Bachtyar Ali - Mein Onkel, den der Wind mitnahm

Buchcover: Bachtyar Ali - Mein Onkel, den der Wind mitnahm

Bachtyar Ali - Mein Onkel, den der Wind mitnahm

Von Stefan Berkholz

Bachtyar Ali gilt als der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller und Poet des autonomen irakischen Kurdistan. Sein Roman "Mein Onkel, den der Wind mitnahm" ist ein Gleichnis, ein modernes Märchen voller Rätsel und Wunder.

Bachtyar Ali: Mein Onkel, den der Wind mitnahm
Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim
Unionsverlag, 2021
160 Seiten, 20 Euro

Bachtyar, Ali: "Mein Onkel, den der Wind mitnahm"

WDR 3 Buchkritik 21.09.2021 05:24 Min. Verfügbar bis 21.09.2022 WDR 3


Der Mann, der fliegen lernte

"Ein Mann, dünn wie Zigarettenpapier, wie er sich einmal, nicht ohne Übertreibung, beschrieb. 'Ein Mann, der durchsichtig ist wie ein Reagenzglas. Alt, erschöpft, ohne Gedächtnis und pleite. Ein Geschöpf, das dazu verurteilt ist, jedes Mal wieder von vorn zu beginnen.‘ Die Krankenschwester verstand nur, dass er ein Kurde sei. Das war, was Djamschid nie vergaß."

Djamschid Khan heißt der Mann, ein Kurde, schwindelleicht ist er und durchsichtig. 1979 war er verhaftet worden, siebzehn Jahre jung war er und Kommunist. Er kam ins Gefängnis, wurde gefoltert, blieb gezeichnet für sein Leben. Aber fortan ist er zu Höhenflügen in der Lage, wie sonst keiner. Ja, er lernt tatsächlich zu fliegen, gesichert an einem Seil, das seine Neffen Salar und Smail halten, damit er nicht gänzlich vom Wind davongetragen werde. Begonnen hatte das Fliegen in einem Gefängnis im Nord-Irak.

"Solange er schwebte, war Djamschid noch Kommunist. Kaum aber war er auf dem Dach gelandet, konnte er sich daran nicht mehr erinnern. Der Wind, der ihn nordwärts trug, hatte ihn sein früheres Leben vergessen lassen. Wundersame Wandlungen geschahen, wenn der Wind ihn verwehte. Neue Leidenschaften und Träume erwachten in ihm, sobald er am Boden aufschlug. Mit jedem Sturz schwand oder verblasste ein Teil seiner Erinnerungen."

Fluch oder Segen?

Ist das nun ein Fluch oder vielmehr ein Segen, eine Gnade gar, ständig sein Gedächtnis zu verlieren? Denn jedes Mal kann Djamschid wie neu geboren beginnen und ist in seinem Schicksal nicht festgebunden. Der Erzähler hingegen, der anfangs 16-Jährige Neffe, Salar Khan, ist auf andere Weise gebunden. Wie gefesselt verfolgt er die Schauspiele und Wandlungen seines Onkels, verharrt in seinen Beobachtungen und kommt nicht davon los.

"Ich dagegen hatte weder Ziele noch Hoffnungen und lebte in den Tag hinein. Ich war bereit, dieses Land für immer aufzugeben. Djamschid einfach im Stich zu lassen, nachdem ich all die Jahre für ihn gesorgt hatte, brachte ich nicht über mich. Irgendetwas in mir hatte entschieden, ihm mein Leben zu widmen. (…) Ich kam mir vor wie ein Galeerensklave, der ständig rudert, ohne dass man ihn überhaupt bemerkt. Längst sahen die anderen in mir kein menschliches Wesen mehr. Ich war nur noch Onkels Seilhalter."

Ein "Gegensatz zwischen Werden und Starrheit"

Don Quijote und Sancho Panza? Der eine verrückt, der andere vernünftig? Nein, meint der Schriftsteller in einem Interview, er sehe die beiden in einem Spannungsverhältnis, im "Gegensatz zwischen Werden und Starrheit". Ein Jünger also und sein Herr? Ein treuer Diener jedenfalls und ein Draufgänger. Die Welt aus den Angeln heben und fliegen lernen? Oder bodenständig bleiben, treu ergeben und moralisch anständig? Obwohl der jüngere Neffe zwischendrin den Wunsch hegt, so sein zu können wie sein fliegender Onkel – aus seiner Haut raus kann er nicht.

"Ein einziges Mal wollte ich erleben, was Djamschid erlebt hatte. Die Welt von oben sehen. Von hoch oben. Die Gelassenheit und Befreiung spüren, die sich dort droben einstellten und die mir leider völlig abgingen. (…) Ich versank in der Beobachtung des Himmels, ohne dass mir die Himmelsleere je geantwortet oder mir etwas zurückgegeben hätte."

Vom Wunsch der andere zu sein

Gegen Ende aber gestehen sich beide, dass sie in Wahrheit gewünscht hatten, wie der andere sein zu können. Dazwischen wird eine wilde Odyssee beschrieben: Zunächst wünscht sich Djamschid, die Natur zu erkunden und stellt wilde Theorien darüber auf; nach einem weiteren Absturz ist er auf einmal als Aufklärungsflieger beim Militär angestellt - und erweist sich dort als Pazifist; danach gilt all sein Streben nur noch den Frauen, er trinkt viel, lässt sich durch Bordelle treiben, glaubt, seine große Liebe gefunden zu haben und verschleudert dafür sein Erbe; dann wird er zu einem Heiland und Gottgesandten, der seine Jünger um sich versammeln will; danach verdingt er sich als Flüchtlingsschlepper und wird wieder reich.

Schließlich finden wir uns in der Gegenwart des Internets wieder. In seinem Größenwahn hat sich Djamschid wechselnde Identitäten in Chatrooms eingerichtet und veröffentlicht hintergründige, abgründige Erpressungsgeschichten.

"Man nennt mich den Khan der Khans des Internets! Wer die Welt des Internets erobert, hat die Kontrolle über das Leben, den Ruf und die Würde aller Menschen! Früher waren es Diktatoren wie Stalin, Hitler und Mussolini, die eine solche Kontrolle ausübten, aber heute genügt eine Website. Man kann jemanden beliebt oder verhasst machen. Man kann den Namen eines Freundes in den Himmel heben oder den Ruf eines Feindes für immer zerstören. Denn der Mensch ist ein hirnloses Wesen, er glaubt, was im Internet veröffentlicht wird."

Ein zauberhafter Roman mit Tiefgang

Bachtyar Ali hat einen Roman mit philosophischem Tiefgang verfasst, verschmitzt und zauberhaft wirkt er, voller Rätsel und Anspielungen, melancholisch, rührselig, reichhaltig. Eine Geschichte zum Weitererzählen, ehe der Wind sie verweht.

Stand: 18.09.2021, 14:04