Hörbuchcover: "Im Winter Schnee, nachts Sterne" von Enaiatollah Akbari

"Im Winter Schnee, nachts Sterne" von Enaiatollah Akbari/Fabio Geda

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

Enaiatollah Akbari flüchtete als Jugendlicher aus Afghanistan nach Italien. Sabin Tambrea spricht dieses Hörbuch über ein Leben zwischen zwei Welten, ehrlich, berührend, voll positiver Energie. Eine Rezension von Christian Kosfeld.

Enaiatollah Akbari, Fabio Geda: Im Winter Schnee, nachts Sterne
Ungekürzte Lesung mit Sabin Tambrea.
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt.
Der Hörverlag, 2021.
als Hörbuch Download, 14 Euro.

"Im Winter Schnee, nachts Sterne" von Enaiatollah Akbari

Lesestoff – neue Bücher 20.01.2022 05:13 Min. Verfügbar bis 20.01.2023 WDR Online Von Christian Kosfeld


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Eine Begegnung in Italien

"Ich heiße Enaiatollah Akbari, aber alle nennen mich Enaiat. Ich kam in Afghanistan zur Welt, im Hazarajat, einer sehr unwegsamen, felsigen Bergregion westlich von Kabul, übersät von Weideflächen und mit dem klarsten Himmel, den man sich nur vorstellen kann. Im Winter Schnee, nachts Sterne – so unendlich viele, dass man sich regelrecht die Taschen damit füllen kann."

Vor 17 Jahren erreichte der jugendliche Enaiat nach einer jahrelangen Flucht Italien. Sein Vater war in Afghanistan getötet worden, die Mutter hatte ihn los geschickt und war mit den jüngeren Geschwistern zurück geblieben, bedroht von Verfolgung und Krieg.

Enaiat begegnete in Italien dem Autor Fabio Geda, der seine Geschichte aufschrieb. Das Buch wurde in 33 Sprachen übersetzt.

Ein neues leben aufbauen

Jetzt berichtet Enaiat selbst, wie es ihm seither erging. In einigen Passagen erinnert sich auch Fabio Geda an Begegnungen und Gespräche. In Italien kam Akbari bei einer Gastfamilie unter, konnte einen Schulabschluss machen und nahm, um sich ein Leben aufzubauen,  jeden Job an unter anderem als Kellner.

"Es gab ein Gericht, die Spezialität des Hauses, das tinca gobba del pianalto di Poirino hieß: Goldschleie mit rundem Rücken aus Pianalto di Poirino. Jedes Mal, wenn ich das aufsagen musste, verhaspelte ich mich, die reinste Katastrophe. Deshalb vertrieb ich mir zu Hause oder unterwegs die Zeit damit, es zu wiederholen. An manchen Tagen schlief ich damit ein, dass ich herunterleierte: tinca gobba del pianalto di Poirino, tinca gobba del pianalto di Poirino, tinca gobba del pianalto di Poirino."

Leben zwischen zwei Welten

Akbari erzählt von einem Leben zwischen zwei Welten: er lebt in Frieden, Glück, kann lernen und studieren, baut sich eine Existenz auf. Zugleich ahnt er, in welchem Chaos seine Mutter und Geschwister überleben müssen.

Auch deren Geschichte ist in dieses Buch nun eingegangen: sie fliehen nach Pakistan, existieren unter erbärmlichen Umständen in Zeltlagern, können schließlich nach der Vertreibung der Taliban in die Heimat-Region Hazaradschadt in zurückkehren.  

"An jeder Hand ein Kind, die Kleinen auf den Schultern der Großen, die Alten am Stock: 'Bitte mach, dass sie nicht auf uns schießen, bitte mach, dass sie nicht in unsere Richtung schießen.' Dann leerte sich der Himmel nach und nach, und die Flugzeuge verschwanden, wie mir meine Schwester erzählte. Die Angriffe wurden seltener, und die Erde hörte auf zu beben. Ihre erste Erinnerung an die Zeit danach ist Musik. Auf einmal hörte sie Musik, was schon seit Jahren verboten war . Die Musik war einfach überall. Sie drang aus den Häusern und unter den Steinen hervor. Aus den Radios plärrten Lieder von Dawood Sarkhosh und Ahmed Zamir sowie indischer und pakistanischer Pop."

Wiedersehen mit der Familie

Enaiat Akbari erzählt in einer einfachen Sprache, fast jugendlich locker, doch auch voller  poetischer Bilder. Schonungslos berichtet er von Krieg, Flucht, Hunger. Doch seine eigene Geschichte macht Mut. Akbari engagiert sich, studiert Politik, will in NGOs arbeiten. Schließlich reist er nach Pakistan, und findet tatsächlich Mutter, Bruder und Schwester wieder.

"Ich sah sie nur an, und sie sah mich an, so als suchten wir beim jeweils anderen nach Spuren des Bruders, der Schwester, die wir zurückgelassen hatten. Bis ich merkte, dass Gucken nicht reichte, wir mussten mehr tun, jetzt ging es ans Eingemachte. Da zog ich sie in die Arme. Eine Umarmung, die alle mit einschloss, auf die wir in den letzten siebzehn Jahren hatten verzichten müssen. Die uns für unsere Entbehrungen entschädigen sollte. Lange verharrten wir so, in der Wärme des jeweils anderen. Bis sie sagte: 'Setz dich, ich mach dir einen Tee.'"

Ein Hörbuch, das berührt und fesselt

Sabin Tambrea als Sprecher ist eine ausgezeichnete Besetzung: er klingt jugendlich frisch, in seiner Haltung schlicht und klar, fast naiv. Tambrea dramatisiert nie, sondern lässt Akbaris Geschichte selbst wirken. Ein lohnendes Hörbuch, das bis zur letzten Minute berührt und fesselt.