Anita Albus - Sonnenfalter und Mondmotten

Anita Albus - Sonnenfalter und Mondmotten

Anita Albus - Sonnenfalter und Mondmotten

Von Brigitta Lindemann

Ein neues bezauberndes Werk der Selbstvergessenheit:
Anita Albus forscht in den Metamorphosen des Schmetterlings nach dem Glück in der Natur.

Anita Albus
Sonnenfalter und Mondmotten

S. Fischer, Frankfurt a.M 2019
240 Seiten
48 Euro

Einst träumte ihm

Nicht zufällig beginnt Anita Albus´ jüngstes Buch "Sonnenfalter und Mondmotten" mit einem 2300 Jahre alten Gleichnis von der Wandlung der Dinge . Es stammt von dem berühmten chinesischen Mystiker und Dichter Dschuang Dsi:

"Einst träumte ihm, er sei ein Schmetterling der im Glück des Umherflatterns von keinem Dschuang Dsi weiß. Als er plötzlich aufwachte, war er „wirklich und wahrhaftig“ wieder Dschuang Dsi. Nun weiß er nicht, ob Dschuang Dsi träumte, er sei ein Schmetterling, oder ob der Schmetterling träumte, er sei Dschuang Dsi. Ob Mensch oder Schmetterling, Wirklichkeit oder Traum gleichviel."

Tochter, Enkelin und Urenkelin von Chemikern

Anita Albus, 1942 in München geboren, ist Tochter, Enkelin und Urenkelin von Chemikern. Eine nicht unwesentliche Voraussetzung, um ganz in der Tradition der Vorbilder die Farben ihrer mit äußerster Detailgenauigkeit gemalten Stillleben, ihrer Blumenstücke, Vögel, nun Schmetterlinge, Raupen und Puppen, selbst herzustellen. Durch Beimischungen - Honig, Gummiarabicum - verleiht sie ihnen zusätzliche Geschmeidigkeit und Glanz. Die Illusion der dritten Dimension erzeugt die Brechung von Licht durch die Schichtung von Farbpigmenten. Ebenso handhabten es jene, an denen sie sich schulte: die Vertreter der altniederländischen Malerei des frühen 15. Jahrhunderts Jan van Eyck und Rogier van der Weyden; der flämische Maler Joris Hoefnagel, 150 Jahre später im Übergang von Mittelalter und Renaissance; und immer wieder die Malerin und Wegbereiterin der Insektenkunde Maria Sibylla Merian. Ihre Reise 1699 ins südamerikanische Surinam machte die Forscherin berühmt, kostete sie einen größeren Teil ihres Besitzes und brachte ihr neben präzisen Darstellungen und neuen Erkenntnissen von Insekten und Schmetterlingen die Malaria ein. Der hier vorliegende, opulent gestaltete Band wartet auf mit zahllosen Abbildungen der Metamorphose von Raupe, Puppe und Falter aller Arten, mit Eiertafeln, Flügelmustern, Schuppenschemata und Tarnungsweisen im Gezweig. Die schönsten Bilder darunter: die der Malerin Anita Albus. Dem Wandlungstier rund um den Globus folgt die Schriftstellerin: Albus streift durch Naturwissenschaften und Künste, durch Mythen, Religionen und Literaturen. Der morphologische Gestaltwechsel des Tierchens ist bekannt: Raupe, Puppe, Schmetterling. Raupen sind tonnenförmig und gefräßig und verzehren noch die eigene Haut. Puppen machen schlicht nichts: sie fressen nicht, sehen nichts, ertasten nichts - sie überwintern nur und schaffen doch, wie Albus bezaubernd formuliert, „die makellose Auferstehung aus der eigenen Auflösung“. Bei so viel Zeitaufwand und Mühe: wer wollte da nicht den glücklich geschlüpften Schmetterling für das freieste unter den Geschöpfen halten? Ergeht es dem Menschen nicht ebenso? Gebeugt unter der Last der Daseinsfürsorge, von Zwängen umstellt und Nötigungen, sprengt er schließlich die Ketten von Natur und Gesellschaft und bricht auf – ins Offene. Diesen Vergleich hat schon vor zweihundert Jahren der Dichter Jean Paul gezogen.

"… in die Freiheit hinaus, um in den Lüften nur über Blumen zu wogen nur Liebe und Honig suchend - Ach! Wie sprechen diese Ähnlichkeiten die Wünsche unserer Psyche an - wie der Schmetterling will sie gern auf einmal die schlaffen Flügel weit und straff ausspannen; wie er hat sie mit tausend Leiden an ihrer Entfaltung gearbeitet."

Der Sinnbilder des Schmetterlings sind viele.

Etwa, dass der menschlichen Leiche im Sarge die Seele entweicht und annimmt die Gestalt des zauberischen Falters; dass des Nachts die zarten Geschöpfe den Weg leuchten auf den Friedhöfen; zu schweigen von der grausigen Zeichnung, dem kläglichen Geschrei des Totenkopfschwärmers, Atropos genannt, nach der ältesten der drei griechischen Schicksalgöttinnen, Atropos, die Unabwendbare, die den Lebensfaden durchschneidet.

Ob nun Frühlings- oder Todesbote, ob Schönheit oder Schrecken - Albus geht mit dem Vieldeutigen, den Widersprüchen, den Wandlungen ganz leicht um und elegant. Sie ist weltfromm und staunt und macht staunen. Sie ist unsentimental; sie vermenschlicht Natur nicht. Glück liegt in der umgekehrten Anverwandlung. Über Die Schönheit eines Schmetterlings, sagt Albus: von welcher Ebene aus immer man sie bewundert, es erschließen sich stets und stets neue Dimensionen. Ein menschliches Werk hielte hält dem nicht stand. Und wenn es ihr gelinge, etwas von der Schönheit dieser Dinge zu spiegeln, etwas zu zeigen, wie man es noch nie gesehen hat, dann, sagt Anita Albus, ist das viel.

Stand: 28.11.2019, 13:15