltung zur Welt verändern."

Die Geschichte Italiens und Europas

Die Gedankenwelt des Bestseller-Autors, erst recht seine persönlichen Erlebnisse, werden seine Fans interessieren. Für sie alle und für die Urenkelin im Besonderen schildert er die Geschichte Italiens und Europas im Großen und im Speziellen. Von den 20er bis zu den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts reicht die Spanne. Ein Anschaulicher Geschichtsunterricht, zumal er immer den Bezug zum eigenen Leben herstellt.

"Warum ich dir das alles erzähle? Weil ich nicht weiß, ob Europa, wenn du diese Zeilen liest, verschwunden sein wird, oder doch endlich zu seiner Einheit zurückgefunden hat."

Weite Ausblicke – bevor das Persönliche wieder in den Vordergrund tritt. Die Urenkelin soll sich lebhaft vorstellen können, wie der berühmte Urgroßvater beschaffen war. Brav und angepasst war er jedenfalls nicht.

"Mich irgendeiner Disziplin zu unterwerfen, still zu bleiben, wenn ich etwas zu sagen hatte, mich nicht gegen einen meiner Meinung nach unsinnigen Befehl aufzulehnen, war mir unmöglich. Es passte einfach nicht zu meinem Wesen."

So mancher Stolperstein

Auch auf dem Weg in die Ehe war so mancher Stolperstein zu überwinden. Der Bräutigam war sich nicht sicher, ob er den Schritt wirklich wagen sollte. Wütend auf sich selber warf er der Braut die Jacke seines Hochzeitsanzugs vor die Füße.

"Rosetta verzog keine Miene, trat einen Schritt vor und versetzte mir einen Schlag mitten ins Gesicht. Es war die einzige Ohrfeige, die sie mir je gegeben hat, aber die Wirkung war außerordentlich. Denn eine Sekunde später sahen wir uns an - und brachen in Gelächter aus. Wir lachten, bis uns die Tränen kamen."

Er spricht wie jener schreibt

Rolf Nagel

Rolf Nagel

Der Schauspieler Rolf Nagel, nur wenige Jahre jünger als Camilleri, weiß sich in den Stil des italienischen Autors einzufühlen, und in deutscher Sprache seinen Humor und seine Wahrhaftigkeit angemessen rüberzubringen. Er spricht wie jener schreibt: unprätentiös und geradeheraus. Weisheit kommt bei Camilleri reichlich vor, hat aber grundsätzlich einen hohen Gebrauchswert.

"Man sollte immer den Ideen der anderen zuhören, auch wenn sie sich von der eigenen Meinung unterscheiden. Und obwohl man seine Gründe entschieden vertreten, sie stets von neuem erklären muss, kann es passieren, dass man die eigene Überzeugung ändert. Warum nicht?

Vergiss nicht: Es gibt keine Fahne, ob die der Sieger oder der Besiegten, die in der Sonne nicht ausbleicht."

Stand: 03.03.2020, 13:34