Albertine Sarrazin - Querwege

Albertine Sarrazin - Querwege

Albertine Sarrazin - Querwege

Von Dina Netz

18 Monate hat Albe im Knast gesessen. Jetzt kommt sie frei und will endlich ihr großes Ziel verwirklichen: Schriftstellerin werden.

Albertine Sarrazin
Querwege

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Ink Press, Zürich 2019
228 Seiten
20 Euro

Albertine Sarrazin: Querwege

WDR 3 Buchkritik 08.04.2020 03:13 Min. Verfügbar bis 08.04.2021 WDR 3

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Ein literarisches Testament

"Querwege" liest sich spannend wie ein Krimi. Zum einen, weil Albertine Sarrazins autobiografischer Roman im November 1966 endet. 1967 starb die Autorin bei einer Operation, "Querwege" ist also ihr literarisches Testament. Außerdem verfolgt man mit fast derselben fiebrigen Hast wie die Autorin die Frage, ob ihr Baby nun endlich geboren wird. Ihr "Baby", das ist ihr erster Roman, seine Veröffentlichung ihr wichtigstes Ziel. "Querwege" setzt damit ein, dass Albertine Sarrazin aus dem Gefängnis entlassen wird – im Frühling.

"Nun stehe ich am Bahnsteig, mit dem durchscheinenden Teint eines Keller-Chicorées, meinem zu plombierenden Zahn hinten unten links, meinem Pullover und meinen für die Jahreszeit auffälligen Strümpfen."

Freilassung und unangenehme Überraschungen

18 Monate hat sie gesessen, ihr Mann, Lou, wird erst ein Jahr später freikommen. Die Wartezeit will Sarrazin bei ihrer Adoptiv-Mutter im Kloster überbrücken, aber unmittelbar nach ihrer Freilassung beginnen die unangenehmen Überraschungen:

Albertine Sarrazin

Albertine Sarrazin

Sie erhält eine Aufenthaltsbeschränkung für einige Departements, darunter das ihrer Mutter. Und auch für Paris, was gleich zur ersten notwendigen Übertretung ihrer Auflagen führt, denn dort hat sie ein Dach über dem Kopf. Desillusioniert von früheren Freunden, ernüchtert von ihrer überhaupt ersten Arbeit als Supermarkt-Verkäuferin, kommt sie schließlich doch bei ihrer Mutter unter, die sie distanziert "Mother" nennt. Die exzessiv trinkende, rauchende und alle Ausschweifungen genießende Albe fügt sich in das streng ritualisierte Klosterleben ein, weil sie auf das Geld ihrer Mutter angewiesen ist. Auch hier zeigt sich: Die Erzählerin hat Humor:

"Ich tue Buße ohne Reue, absolviere Exerzitien ohne Frömmigkeit, sammle Pluspunkte für unsere Rückkehr ins Leben: Mother wird es nicht übers Herz bringen, uns nackt und bloß ziehen zu lassen."

Nicht für die Routine gemacht

Albertine Sarrazin nimmt sich dann eine Wohnung in der Nähe von Lous Gefängnis, jobbt ganz erfolgreich als Lokalreporterin, nimmt aber auch die Ladendiebstähle wieder auf. Sie wird gefasst, das lang ersehnte Wiedersehen mit Lou verzögert sich. Als endlich beide wieder frei sind, könnte sich ein geradezu bürgerliches Idyll mit Mann und Eigenheim einstellen. Aber Albertine Sarrazin ist nicht für die Routine gemacht.

"Ja, in dieser Zeit kehren Schlaflosigkeit und Warten zurück. Ich bin nie zufrieden, ich kann nicht leben ohne Sehnsucht, ohne Frage, und diesmal ist die Frage nicht ohne: Ich habe mich dieser Tage meines letzten Kapitels entledigt."

Von der Geburt einer Schriftstellerin

"Querwege" erzählt von der Geburt einer Schriftstellerin. Der Roman ist auch Abrechnung mit den Eltern, Kritik am Strafvollzug, Liebeserklärung an ihren Mann und ans Schreiben. Vor allem aber ist "Querwege" das eindrückliche Selbstporträt einer jungen Frau, die bedingungslos nach ihren Vorstellungen gelebt hat. Höchste Zeit, diese Schriftstellerin auch bei uns wiederzuentdecken. Denn Albertine Sarrazin erzählt mit großer Dringlichkeit, brillanter Beobachtungsgabe und viel Humor.

Stand: 07.04.2020, 16:44