Cynan Jones - Alles, was ich am Strand gefunden habe

Cynan Jones, Alles was ich am Strand gefunden habe

Cynan Jones - Alles, was ich am Strand gefunden habe

Von Peter Meisenberg

Zwei Männer, die auf eine bessere Chance im Leben hoffen, setzen dazu alles auf eine Karte und riskieren ihr Leben. Der Waliser Autor Cynan Jones erzählt eine spannende Geschichte im Arbeitermilieu und am Rand der Europäischen Peripherie.

Cynan Jones
Alles, was ich am Strand gefunden habe
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind, 2017
240 Seiten
20,00 Euro

An der Küste von Wales

Wales scheint das Land der Träumer. Das berühmte Hörstück des Walisers Dylan Thomas "Unter dem Milchwald" spielt in einem walisischen Fischerdorf und versammelt die Träume und die Hoffnungen seiner Bewohner. Auch die Protagonisten des Waliser Autors Cynan Jones leben an der Küste von Wales, träumen von der Vergangenheit und erhoffen sich aber von der Zukunft ganz dringend eine entscheidende Wende ihres Lebens. Denn so, wie bisher, kann und darf es nicht weitergehen. Der Arbeitsmigrant Grzegorz musste in Polen seinen kleinen Bauernhof aufgeben. Jetzt wohnt er mit seiner Frau, zwei kleinen Kindern und 24 weiteren polnischen Migranten in der Enge einer Notunterkunft und schuftet in Doppelschichten im Schlachthof.

"Die Menge an Schlachtabfällen war nur schwer zu ertragen. Grzegorz dachte wehmütig daran, wie entsetzt seine Großeltern wohl gewesen wären über die Verschwendung, die hier herrschte, über all das gute Fleisch, das hier weggeworfen wurde. Er dachte an die Füße, die Mäuler der Rinder, all die langsam köchelnden Speisen seiner Kindheit, als man diese besten Teile der Tiere kaufen konnte. Und er sah hier all die verschmähten Innereien, die in Körbe geworfen und mit Farbe übergossen wurde, obwohl man sie hätte essen können."

Grzegorz und Hold

Cynan Jones

Cynan Jones

Die traumhafte Leichtigkeit und Versponnenheit von Thomas’ "Unter dem Milchwald" ist in Jones’ Roman der brutalen Wirklichkeit des heutigen Wales gewichen. Grzegorz wird dabei erwischt, wie er "Abfälle" aus dem Schlachthof mit nach Hause nimmt. Man setzt ihn auf halbe Schicht und er muss einen Zweitjob als Muschelstecher am Strand annehmen. Dass dieser Job das Tarnunternehmen eines Liverpooler Drogendealers ist, der sich hier billige Kuriere herauspickt, ahnt Grzegorz nicht. Zehntausend Pfund ist ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann. So landet er schließlich mit drei Päckchen Kokain in einem Schlauchboot vor der walisischen Küste - und dort kreuzt sein Weg den des zweiten Protagonisten, Hold.

Hold hat in der Fabrik gearbeitet, es da aber nicht ausgehalten und schlägt sich jetzt als Fischer im Auftrag eines Bootseigners durch. Sein Traum ist ein eigenes Boot, vor allem aber träumt er davon, genug Geld aufzutreiben, um das Haus seines verstorbenen Freundes zu retten und damit sich und der heimlich von ihm geliebten Witwe dieses Freundes eine Zukunft zu geben. Diese Figur - Hold – hat der Autor äußerst liebevoll gezeichnet als einen zwar tatkräftigen, aber auch altmodisch-skrupulösen, aus der Zeit gefallenen Mann. Über alles, was er tut, legt er sich sehr sorgfältig Rechenschaft ab und es ist für den Leser ein großes Vergnügen, diesem Mann bei all dem zuzuschauen, was er tut.

"Hold kauerte sich ans Netz und nestelte die Fische aus den Maschen, zog die Nylonfäden über die Flossen, fort von den harten Kiemendeckeln und aus den erkennbaren Knochen rings ums Maul. Man musste herausfinden, wie der Fisch ins Netz gegangen war, ob er gekämpft und sich umgedreht hatte oder versucht hatte, weiterzuschwimmen. Dann holte man den Fisch aus dem Netz, als würde man ihn rückwärts schwimmen lassen."

Gute Krimis sind immer auch gute Romane

Für die Protagonisten dieses Romans aber gibt es kein Zurück mehr. Weder für Grzegorz, der mit drei Päckchen Kokain ohne funktionierenden Kompass in einem Schlauchboot auf offener See treibt. Noch für Hold, nachdem er sich entschieden hat, die drei Päckchen Kokain, die er in einem an den Strand getriebenen Schlauchboot neben der Leiche eines Erfrorenen fand, zu Bargeld zu machen.

Es ist und war eigentlich immer schon lächerlich, zwischen einem Krimi und einem "normalen" Roman einen Qualitätsunterschied zu machen. Gute Krimis sind immer auch gute Romane und gute Romane im Kern auch immer ein Krimi. Cynan Jones Roman ist ein guter und ausgezeichnet konstruierter Krimi. Und er ist – sieht man einmal von seiner manchmal umständlichen und didaktischen Erzählweise ab – ein guter Roman. Und am Ende einer von der Sorte, die man bis zur letzte Seite nicht aus der Hand legt.

Cynan Jones - Alles, was ich am Strand gefunden habe

WDR 3 Buchrezension | 23.08.2017 | 04:36 Min.

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Stand: 21.08.2017, 12:44