André de Richaud - Der Schmerz

André de Richaud - Der Schmerz

André de Richaud - Der Schmerz

Von Ulrich Rüdenauer

Dieses Buch machte Albert Camus zum Schriftsteller. Nun ist André de Richauds eindrucksvoller Roman "Der Schmerz" ins Deutsche übersetzt: eine Entdeckung!

André de Richaud
Der Schmerz

Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Sophie I. Nieder
Dörlemann Verlag, Zürich 2019
224 Seiten
20 Euro

André de Richaud: "Der Schmerz"

WDR 3 Mosaik 14.05.2019 05:13 Min. WDR 3

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Als alle Dinge an ihrem Platz waren

Um das kleine Dorf im Süden Frankreichs macht der Krieg einen Bogen. Nichts gemahnt hier an die Grabenkämpfe, den Stellungskrieg, die Schrecken.

Die meisten Männer des Ortes allerdings sind eingezogen; alle paar Monate kommen sie zu Besuch. Und manche kehren nicht mehr zurück. Einer davon ist der Hauptmann Georges Delombre, ein angesehener Bürger und Geschäftsmann. Als er ausrückt, um für Frankreich zu kämpfen, zieht seine Frau aus der Stadt in das kleine Dorf – um dort das Ende des Krieges abzuwarten.

"Als alle Dinge an ihrem Platz waren und Thérèse Delombre die Hoffnung aufgegeben hatte, wieder in der Stadt zu leben, erhielt sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes. Die Einsamkeit und Trostlosigkeit ihres Wohnorts betäubten sie, und der Schock war heftig, aber kurz. Eine Woche lang weinte sie ins Haar ihres Sohnes und dann, gerade als sie sich fragte, was aus ihr werden würde, so ganz allein, bekam ihr Sohn die Masern."

Mut und selbstlose Hingabe

Thérèse Delombre ist eine höchst sensible, zugleich ein wenig einfältige Frau. Ihren Mann vergisst sie rasch. Sie sieht in der Situation, die ihr vom Krieg aufgezwungen wird, eine heroische Episode – als sei sie eine Romanfigur des 19. Jahrhunderts, der das Schicksal etwas abverlangt, "Mut und selbstlose Hingabe". Im Dorf galt sie zu Lebzeiten ihres Mannes als hochnäsig, Madame Delombre wurde ob ihres zur Schau getragenen Stolzes nicht gemocht; der Verlust aber verleiht ihr nun Würde. Man sucht in ihr die guten Eigenschaften, die man lange übersehen hatte; und sie – sie zieht sich zurück und erträgt das Leid, das ihr als junger Witwe aufgebürdet ist.

Lange währt diese Gefasstheit nicht. Das Romanhafte ihrer Lage verwandelt sich in einen bitteren Lebensroman, wie ihn um das Jahr 1930 kaum jemand aufzuschreiben gewagt hätte. André de Richaud hat es mit sicherem Gespür für die seelische Aufgewühltheit seiner Heldin getan. Darin zeigt sich die große Begabung des damals 23-jährigen Autors:

Er lässt seine Thérèse an ihrer aussichtslosen Lage verzweifeln. Sie leidet an Einsamkeit, und die Einsamkeit erzeugt schmerzhaftes Begehren. Diese Frau, tugendhaft nach außen, wird im Inneren von Begierden und sexuellen Fantasien heimgesucht, und de Richaud schildert diese mit einer sezierenden Schärfe und Offenheit. Es schleicht sich kein moralisierender Ton in diese Erzählung, keine Verurteilung der Versuchungen, denen die frisch verwitwete Frau ausgesetzt ist. André de Richauds Blick ist von einer geradezu kühlen, analytischen Kraft – und das, obwohl man vermuten darf, dass persönliche Erfahrungen in den Roman eingeflossen sind. Das Begehren findet zunächst ein Objekt im Sohn Georges. Ihm gilt fortan die ganze Aufmerksamkeit, immer verbunden mit der Sorge, dass die Innigkeit und fast krankhaft projizierte Liebe eines Tages zurückgestoßen werden könnte. Die Art und Weise, wie sie das Kind an sich bindet, ist neurotisch, hat etwas Zerstörerisches.

"Der Hauptmann war im Krieg gefallen, und seine Frau machte in diesem Moment zu ihrer eigenen Freude und ihrer eigenen Qual, den Buben, den er ihr geschenkt hatte, zum Ebenbild ihres eigenen ruhelosen und verstörten Wesens."

Drei deutsche Kriegsgefangene

Immer wieder gibt es hellsichtige Beschreibungen dieser unheilvollen Beziehung: Sie verteidige den Jungen gegen den Mann, der er einmal werden würde, heißt es. Die schmerzvolle Wehmut und Sehnsucht von Thérèse Delombre scheint das nur noch mehr anzufachen. Dann geschieht etwas, was das labile Gleichgewicht von Mutter und Sohn stört, die fast inzestuöse Zweisamkeit erschüttert. Das Dorf wird aufgeschreckt durch drei deutsche Kriegsgefangene, die zur Zwangsarbeit auf einen Hof kommen. Sie bewegen sich dort relativ frei. Man gewöhnt sich an die jungen Männer, die froh zu sein scheinen, den schlimmsten Kriegswirren entronnen zu sein. Schließlich kommt es zu einer Begegnung, die eine neue Dynamik in die Geschichte bringt. Madame Delombre kommt den Deutschen an einem schönen Sommerabend näher.

"Nichts ist dem Schweigen zuträglicher als das stetige Rauschen eines Baches, der Geruch von Linden und der abendliche Gesang der Nachtigall. Wer konnte für den Reiz dieser romantischen Szenerie empfänglicher sein als die drei Deutschen im Exil und diese Frau, die von morgens bis abends vor Leidenschaft brannte?"

Es kommt wie es kommen muss

Vor allem einer, Otto, tut es ihr an. Die beiden beginnen eine Affäre, und von einem solchen Liebesverhältnis zwischen einem Boche und der Witwe eines Offiziers im Nachkriegsfrankreich zu erzählen, war noch 1930 ein Skandal. De Richaud tut das ohne Entrüstung, und gerade das ist das Politische an diesem Buch: Dass es la Grande Guerre als ganz ferne Farce behandelt, die Kämpfe aber ins Innere der Figuren verlegt und diesen bei ihrem Unglücklichsein zusieht. Es kommt wie es kommen muss: Die Eifersucht des kleinen Georges wächst; er ist zu klug, als dass er die Untreue seiner Mutter ihm gegenüber übersehen könnte. Die schwelende Sexualität, die diesen Roman bestimmt, ihm eine flirrende Unruhe verleiht, bricht aus. Die Konflikte treten offen zu Tage. Die Heldin verliert ihren Ruf. Sie wird zu einer traurigen Liebhaberin, am Ende zu einer stoischen Märtyrerin.

Albert Camus hat dieses Buch verehrt. Es habe ihn überhaupt erst selbst zum Schriftsteller gemacht. Seine Hochachtung für dieses Frühwerk von André de Richaud lässt sich nun jedenfalls durch die wunderbare deutsche Übersetzung von Sophie Nieder nachvollziehen.

Stand: 12.05.2019, 14:06