die thede e.v. - Eiffe for President. Alle Ampeln auf Gelb.

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die thede e.v. - Eiffe for President. Alle Ampeln auf Gelb.

Von Udo Feist

Peter Ernst Eiffe war Deutschlands erster Graffiti-Aktivist. Eine Dokumentation zeigt, wie aktuell seine Filzstiftkunst ist.

die thede e.v. (Hg.)
Eiffe for President. Alle Ampeln auf Gelb.

Für die thede herausgegeben von Christian Bau
in Zusammenarbeit mit Artur Dieckhoff
Buch mit Film auf DVD
Assoziation A, Berlin/Hamburg 2019
144 Seiten
20 Euro

Dieser kreuzbieder wirkende Mann

Umschreiben muss man die Geschichte der deutschen 68er sicher nicht, aber Peter Ernst Eiffes Aktionen sind ein ergänzender Akzent. Schaffte es der stets mit Jackett, Krawatte und gern mit Hut gekleidete, kreuzbieder wirkende Mann doch immerhin, breite Öffentlichkeit, Establishment und APO-Diskurs-Strategen gleichermaßen zu frappieren. In den brodelnden Mitt-60ern war er plötzlich in Polit-Clubs, Audimax-Plenen und bei Lesungen von Hubert Fichte oder konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl aufgetaucht.

"Das war diese linke Szene. Und da war Eiffe immer dabei, hat aber nie was gesagt. Und er saß sehr steif da und sehr korrekt, und ich muss sagen, wir haben ihn für einen Agenten vom Verfassungsschutz gehalten. Er gehörte zur Schlips- und Kragenfraktion, er war top schick gekleidet. Wir versuchten ihn ins Gespräch zu ziehen, und da hat er immer gesagt, er ist Landvermesser."

Ein Einzelgänger, mit eigener Vision

Eiffe - Schild

Für Peter Schütt, damals im tonangebenden SDS aktiv, klang das nach Kafka. Absichtsvolle Fama war das wohl nicht. Eiffe war ein Einzelgänger, mit eigener Vision und einer technischen Neuerung: Während APO-Leute mit Quast und Farbeimer, und bloß selten, Parolen malten, hatte er Filzstifte für sich entdeckt, um den von wilder Beschriftung noch unberührten öffentlichen Raum zu reklamieren - und zu taggen, wie das heute heißt. Sprüche wie "Dutschke zeigt die Wunden/Eiffe heilt", "Eiffe für alle", "Alle Ampeln auf Gelb!" oder auf einem ‚Einfahrt verboten‘-Schild "Eiffe schimpft sonst". Oft mit Telefonnummer und Adresse. In der erst viel später entstehenden, pseudonym agierenden Graffiti-Szene wäre das undenkbar. Als Eiffe von der Hochbahn eine Rechnung über 900 Mark bekam, antwortete er mit einer gleichhohen Gegenrechnung – für die Verschönerung ihrer Abteile. Er agierte quer zum Protest-Zeitgeist, bezog sich aber auf ihn, und seine Aktionen wären ohne ihn auch kaum denkbar. Auf seine bürgerliche Existenz nahm er dabei keine Rücksicht - und taggte "Eiffe wählen": Er wollte Bürgermeister werden, es kam anders: Eine Auftritt mit seinem weißen Fiat, mit dem er oft in der Stadt zu sehen war, wurde seine letzte Aktion, erinnert sich ein Zeitzeuge.

"und das war wohl sein Ende, als er mit diesem Wagen in die Wandelhalle vom Hauptbahnhof fuhr und den Wagen inklusive Hauptbahnhof zur Freien Eiffe-Republik erklären wollte, da hat man ihn dann gekrallt, und dann kam er in die Psychiatrie."

Eine Überdosis Lithium fügte ihm dort schwere körperliche und mentale Schäden zu, erzählt sein Freund Hubertus Scheurer.

"Er war ein vollkommen gebrochener Mensch. Er saß im Rollstuhl, er hatte seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle, es war grauenhaft."

Die Rückeroberung des öffentlichen Raums

Eiffe - Krankenzimmer

Eiffe - Krankenzimmer

Im März 1984 wurde Peter Ernst Eiffe tot in der Nähe seiner letzten psychiatrischen Station aufgefunden, aus der er zuvor verschwunden war. Geboren wurde er 1941 als uneheliches Kind einer Pastorentochter. Ein Hamburger Senator, bei den Nazis ein hohes Tier, und seine Frau adoptieren ihn. Er geht zur Bundeswehr, studiert eine Zeitlang Wirtschaftswissenschaften, arbeitet im Amt für Statistik – und taucht wie ein Blitz, so beschreiben das viele, als „Eiffe“ in der Szene auf. Ohne zu heroisieren zeichnet das aufwendig gestaltete Buch sein Leben nach. Und weil der Solitär kein programmatischer, sondern ein intuitiver Aktivist war, zeigt es angemessen zurückhaltend und doch triftig Kontexte auf. Sie reichen von Dada, Surrealismus, französischen Situationisten und dem Pariser Mai 68 bis zur Graffiti-Szene. Gemeinsame Nenner sind die Rückeroberung des öffentlichen Raums und Opposition gegen das Bestehende. Was Eiffe heute noch bedeuten kann, beantwortet der Schriftsteller Michael Schweßinger so:

"In Zeiten, in denen politische Bewegungen innerhalb von Wochen medial vereinnahmt werden, ist die spontane Tat, der Mut, die Ordnungsstrukturen zu hinterfragen, um für Verwirrung zu sorgen, ohne sich vereinnahmen zu lassen, eine erste Möglichkeit der Revolte, die jedem offensteht."

Eiffe lebt!

Schweßinger wurde Eiffe erst zum Begriff, als er 2010 zu einer Lesung nach Leipzig eingeladen wurde, vom "Eiffe der Bär e.V.". Dass es den ausgerechnet im Osten gibt, hat mit einem Kuriosum zu tun:

Uwe Timms APO-Roman "Heißer Sommer" von 1974 durfte auch in der DDR erscheinen. Darin kommen auch Eiffe und seine Sprüche vor.

Peter Ernst Eiffe - Passbilder

Die begeisterten besonders die drüben als Gammler geschmähten "Blueser". Die allerdings hatten Eiffe für eine fiktive Gestalt gehalten. Immerhin blieb er so nachhaltig in Erinnerung. Treffender könnte der Abspann des beigelegten Films also kaum sein: "Eiffe lebt!". Für optimale Wirkung sei aber empfohlen, ihn erst nach der Lektüre anzuschauen. "Eiffe for President. Alle Ampeln auf Gelb" berührt, erheitert, ist informativ - und inspiriert. Das großartige Buch stellt würdig den Einzelnen, der "von der Rolle" ist, in den Mittelpunkt. Es urteilt nicht, nimmt beim Versuch zu verstehen fesselnd mit und bezieht doch markant Position. Es kommt zur rechten Zeit.

Die Thede (Hg.): "Eiffe for President. Alle Ampeln auf Gelb."

WDR 3 Buchkritik 31.01.2020 05:20 Min. Verfügbar bis 30.01.2021 WDR 3

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Stand: 28.01.2020, 14:03